Alles, was atmet, lobe den Herrn
„Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Halleluja!“ (Psalm 150:6)
Psalm 146, 147, 148, 149 und 150
Die letzten Worte des Psalters sind keine Bitte mehr. Sie sind auch keine Klage und keine Frage. Sie sind ein Ruf. Ein Ruf, der mit jedem der letzten fünf Psalmen immer stärker wird: „Halleluja!“ – „Lobt den Herrn!“
Das ist bemerkenswert. Denn wer den Weg durch die Psalmen verfolgt hat, weiß, dass diese Lieder nicht in einer Welt voller Sorgenlosigkeit entstanden sind. Sie erzählen von Verrat, Angst, Schuld, Krankheit, Einsamkeit und Verfolgung. David kannte dunkle Nächte ebenso wie strahlende Tage. Andere Psalmendichter schrieben aus Zeiten des Exils, der Niederlage oder großer persönlicher Not. Dennoch endet dieses große Liederbuch nicht mit Schmerz, sondern mit Anbetung.
Vielleicht liegt gerade darin eine der schönsten Botschaften der Psalmen. Glaube bedeutet nicht, dass alle Fragen beantwortet werden. Er bedeutet auch nicht, dass jedes Leid sofort verschwindet. Aber wer den Herrn über viele Jahre erlebt hat, erkennt irgendwann einen roten Faden: Gott ist treu. Und diese Erkenntnis führt schließlich zum Lobpreis.
Psalm 146 beginnt mit einer persönlichen Entscheidung: „Lobe den HERRN, meine Seele!“ Der Psalmist wartet nicht darauf, dass sich erst alle Umstände verbessern. Er entscheidet sich bewusst, Gott zu loben. Danach erklärt er auch warum: Menschen können enttäuschen. Mächtige kommen und gehen. Ihre Pläne vergehen. Aber Gott bleibt derselbe.
Wie aktuell diese Worte sind. Unsere Welt verändert sich ständig. Regierungen wechseln. Wirtschaftliche Sicherheit kann verschwinden. Gesundheit ist nicht selbstverständlich. Selbst Beziehungen können zerbrechen. Alles Irdische ist vergänglich. Doch der Herr bleibt derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.
Deshalb beschreibt Psalm 146 den Herrn als denjenigen, der den Hungrigen Brot gibt, die Gefangenen befreit, den Blinden die Augen öffnet, die Gebeugten aufrichtet und die Fremden beschützt. Gott ist nicht fern. Er handelt.
Diese Wahrheit zieht sich durch alle letzten Psalmen hindurch. Psalm 147 preist den Herrn, weil er Jerusalem wieder aufbaut und zugleich die zerbrochenen Herzen heilt. Dieselbe Hand, die Sterne zählt und ihnen Namen gibt, verbindet auch die Wunden eines einzelnen Menschen.
Welch tröstlicher Gedanke! Gott verliert weder das große Ganze noch den Einzelnen aus den Augen. Für ihn sind unsere Sorgen niemals zu klein.
Psalm 148 erweitert den Blick noch weiter. Nun werden nicht mehr nur Menschen eingeladen, Gott zu loben. Himmel und Erde stimmen gemeinsam ein. Engel, Sonne, Mond, Sterne, Berge, Meere, Tiere und alle Völker bilden einen gewaltigen Chor.
Hier erkennen wir etwas vom eigentlichen Sinn der Schöpfung. Alles weist letztlich auf den Schöpfer hin. Jede Schönheit der Natur erinnert daran, dass hinter allem Leben ein liebender Gott steht.
Diese Gedanken finden im Buch Mormon eine wunderbare Ergänzung. Als Moroni sein Zeugnis abschließt, lädt er jeden Menschen ein, Gott selbst kennenzulernen. Er verheißt:
„Und wenn ihr diese Dinge empfangt, so möchte ich euch ermahnen, Gott, den ewigen Vater, im Namen Christi zu fragen …; und wenn ihr mit aufrichtigem Herzen und mit wirklicher Absicht fragt und Glauben an Christus habt, dann wird er euch die Wahrheit davon kundtun durch die Macht des Heiligen Geistes.“ (Moroni 10:4)
Lobpreis entsteht letztlich nicht durch Tradition oder Gewohnheit. Er wächst aus eigener Erfahrung mit Gott. Wer erlebt hat, dass der Herr Gebete erhört, vergibt, trägt und führt, kann irgendwann gar nicht anders, als ihm zu danken.
Auch die Offenbarung über die Herrlichkeit der drei Himmel zeigt dieses Ziel. In der großen Vision von Lehre und Bündnisse 76 erkennen Joseph Smith Jr. und Sidney Rigdon nicht nur Gottes Macht, sondern brechen mitten in ihrer Beschreibung immer wieder in Lobpreis aus. Wer einen Blick auf Gottes Herrlichkeit erhält, dessen Herz verändert sich. Das Evangelium führt nicht nur zu größerem Wissen. Es führt zur Anbetung.
