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Glaubensansichten

Alles, was atmet, lobe den Herrn

5. September 2026, 05:36am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bildquelle)

„Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Halleluja!“ (Psalm 150:6

Psalm 146, 147, 148, 149 und 150 

Die letzten Worte des Psalters sind keine Bitte mehr. Sie sind auch keine Klage und keine Frage. Sie sind ein Ruf. Ein Ruf, der mit jedem der letzten fünf Psalmen immer stärker wird: „Halleluja!“ – „Lobt den Herrn!“ 

Das ist bemerkenswert. Denn wer den Weg durch die Psalmen verfolgt hat, weiß, dass diese Lieder nicht in einer Welt voller Sorgenlosigkeit entstanden sind. Sie erzählen von Verrat, Angst, Schuld, Krankheit, Einsamkeit und Verfolgung. David kannte dunkle Nächte ebenso wie strahlende Tage. Andere Psalmendichter schrieben aus Zeiten des Exils, der Niederlage oder großer persönlicher Not. Dennoch endet dieses große Liederbuch nicht mit Schmerz, sondern mit Anbetung. 

Vielleicht liegt gerade darin eine der schönsten Botschaften der Psalmen. Glaube bedeutet nicht, dass alle Fragen beantwortet werden. Er bedeutet auch nicht, dass jedes Leid sofort verschwindet. Aber wer den Herrn über viele Jahre erlebt hat, erkennt irgendwann einen roten Faden: Gott ist treu. Und diese Erkenntnis führt schließlich zum Lobpreis. 

Psalm 146 beginnt mit einer persönlichen Entscheidung: „Lobe den HERRN, meine Seele!“ Der Psalmist wartet nicht darauf, dass sich erst alle Umstände verbessern. Er entscheidet sich bewusst, Gott zu loben. Danach erklärt er auch warum: Menschen können enttäuschen. Mächtige kommen und gehen. Ihre Pläne vergehen. Aber Gott bleibt derselbe. 

Wie aktuell diese Worte sind. Unsere Welt verändert sich ständig. Regierungen wechseln. Wirtschaftliche Sicherheit kann verschwinden. Gesundheit ist nicht selbstverständlich. Selbst Beziehungen können zerbrechen. Alles Irdische ist vergänglich. Doch der Herr bleibt derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. 

Deshalb beschreibt Psalm 146 den Herrn als denjenigen, der den Hungrigen Brot gibt, die Gefangenen befreit, den Blinden die Augen öffnet, die Gebeugten aufrichtet und die Fremden beschützt. Gott ist nicht fern. Er handelt. 

Diese Wahrheit zieht sich durch alle letzten Psalmen hindurch. Psalm 147 preist den Herrn, weil er Jerusalem wieder aufbaut und zugleich die zerbrochenen Herzen heilt. Dieselbe Hand, die Sterne zählt und ihnen Namen gibt, verbindet auch die Wunden eines einzelnen Menschen. 

Welch tröstlicher Gedanke! Gott verliert weder das große Ganze noch den Einzelnen aus den Augen. Für ihn sind unsere Sorgen niemals zu klein. 

Psalm 148 erweitert den Blick noch weiter. Nun werden nicht mehr nur Menschen eingeladen, Gott zu loben. Himmel und Erde stimmen gemeinsam ein. Engel, Sonne, Mond, Sterne, Berge, Meere, Tiere und alle Völker bilden einen gewaltigen Chor. 

Hier erkennen wir etwas vom eigentlichen Sinn der Schöpfung. Alles weist letztlich auf den Schöpfer hin. Jede Schönheit der Natur erinnert daran, dass hinter allem Leben ein liebender Gott steht. 

Diese Gedanken finden im Buch Mormon eine wunderbare Ergänzung. Als Moroni sein Zeugnis abschließt, lädt er jeden Menschen ein, Gott selbst kennenzulernen. Er verheißt: 

„Und wenn ihr diese Dinge empfangt, so möchte ich euch ermahnen, Gott, den ewigen Vater, im Namen Christi zu fragen …; und wenn ihr mit aufrichtigem Herzen und mit wirklicher Absicht fragt und Glauben an Christus habt, dann wird er euch die Wahrheit davon kundtun durch die Macht des Heiligen Geistes.“ (Moroni 10:4

Lobpreis entsteht letztlich nicht durch Tradition oder Gewohnheit. Er wächst aus eigener Erfahrung mit Gott. Wer erlebt hat, dass der Herr Gebete erhört, vergibt, trägt und führt, kann irgendwann gar nicht anders, als ihm zu danken. 

