Wen soll ich senden?
„So kommt denn her, wir wollen miteinander rechten (oder: uns auseinandersetzen)!” spricht der HErr. „Wenn eure Sünden auch rot wie Scharlach sind, sollen sie doch weiß werden wie Schnee; und sind sie auch rot wie Purpur, sollen sie doch weiß wie Wolle werden.” (Jesaja 1:18)
Warum Gott Propheten beruft
Wer nach den Geschichtsbüchern Israels, den Psalmen und den Weisheitsbüchern das Buch Jesaja aufschlägt, betritt eine neue Landschaft der Heiligen Schrift. Bisher haben wir erlebt, wie Gott mit einzelnen Menschen und mit seinem Bundesvolk gehandelt hat. Wir haben Könige kommen und gehen sehen, Siege und Niederlagen, Glauben und Abfall. In den Psalmen haben wir das Herz der Gläubigen kennengelernt, in den Sprichwörtern Gottes Weisheit für den Alltag und im Buch Kohelet die ernsten Fragen nach dem Sinn des Lebens.
Nun aber erhebt sich eine andere Stimme. Es ist die Stimme der Propheten.
Die Propheten sind keine Wahrsager. Sie lesen keine Zukunft aus Sternen oder Zeichen. Sie sind Männer und Frauen, die Gott beruft, damit sie seinen Willen verkünden. Manchmal sprechen sie über zukünftige Ereignisse. Viel häufiger aber sprechen sie über die Gegenwart. Sie decken auf, was Menschen nicht mehr sehen wollen, sie erinnern an den Bund mit Gott und zeigen den Weg zurück. Prophetie ist deshalb weit mehr als Vorhersage. Sie ist Offenbarung. Ein Prophet sieht die Welt aus Gottes Perspektive.
Das hebräische Wort für Prophet, nabi, beschreibt einen Menschen, der von Gott berufen wurde, für ihn zu sprechen. Nicht seine eigene Meinung steht im Mittelpunkt, sondern Gottes Botschaft. Deshalb beginnen viele prophetische Worte mit den einfachen, aber gewichtigen Worten: „So spricht der HERR.“
Auch heute ist dieses Prinzip unverändert. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage glaubt nicht, dass Gott irgendwann aufgehört hätte zu sprechen. Weil er seine Kinder liebt, beruft er weiterhin Propheten und Apostel, die die Kirche in unserer Zeit führen. Gerade deshalb sind die Bücher der alten Propheten keine historischen Dokumente, sondern lebendige Zeugnisse dafür, wie Gott immer handelt: Er offenbart, bevor er eingreift. Er warnt, bevor er richtet. Er lädt ein, bevor er verurteilt.
Das Buch Jesaja ist dabei einzigartig. Es umfasst 66 Kapitel und gehört zu den bedeutendsten prophetischen Schriften überhaupt. Viele Bibelwissenschaftler unterscheiden zwischen einem sogenannten Proto-, Deutero- und Tritojesaja. Damit beschreiben sie unterschiedliche sprachliche und geschichtliche Abschnitte des Buches. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage legt ihren Schwerpunkt jedoch nicht auf diese literarkritische Einteilung, sondern liest Jesaja als ein inspiriertes Schriftwerk, das Gott seinem Volk gegeben hat. Der Erlöser selbst zitierte Jesaja häufig. Auch Nephi erklärte: „Meine Seele freut sich an den Worten Jesajas.“ (2 Nephi 11:2) Abinadi stützte seine Lehre vom Messias auf Jesaja 53. Paulus griff immer wieder auf Jesajas Worte zurück, um das Evangelium Jesu Christi zu erklären. Dass so viele Propheten verschiedener Zeitalter auf Jesaja verweisen, zeigt, welch außergewöhnliche geistige Tiefe dieses Buch besitzt.
Viele Leser empfinden Jesaja zunächst als schwierig. Tatsächlich benutzt er poetische Bilder, historische Anspielungen und prophetische Symbolik. Doch hinter all diesen Bildern steht immer dieselbe Botschaft: Gott hat sein Volk nicht aufgegeben. Selbst Gericht dient letztlich der Umkehr. Selbst Warnungen entspringen seiner Liebe.
Genau mit dieser Einladung beginnt das Buch.
Jesaja schildert ein Volk, das religiöse Rituale pflegt, dessen Herz sich aber von Gott entfernt hat. Opfer werden dargebracht, Feste gefeiert, Gebete gesprochen – und dennoch sagt der Herr, dass er an all dem keinen Gefallen mehr findet. Nicht weil Opfer grundsätzlich falsch wären, sondern weil sie ohne Umkehr bedeutungslos geworden sind.
Wie aktuell diese Worte sind. Auch wir können Gewohnheiten entwickeln, die äußerlich richtig erscheinen, innerlich aber ihre Kraft verloren haben. Wir besuchen Gottesdienste, sprechen Gebete oder erfüllen Berufungen – und merken vielleicht erst spät, dass unser Herz irgendwo auf dem Weg zurückgeblieben ist.
Gerade deshalb gehört Jesaja 1:18 zu den hoffnungsvollsten Versen der gesamten Bibel.