Besonders bewegend finde ich, dass wir solche Erfahrungen auch heute in der weltweiten Kirche sehen.
Seit Beginn des Krieges in der Ukraine berichten Mitglieder immer wieder davon, wie sie trotz Sirenen, zerstörter Häuser und großer Unsicherheit weiterhin gemeinsam das Abendmahl feiern, in Tempeln dienen, Bedürftigen helfen und ihren Glauben bewahren. Viele erzählen nicht zuerst von ihrer Angst, sondern davon, wie sie Gottes Nähe erfahren haben. Manche Gemeinden mussten ihre Versammlungsorte wechseln, andere halfen Flüchtlingen oder versorgten Nachbarn mit Lebensmitteln. Inmitten großer Dunkelheit entschieden sich viele bewusst dafür, Hoffnung weiterzugeben. Ihre Berichte zeigen eindrucksvoll, dass Lobpreis nicht von äußeren Umständen abhängt, sondern von der Gewissheit, dass Christus lebt und sein Volk nicht verlässt. Diese Erfahrungen wurden in verschiedenen Ausgaben des Kirchenmagazins Liahona sowie auf der offiziellen Website der Kirche veröffentlicht.
Gerade darin spiegeln sich die letzten Psalmen wider. Lobpreis ist nicht das Gegenteil von Leid. Er ist die Antwort des Glaubens auf Gottes Treue mitten im Leid.
Vielleicht denken wir manchmal, wir hätten zu wenig Grund, Gott zu loben. Dann lohnt es sich, einen Blick zurückzuwerfen. Wie oft hat der Herr uns bereits geführt? Wie viele Gebete hat er schon beantwortet? Wie viele Türen geöffnet? Wie oft hat er Kraft geschenkt, obwohl wir selbst keine mehr hatten?
Präsident Henry B. Eyring erzählte mehrfach, wie ihn sein Vater dazu ermunterte, täglich aufzuschreiben, wie Gott ihn an diesem Tag gesegnet hatte. Anfangs erschien ihm das schwierig. Doch je länger er danach suchte, desto deutlicher erkannte er Gottes Hand im Alltag. Dankbarkeit veränderte seinen Blick auf das Leben. Aus kleinen Erfahrungen entstand ein starkes Zeugnis. Genau dazu laden auch die letzten Psalmen ein. Wer Gottes Wirken bewusst wahrnimmt, dessen Herz wird immer mehr von Dankbarkeit erfüllt. Henry B. Eyrings Ansprache „O Remember, Remember“
Vielleicht ist das auch eine schöne geistliche Übung für uns. Anstatt den Tag nur nach Problemen zu beurteilen, könnten wir uns jeden Abend fragen: Wo habe ich heute Gottes Güte gesehen? Wem konnte ich dienen? Welche Gebete wurden beantwortet? Welche kleinen Wunder wären mir beinahe entgangen?
Mit der Zeit verändert sich dadurch unser Herz. Aus Bitten wird Vertrauen. Aus Sorgen wächst Hoffnung. Und aus Hoffnung entsteht Lobpreis.
So endet der Psalter folgerichtig mit einem gewaltigen Finale. Psalm 150 zählt Instrument um Instrument auf: Hörner, Harfen, Zithern, Tamburine, Flöten und Zimbeln. Alles soll erklingen. Jede Stimme soll mitsingen. Schließlich heißt es:
„Alles, was Odem hat, lobe den HERRN!“
Es gibt keine Einschränkung. Jeder Mensch ist eingeladen. Der Lobpreis Gottes gehört nicht einigen wenigen besonders Glaubensstarken. Er ist die natürliche Antwort jedes Herzens, das Gottes Liebe erfahren hat.
Vielleicht ist genau das auch unser Auftrag als Jünger Christi. Nicht nur selbst dankbar zu sein, sondern anderen zu zeigen, weshalb wir Hoffnung haben. Unser Zeugnis muss nicht laut sein. Oft genügt ein friedliches Herz, ein freundliches Wort oder die Bereitschaft zuzuhören. Dankbarkeit ist ansteckend.
So schließt sich der Kreis der gesamten Psalmenreihe. Sie begann mit Fragen, mit Tränen und mit dem Ringen des Glaubens. Nun endet sie mit Freude, Hoffnung und Anbetung. Nicht weil alle Schwierigkeiten verschwunden wären, sondern weil Gott sich als treu erwiesen hat.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass der Herr Gebete hört. Nicht immer beantwortet er sie so, wie ich es erwarte. Aber rückblickend erkenne ich immer wieder seine führende Hand. Gerade in Zeiten der Unsicherheit hat er Frieden geschenkt, Wege geöffnet und meinen Glauben gestärkt. Deshalb kann auch ich mit den Worten des Psalmisten sagen: Solange ich lebe, möchte ich den Herrn loben. Er ist treu. Er bleibt derselbe. Und alles, was Atem hat, ist eingeladen, ihn zu preisen.
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