Auch die Offenbarung über die Herrlichkeit der drei Himmel zeigt dieses Ziel. In der großen Vision von Lehre und Bündnisse 76 erkennen Joseph Smith Jr. und Sidney Rigdon nicht nur Gottes Macht, sondern brechen mitten in ihrer Beschreibung immer wieder in Lobpreis aus. Wer einen Blick auf Gottes Herrlichkeit erhält, dessen Herz verändert sich. Das Evangelium führt nicht nur zu größerem Wissen. Es führt zur Anbetung. 

Besonders bewegend finde ich, dass wir solche Erfahrungen auch heute in der weltweiten Kirche sehen. 

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine berichten Mitglieder immer wieder davon, wie sie trotz Sirenen, zerstörter Häuser und großer Unsicherheit weiterhin gemeinsam das Abendmahl feiern, in Tempeln dienen, Bedürftigen helfen und ihren Glauben bewahren. Viele erzählen nicht zuerst von ihrer Angst, sondern davon, wie sie Gottes Nähe erfahren haben. Manche Gemeinden mussten ihre Versammlungsorte wechseln, andere halfen Flüchtlingen oder versorgten Nachbarn mit Lebensmitteln. Inmitten großer Dunkelheit entschieden sich viele bewusst dafür, Hoffnung weiterzugeben. Ihre Berichte zeigen eindrucksvoll, dass Lobpreis nicht von äußeren Umständen abhängt, sondern von der Gewissheit, dass Christus lebt und sein Volk nicht verlässt. Diese Erfahrungen wurden in verschiedenen Ausgaben des Kirchenmagazins Liahona sowie auf der offiziellen Website der Kirche veröffentlicht. 

Gerade darin spiegeln sich die letzten Psalmen wider. Lobpreis ist nicht das Gegenteil von Leid. Er ist die Antwort des Glaubens auf Gottes Treue mitten im Leid. 

Vielleicht denken wir manchmal, wir hätten zu wenig Grund, Gott zu loben. Dann lohnt es sich, einen Blick zurückzuwerfen. Wie oft hat der Herr uns bereits geführt? Wie viele Gebete hat er schon beantwortet? Wie viele Türen geöffnet? Wie oft hat er Kraft geschenkt, obwohl wir selbst keine mehr hatten? 

Präsident Henry B. Eyring erzählte mehrfach, wie ihn sein Vater dazu ermunterte, täglich aufzuschreiben, wie Gott ihn an diesem Tag gesegnet hatte. Anfangs erschien ihm das schwierig. Doch je länger er danach suchte, desto deutlicher erkannte er Gottes Hand im Alltag. Dankbarkeit veränderte seinen Blick auf das Leben. Aus kleinen Erfahrungen entstand ein starkes Zeugnis. Genau dazu laden auch die letzten Psalmen ein. Wer Gottes Wirken bewusst wahrnimmt, dessen Herz wird immer mehr von Dankbarkeit erfüllt. Henry B. Eyrings Ansprache „O Remember, Remember“ 

Vielleicht ist das auch eine schöne geistliche Übung für uns. Anstatt den Tag nur nach Problemen zu beurteilen, könnten wir uns jeden Abend fragen: Wo habe ich heute Gottes Güte gesehen? Wem konnte ich dienen? Welche Gebete wurden beantwortet? Welche kleinen Wunder wären mir beinahe entgangen? 

Mit der Zeit verändert sich dadurch unser Herz. Aus Bitten wird Vertrauen. Aus Sorgen wächst Hoffnung. Und aus Hoffnung entsteht Lobpreis. 

So endet der Psalter folgerichtig mit einem gewaltigen Finale. Psalm 150 zählt Instrument um Instrument auf: Hörner, Harfen, Zithern, Tamburine, Flöten und Zimbeln. Alles soll erklingen. Jede Stimme soll mitsingen. Schließlich heißt es: 

„Alles, was Odem hat, lobe den HERRN!“ 

Es gibt keine Einschränkung. Jeder Mensch ist eingeladen. Der Lobpreis Gottes gehört nicht einigen wenigen besonders Glaubensstarken. Er ist die natürliche Antwort jedes Herzens, das Gottes Liebe erfahren hat. 

Vielleicht ist genau das auch unser Auftrag als Jünger Christi. Nicht nur selbst dankbar zu sein, sondern anderen zu zeigen, weshalb wir Hoffnung haben. Unser Zeugnis muss nicht laut sein. Oft genügt ein friedliches Herz, ein freundliches Wort oder die Bereitschaft zuzuhören. Dankbarkeit ist ansteckend. 