„Wären eure Sünden auch wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee.“
Gott beginnt nicht mit einer Drohung. Er beginnt mit einer Einladung. Er fordert sein Volk nicht auf, sich selbst zu reinigen. Er bietet an, es selbst zu tun. Hinter allen prophetischen Warnungen steht immer derselbe Wunsch: Versöhnung.
Schon hier wird sichtbar, wohin das ganze Buch Jesaja führt – zu Jesus Christus. Viele nennen Jesaja deshalb das „fünfte Evangelium“. Kaum ein anderes Buch des Alten Testaments beschreibt den kommenden Messias so eindrucksvoll.
Direkt danach richtet Jesaja den Blick weit über seine eigene Zeit hinaus. Kapitel 2 beschreibt den zukünftigen Berg des Herrn, zu dem Menschen aus allen Nationen kommen werden.
„Viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN.“ (Jesaja 2:3)
Für Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage besitzen diese Worte eine besondere Bedeutung. Die Tempel des Herrn können als heutige geistige „Berge des Herrn“ verstanden werden. Menschen unterschiedlichster Sprachen und Kulturen kommen dorthin, um Bündnisse mit Gott zu schließen. Eine Vision, die Jesaja fast drei Jahrtausende zuvor beschrieben hat, erfüllt sich Schritt für Schritt vor unseren Augen.
Das diesjährige „Komm und folge mir nach“-Material führt deshalb mit gutem Grund in das Thema „Propheten und Prophezeiungen“ ein. Propheten zeigen nicht nur zukünftige Ereignisse. Sie helfen uns, Gottes Handeln in der Gegenwart zu erkennen. Sie erinnern uns daran, dass Offenbarung nicht mit den Seiten der Bibel endete. Gott spricht weiter.
Wenn wir in den kommenden Wochen Jesaja lesen, werden wir auf Gerichtsworte stoßen, auf schwer verständliche Bilder, auf Visionen ferner Zukunft und auf großartige Verheißungen über den Messias. Es lohnt sich, dabei stets dieselbe Frage mitzunehmen: Was möchte Gott seinem Volk sagen? Und was möchte er heute mir sagen?
Vielleicht ist das die wichtigste Vorbereitung auf das Studium dieses Buches. Jesaja schrieb nicht nur für Juda. Er schrieb für alle, die bereit sind, Gottes Stimme zu hören.
Ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, dass Gott auch heute durch Propheten führt, geben die Worte von Elder Jeffrey R. Holland. In seiner Ansprache „Es sind wiederum Propheten im Land“ (Generalkonferenz Oktober 2006) erinnerte er daran, dass der Herr seine Kinder auch in unserer Zeit nicht ohne Führung lässt, sondern weiterhin Propheten beruft, die auf Jesus Christus hinweisen. Damit steht die heutige prophetische Führung in derselben Linie wie Jesajas Auftrag. Jesaja verkündete nicht seine eigene Weisheit, sondern sprach das Wort des Herrn in eine Zeit hinein, in der das Volk Orientierung und Umkehr brauchte.
Auch Elder David A. Bednar erklärte in seiner Ansprache „Der Geist der Offenbarung“, dass göttliche Führung häufig nicht plötzlich und überwältigend kommt, sondern wie ein Sonnenaufgang: Schritt für Schritt wird es heller, bis wir den Weg erkennen können. Genau so wirkte auch Jesajas Dienst. Viele seiner Prophezeiungen erfüllten sich nicht unmittelbar vor seinen Augen, doch der Herr gab ihm genügend Licht, um seine Aufgabe treu zu erfüllen und sein Volk auf den kommenden Messias vorzubereiten.
Diese beiden Zeugnisse helfen uns, Jesajas Berufung besser zu verstehen. Jesaja wird deshalb manchmal als „fünftes Evangelium“ bezeichnet, weil er so deutlich auf Jesus Christus und sein Erlösungswerk hinweist. Denn die Berufung eines Propheten beginnt immer mit derselben Erfahrung: Gott spricht, und ein Mensch hört zu. Ein Prophet ist nicht jemand, der bereits alle Antworten kennt. Ein Prophet ist jemand, der bereit ist zuzuhören, zu sprechen und dem Herrn zu vertrauen.
Erst einige Kapitel später wird Jesaja seine eigene Berufung schildern. Dort hört er den Herrn fragen:
„Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?“ (Jesaja 6:8)
Bevor Jesaja antwortet, hat Gott bereits den ersten Schritt getan. Er hat gesprochen. Er hat eingeladen. Er hat vergeben.
Das tut er bis heute.
Ich bin dankbar, dass Gott sein Volk niemals ohne Propheten gelassen hat. Wenn ich die Worte Jesajas neben den Lehren der heutigen Propheten lese, erkenne ich dieselbe liebevolle Stimme. Sie ruft zur Umkehr, schenkt Hoffnung und weist unablässig auf Jesus Christus hin. Ich weiß, dass der Herr auch heute spricht. Er kennt unsere Zeit ebenso gut wie die Tage Jesajas. Deshalb bin ich dankbar für die Heilige Schrift und für lebende Propheten, die uns helfen, den Weg zurück zu unserem himmlischen Vater zu finden. Davon gebe ich von Herzen Zeugnis.
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