So schließt sich der Kreis der gesamten Psalmenreihe. Sie begann mit Fragen, mit Tränen und mit dem Ringen des Glaubens. Nun endet sie mit Freude, Hoffnung und Anbetung. Nicht weil alle Schwierigkeiten verschwunden wären, sondern weil Gott sich als treu erwiesen hat. 

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass der Herr Gebete hört. Nicht immer beantwortet er sie so, wie ich es erwarte. Aber rückblickend erkenne ich immer wieder seine führende Hand. Gerade in Zeiten der Unsicherheit hat er Frieden geschenkt, Wege geöffnet und meinen Glauben gestärkt. Deshalb kann auch ich mit den Worten des Psalmisten sagen: Solange ich lebe, möchte ich den Herrn loben. Er ist treu. Er bleibt derselbe. Und alles, was Atem hat, ist eingeladen, ihn zu preisen.

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Wohin sollte ich vor deinem Geist fliehen?

4. September 2026, 04:38am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

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„Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken! 24 und sieh, ob ich wandle auf trüglichem Wege, und leite mich auf dem ewigen Wege!“ (Psalm 139:23–24

Psalm 135, 136, 137, 138 und 139 

Es gibt Momente, in denen wir lieber ungesehen bleiben würden. Nicht vor anderen Menschen – sondern vor Gott. Wir kennen unsere Schwächen, unsere verborgenen Gedanken, unsere unerfüllten Vorsätze und die Fragen, die wir selbst kaum auszusprechen wagen. Manchmal hoffen wir unbewusst, Gott möge an diesen Stellen nicht allzu genau hinschauen. 

Doch gerade Psalm 139 lädt uns ein, diese Angst loszulassen. David beschreibt keinen Gott, der Menschen überwacht, um Fehler zu finden. Er beschreibt einen Vater im Himmel, der uns vollständig kennt und uns dennoch liebt. Seine Allwissenheit ist keine Bedrohung. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass seine Erlösung unser ganzes Leben erreichen kann. 

Schon die ersten Verse berühren tief: 

„Herr, du hast mich erforscht und kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du kennst es; von fern erkennst du meine Gedanken.“ (Psalm 139:1–2

Es gibt niemanden auf der Erde, der uns so kennt wie Gott. Menschen sehen unser Verhalten. Gott kennt unsere Beweggründe. Menschen hören unsere Worte. Gott kennt bereits das Gebet, bevor wir es ausgesprochen haben. Menschen beurteilen den Augenblick. Gott sieht unser ganzes Leben – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – in seiner vollkommenen Liebe. 

Vielleicht liegt gerade darin ein Grund, warum viele Menschen sich vor Gott fürchten. Es ist leichter, eine Fassade aufrechtzuerhalten, als sich vollkommen erkennen zu lassen. Doch David zeigt einen anderen Weg. Er versucht nicht, sich zu verstecken. Stattdessen staunt er: 

„Von allen Seiten umgibst du mich und legst deine Hand auf mich.“ (Psalm 139:5

Dass Gott alles weiß, bedeutet nicht, dass wir gefangen sind. Es bedeutet vielmehr, dass wir niemals allein sind. 

Diese Wahrheit zieht sich durch die gesamte Heilige Schrift. Als Adam und Eva nach dem Sündenfall versuchten, sich im Garten zu verbergen, fragte Gott: „Wo bist du?“ Nicht weil er ihren Aufenthaltsort nicht kannte, sondern weil er ihr Herz erreichen wollte. Gott sucht den Menschen nicht, um ihn zu beschämen, sondern um ihn zurückzuführen. 

Auch Mose erlebte diese göttliche Erkenntnis. Nachdem ihm die Herrlichkeit Gottes gezeigt worden war, erkannte er zugleich seine eigene Begrenztheit und bekannte: „Nun weiß ich, dass der Mensch nichts ist.“ (Mose 1:10). Doch gerade diese Erkenntnis führte nicht zur Hoffnungslosigkeit, sondern zu größerem Vertrauen auf Gott. Wer erkennt, wie sehr er auf den Herrn angewiesen ist, öffnet sein Herz für Veränderung. 

In Mose 6 wird Henoch berufen, obwohl er sich selbst für ungeeignet hält. Er bezeichnet sich als langsam im Reden und fragt sich, warum gerade er berufen wird. Doch Gott sieht nicht nur den gegenwärtigen Menschen. Er sieht das, was aus ihm werden kann. Der Herr kennt unsere Möglichkeiten oft besser als wir selbst. 

Diese Sichtweise verändert auch unser Verständnis von Umkehr. Umkehr bedeutet nicht, Gott etwas zu beichten, was er noch nicht weiß. Er kennt unsere Fehler längst. Umkehr bedeutet vielmehr, dass wir ihm erlauben, unser Herz zu verändern. 

Deshalb endet Psalm 139 nicht mit einer Bitte um Schutz vor Feinden, sondern mit einer Einladung an Gott: 

„Erforsche mich … erkenne mein Herz.“ (Psalm 139:23

David bittet Gott geradezu, die Bereiche seines Lebens aufzudecken, die noch Heilung brauchen. 

Das verlangt Demut. Niemand entdeckt gern eigene blinde Flecken. Doch gerade dort beginnt geistiges Wachstum. 

Der Prophet Ether beschreibt ein ähnliches Prinzip. Der Herr erklärt: 

„Ich gebe den Menschen Schwäche, damit sie demütig seien … dann werde ich Schwaches stark machen.“ (Ether 12:27

Bemerkenswert ist, dass Gott unsere Schwächen nicht übersieht. Er kennt sie vollständig. Gleichzeitig verspricht er, sie durch seine Gnade zu verwandeln. Seine vollkommene Kenntnis unseres Herzens führt nicht zur Verurteilung, sondern zur Veränderung. 

Deshalb hängt persönliches Offenbarungsvermögen eng mit Ehrlichkeit zusammen. Solange wir versuchen, Gott etwas vorzumachen, verschließen wir uns seinem Wirken. Erst wenn wir bereit sind, unser ganzes Herz vor ihm auszubreiten, kann der Heilige Geist uns wirklich führen. 

Vielleicht erleben wir Offenbarung deshalb oft nicht als spektakuläre Vision, sondern als sanfte Korrektur. Ein Gedanke während des Schriftstudiums. Ein stiller Eindruck im Gebet. Ein Satz in einer Generalkonferenz. Eine Begegnung, die uns plötzlich erkennen lässt, woran wir arbeiten dürfen. 

Der Herr zwingt niemanden zur Veränderung. Aber er lädt uns immer wieder ein. 

Eine besonders eindrucksvolle Erinnerung daran gab Elder Patrick Kearon in seiner Generalkonferenzansprache Gottes Absicht ist es, Sie nach Hause zu bringen. Er erklärte, dass der Vater im Himmel keine Hindernisse errichtet, um seine Kinder fernzuhalten. Sein gesamter Plan zielt vielmehr darauf ab, sie zu ihm zurückzuführen. Gerade Menschen, die sich wegen ihrer Fehler oder Schwächen von Gott ungeliebt fühlen, erinnerte er daran, dass Christus niemanden zurückweist, der mit einem reuigen Herzen zu ihm kommt. Wer erkennt, dass Gott ihn vollständig kennt und dennoch liebt, muss sich nicht länger vor ihm verstecken, sondern kann sich vertrauensvoll von ihm verändern lassen. 

Auch heute erscheinen im Kirchenmagazin Liahona regelmäßig persönliche Glaubens- und Bekehrungsgeschichten von Mitgliedern aus aller Welt. Obwohl ihre Lebenswege sehr unterschiedlich sind, erzählen viele von derselben Erfahrung: Gott führte sie oft lange, bevor sie seine Hand darin erkannten. Rückblickend entdecken sie einen roten Faden aus kleinen Eingebungen, Begegnungen und Entscheidungen, durch die der Herr sie Schritt für Schritt zu Christus führte. 

Vielleicht wünschen auch wir uns manchmal deutlichere Offenbarung. Doch Psalm 139 erinnert uns daran, dass Offenbarung immer in einer Beziehung beginnt. Bevor Gott uns zeigt, welchen Weg wir gehen sollen, möchte er uns zeigen, wer wir in seinen Augen sind. 

Wenn wir regelmäßig beten: „Erforsche mich“, verändert sich unser Blick auf das Leben. Wir hören auf, unsere Identität über Fehler oder Erfolge zu definieren. Stattdessen lernen wir, uns mit Gottes Augen zu sehen. Seine Korrektur wird dann nicht zur Kränkung unseres Stolzes, sondern zu einem Ausdruck seiner Liebe. 

Gerade darin liegt große Freiheit. Wir müssen nicht perfekt erscheinen. Wir dürfen ehrlich sein. Wir dürfen Schwäche eingestehen. Wir dürfen Fragen haben. Denn nichts davon überrascht unseren Vater im Himmel. 

David beginnt den Psalm mit Gottes vollkommener Kenntnis und endet mit der Bitte um göttliche Führung: 

„Leite mich auf dem Weg der Ewigkeit.“ (Psalm 139:24

Das ist letztlich das Ziel aller Offenbarung. Nicht bloß Antworten auf einzelne Fragen zu erhalten, sondern den Weg kennenzulernen, der zu Christus führt. 

Ich glaube, dass jeder Mensch von Gott vollkommen erkannt wird. Er kennt unsere Geschichte besser als wir selbst. Er kennt unsere Ängste, unsere Hoffnungen und auch die Möglichkeiten, die wir noch gar nicht sehen. Gerade deshalb dürfen wir ihm unser Herz öffnen. Ich habe erlebt, dass ehrliche Gebete manchmal schmerzhaft sein können, weil sie verborgene Schwächen ans Licht bringen. Doch ich habe ebenso erlebt, dass genau dort der tiefste Frieden entsteht. Der Herr deckt unsere Unvollkommenheit niemals auf, um uns zu beschämen. Er tut es, weil er uns verwandeln möchte. Darum bete ich immer wieder mit David: „Erforsche mich … und leite mich auf dem Weg der Ewigkeit.“ Und ich weiß, dass Christus jeden Schritt dieses Weges mit uns geht.

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Wenn der Herr das Haus baut

3. September 2026, 04:33am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bildquelle)

„Wenn der HErr das Haus nicht baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen; wenn der HErr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.“ (Psalm 127:1

Psalm 127 und 128 

Die Welt misst Erfolg oft an Zahlen. An Einkommen, Karrieren, abgeschlossenen Projekten oder dem Ansehen, das jemand genießt. Schon früh lernen wir, Ziele zu setzen, fleißig zu arbeiten und möglichst viel aus unserem Leben zu machen. Fleiß ist eine Tugend. Verantwortung zu übernehmen gehört zu Gottes Plan. Doch mitten in all unserem Bemühen stellt Psalm 127 eine überraschende Frage: Wer baut eigentlich das Haus? 

Der Psalm spricht nicht davon, dass Arbeit unwichtig wäre. Im Gegenteil. Er setzt voraus, dass Menschen bauen, wachen, pflanzen und arbeiten. Doch er erinnert daran, dass all diese Anstrengungen ihren eigentlichen Sinn verlieren, wenn Gott nicht Mittelpunkt unseres Lebens ist. Menschen können Häuser errichten, aber nur Gott schafft ein Zuhause. Menschen können Familien gründen, doch nur der Herr kann Herzen dauerhaft miteinander verbinden. Menschen können Wohlstand erwerben, aber Frieden und bleibende Freude sind Geschenke des Himmels. 

Vielleicht gehört gerade deshalb Psalm 127 zu den bekanntesten Wallfahrtsliedern Israels. Wer nach Jerusalem hinaufzog, sah den Tempel schon aus der Ferne. Stein auf Stein war dort von Menschen gesetzt worden. Und doch wusste jeder Pilger: Nicht menschliche Baukunst machte dieses Gebäude heilig. Gottes Gegenwart war es, die dem Tempel seine Bedeutung verlieh. 

Dieses Prinzip gilt bis heute. 

Viele Menschen investieren ihr ganzes Leben in Karriere, Besitz oder persönliche Ziele. Daran ist nichts grundsätzlich falsch. Doch wenn Christus nicht der Fels ist, auf den wir bauen, bleibt oft eine innere Leere zurück. Äußerer Erfolg kann niemals ersetzen, was nur Gott schenken kann: Sinn, Hoffnung und ewigen Frieden. 

Helaman sprach denselben Gedanken Jahrhunderte später aus. Er forderte seine Söhne auf: 

„Denkt daran, denkt daran: Auf den Felsen unseres Erlösers ... müsst ihr euer Fundament bauen.“ (vgl. Helaman 5:12

Ein Haus kann eindrucksvoll aussehen und dennoch auf sandigem Boden stehen. Erst wenn Stürme kommen, zeigt sich, wie tragfähig das Fundament wirklich ist. 

So verhält es sich auch mit unserem Glauben. 

Psalm 127 lenkt unseren Blick anschließend auf einen Bereich, den Gott besonders segnet: die Familie. Kinder werden nicht als Besitz beschrieben, sondern als Erbe des Herrn. Diese Sichtweise unterscheidet sich deutlich vom Denken unserer Zeit. Familie ist nicht einfach eine private Lebensentscheidung oder eine gesellschaftliche Einrichtung. Sie gehört zu Gottes ewigem Plan. 

Dieser Gedanke wird in der Familienproklamation eindrucksvoll bestätigt. Dort lesen wir, dass die Familie von Gott eingesetzt wurde und für seinen Plan mit seinen Kindern von zentraler Bedeutung ist. Ehe, Elternschaft und gegenseitige Liebe sind nicht bloß menschliche Ideale, sondern göttliche Berufungen. 

Dabei zeichnet Psalm 128 kein unrealistisches Bild eines sorgenfreien Familienlebens. Er beschreibt vielmehr den Segen, der entsteht, wenn Menschen den Herrn fürchten und seinen Wegen folgen. Der Psalm spricht von Arbeit, Fruchtbarkeit, Frieden und mehreren Generationen, die gemeinsam Gottes Güte erleben. 

Bemerkenswert ist die Reihenfolge: Zuerst kommt die Beziehung zu Gott. Daraus erwächst Segen für Ehe, Familie und schließlich für das ganze Volk. 

Auch heute beginnt geistlicher Aufbau immer im Herzen. 

Präsident Dieter F. Uchtdorf hat mehrfach von seiner Kindheit in den Wirren des Zweiten Weltkriegs erzählt. Seine Familie musste fliehen, verlor ihre Heimat und wusste oft nicht, was der nächste Tag bringen würde. Äußerlich war vieles zerbrochen. Doch rückblickend berichtete er, dass seine Mutter ihren Glauben nie verlor. Sie schuf trotz aller Unsicherheit eine Atmosphäre des Vertrauens auf Gott. Nicht ein Gebäude machte ihre Familie stark, sondern der gemeinsame Glaube an Jesus Christus. Jahre später erkannte Präsident Uchtdorf, dass der Herr seine Familie durch alle Prüfungen hindurch getragen hatte. Psalm 127 erhält dadurch eine besonders eindrucksvolle Bedeutung: Manchmal nimmt Gott uns das Haus nicht vor dem Sturm weg, aber er baut ein Zuhause des Glaubens, das kein Krieg und keine Flucht zerstören können. 

Auch in unserem persönlichen Leben geschieht geistlicher Aufbau oft langsam. Wir wünschen uns manchmal schnelle Lösungen. Gott dagegen arbeitet häufig Generationen übergreifend. Er formt Charakter, stärkt Beziehungen und bereitet Segnungen vor, lange bevor wir sie erkennen können. 

Das betrifft ebenso unsere tägliche Arbeit. 

Psalm 127 sagt nicht, wir sollten weniger arbeiten. Er lädt uns vielmehr ein, anders zu arbeiten. Nicht aus Angst. Nicht aus ständigem Leistungsdruck. Sondern im Vertrauen darauf, dass Gott unsere Bemühungen segnet. 

Viele Menschen kennen das Gefühl, niemals genug getan zu haben. Die Aufgaben nehmen kein Ende. Selbst freie Stunden werden mit neuen Verpflichtungen gefüllt. Gerade in einer solchen Zeit spricht der Psalm überraschende Worte: 

„Den Seinen gibt es der Herr im Schlaf.“ (Psalm 127:2

Damit wird Fleiß nicht geringgeschätzt. Vielmehr erinnert Gott daran, dass letztlich nicht unsere rastlose Anstrengung die Zukunft sichert, sondern sein Segen. Wir dürfen verantwortlich arbeiten und gleichzeitig lernen, ihm das anzuvertrauen, was außerhalb unserer Kontrolle liegt. 

Vielleicht ist genau das eine der größten Glaubenslektionen unseres Lebens. 

Vertrauen bedeutet, unser Bestes zu geben und dennoch anzuerkennen, dass Gott mehr sieht als wir. Er kennt den richtigen Zeitpunkt. Er kennt die Menschen, die unseren Weg kreuzen sollen. Er kennt auch die Segnungen, auf die wir noch warten. 

Gerade deshalb spielen Tempel eine so bedeutende Rolle im Evangelium. Dort lernen wir, dass Gottes Werk immer auf Ewigkeit ausgerichtet ist. Tempel erinnern uns daran, dass Familien über den Tod hinaus bestehen können und dass Gottes Plan weit größer ist als unser gegenwärtiger Horizont. 

Vielleicht bauen wir im Moment an einer Ehe. Vielleicht an einer Familie. Vielleicht versuchen wir, den Glauben unserer Kinder zu stärken oder einen Angehörigen geduldig zu begleiten. Vielleicht kämpfen wir einfach darum, Christus im Alltag den ersten Platz einzuräumen. 

Psalm 127 lädt uns ein, immer wieder dieselbe Frage zu stellen: 

Wer baut eigentlich dieses Haus? 

Wenn die Antwort lautet: „Der Herr und ich gemeinsam", dann verändert sich unser Blick auf Erfolg. Dann zählen nicht nur sichtbare Ergebnisse. Dann werden Geduld, Gebet, Umkehr und Treue zu den eigentlichen Bausteinen unseres Lebens. 

Ich bin dankbar für das Zeugnis dieses Psalms. Immer wieder habe ich erlebt, dass Gottes Wege oft anders verlaufen als meine eigenen Pläne. Rückblickend erkenne ich jedoch, dass der Herr niemals aufgehört hat zu bauen. Er hat Türen geöffnet, Beziehungen gestärkt, Vertrauen wachsen lassen und Segnungen vorbereitet, die ich selbst nicht hätte schaffen können. Ich weiß, dass Jesus Christus der sichere Fels für das Fundament unseres Lebens ist. Wenn wir ihm den ersten Platz geben, baut er nicht nur Häuser aus Stein, sondern ein Zuhause des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe – heute und für die Ewigkeit.

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Ein Licht auf meinem Weg

2. September 2026, 04:33am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bildquelle)

„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“ 
(Psalm 119:105

Psalm 117, 118 und 119 

Wir leben in einer Zeit nahezu unbegrenzter Informationen. Noch nie war es so einfach, Antworten zu finden, Meinungen zu vergleichen oder sich innerhalb weniger Sekunden Wissen anzueignen. Dennoch erleben viele Menschen eine tiefe Orientierungslosigkeit. Nicht weil es an Informationen mangelt, sondern weil Weisheit etwas anderes ist als bloßes Wissen. Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Was ist möglich?, sondern: Welchen Weg soll ich gehen? 

Genau in diese Situation hinein spricht Psalm 119. Mit seinen 176 Versen ist er der längste Psalm der Bibel und zugleich ein großes Bekenntnis zur Liebe gegenüber Gottes Wort. Fast jeder Abschnitt hebt hervor, wie Gottes Gebote, Satzungen, Zeugnisse und Weisungen den Menschen verändern. Der Psalmist beschreibt das Wort Gottes nicht als Last, sondern als Quelle der Freude, der Hoffnung und der Freiheit. Für ihn sind die Gebote Gottes kein enges Korsett, sondern ein sicherer Weg durch eine unübersichtliche Welt. 

Besonders bekannt sind die Worte: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“ (Psalm 119:105). Das Bild ist bemerkenswert. Der Psalm spricht nicht von einem hellen Flutlicht, das den gesamten Lebensweg auf einmal sichtbar macht. Eine Leuchte erhellt immer nur die nächsten Schritte. Gott offenbart uns gewöhnlich nicht den ganzen Plan unseres Lebens. Er schenkt vielmehr genügend Licht für den nächsten Schritt des Glaubens. Vertrauen wächst, indem wir diesem Licht folgen. 

Dieses Prinzip begegnet uns immer wieder in den heiligen Schriften. Als Nephi den Auftrag erhielt, Jerusalem zu verlassen, wusste er nicht, wohin ihn der Herr schließlich führen würde. Schritt für Schritt offenbarte Gott seinen Willen. Später erklärte Nephi seinen Brüdern, dass der Heilige Geist den Menschen lehre, was sie tun sollen – oft genau dann, wenn sie bereit sind, im Glauben voranzugehen. Nicht vollständige Kenntnis, sondern gläubiger Gehorsam öffnet die Tür für weitere Offenbarung (vgl. 2 Nephi 32). 

Auch in der Wiederherstellung finden wir dieselbe Wahrheit. Als die ersten Missionare nach England gesandt wurden, kannten sie weder den Ausgang ihrer Reise noch die weitreichenden Folgen ihres Dienstes. Sie folgten dem Licht, das sie bereits empfangen hatten. Aus einzelnen Schritten des Glaubens entstand schließlich eine weltweite Kirche. Offenbarung geschieht oft genau so: nicht durch spektakuläre Ereignisse, sondern durch viele kleine Entscheidungen, die im Rückblick Gottes Führung erkennen lassen. 

Elder David A. Bednar hat dieses Prinzip häufig beschrieben. Er erklärt, dass Offenbarung meist nicht wie ein plötzlich eingeschaltetes Flutlicht wirkt, sondern eher wie der Sonnenaufgang. Das Licht nimmt langsam zu, bis wir erkennen können, was zuvor im Dunkeln lag. Viele Menschen warten auf außergewöhnliche geistige Erfahrungen, während Gott sie oft durch das tägliche Schriftstudium, aufrichtiges Gebet und beständigen Gehorsam führt. Gerade diese unscheinbaren Gewohnheiten schaffen die Voraussetzungen dafür, den Einfluss des Heiligen Geistes wahrzunehmen. In seiner Ansprache Der Geist der Offenbarung erläutert Elder Bednar eindrucksvoll, wie der Herr seine Kinder häufig Schritt für Schritt leitet. 

Als Präsident Gordon B. Hinckley 1998 in Accra den ersten Tempel für Westafrika ankündigte, erfüllte sich für viele Mitglieder ein lang gehegter Herzenswunsch. Unter ihnen waren Heilige wie Joseph William Billy Johnson, die viele Jahre für einen Tempel gebetet und gefastet hatten. Obwohl der nächste Tempel bis dahin weit entfernt war, hielten sie treu am Evangelium fest, dienten in ihren Gemeinden und vertrauten darauf, dass Gottes Verheißungen sich zu seiner Zeit erfüllen würden. Als der Tempel schließlich gebaut und geweiht wurde, erkannten viele rückblickend, dass der Herr sie die ganze Zeit über geführt hatte. Sein Licht hatte ihnen nicht den gesamten Weg gezeigt – aber stets den nächsten Schritt. (First Temple in West Africa

Psalm 119 macht außerdem deutlich, dass wahre Erkenntnis immer mit Gehorsam verbunden ist. Der Psalmist bittet Gott nicht nur um Verständnis, sondern auch um ein williges Herz. In unserer Zeit wird Freiheit häufig als völlige Unabhängigkeit verstanden. Die Schrift zeichnet jedoch ein anderes Bild. Wirkliche Freiheit entsteht dort, wo der Mensch lernt, Gottes Willen freiwillig anzunehmen. Wer sich an Gottes Weisungen orientiert, wird nicht eingeschränkt, sondern vor Wegen bewahrt, die schließlich in Enttäuschung und Leid führen. 

Diese Wahrheit erinnert an Lehre und Bündnisse 84, wo der Herr verheißt, dass diejenigen, die seine Worte aufnehmen, durch seinen Geist erleuchtet werden. Das Licht kommt also nicht allein durch das Lesen der Schrift, sondern dadurch, dass Gottes Wort unser Denken und Handeln verändert. Schriftstudium ist kein Selbstzweck. Es ist eine Begegnung mit dem lebendigen Gott. 

Vielleicht kennen wir Situationen, in denen wir gern viele Jahre im Voraus sehen würden. Welche Entscheidung ist richtig? Wie wird sich eine Krankheit entwickeln? Welche Tür wird sich öffnen? Warum schweigt der Himmel manchmal? Psalm 119 lädt uns ein, den Blick auf das Licht zu richten, das wir bereits besitzen. Oft wartet der Herr nicht darauf, dass wir alles verstehen, sondern darauf, dass wir den nächsten Schritt gehen. 

Im Alltag kann das sehr konkret werden. Vielleicht bedeutet es, den Tag mit den heiligen Schriften zu beginnen, auch wenn nur wenige Minuten zur Verfügung stehen. Vielleicht heißt es, einen empfangenen Eindruck nicht aufzuschieben, sondern umzusetzen. Vielleicht bedeutet es, auf eine Eingebung zu hören, einem Menschen zu vergeben, ein aufrichtiges Gebet zu sprechen oder trotz Unsicherheit einen Schritt des Glaubens zu wagen. Offenbarung wächst häufig aus Treue im Kleinen. 

Je länger wir mit Christus gehen, desto deutlicher erkennen wir rückblickend, wie oft er uns bereits geführt hat. Manche Antworten verstehen wir erst Jahre später. Manche Umwege entpuppen sich als notwendige Vorbereitung. Manche verschlossenen Türen bewahren uns vor Wegen, die nicht zu unserem Besten gewesen wären. Der Herr hat versprochen, seine Kinder zu führen. Nicht immer schnell, nicht immer auf spektakuläre Weise, aber immer mit vollkommener Weisheit und Liebe. 

Ich bin dankbar für das Wort Gottes. Immer wieder habe ich erlebt, dass eine Schriftstelle genau zur richtigen Zeit Frieden schenkte, Fragen beantwortete oder neue Hoffnung weckte. Oft geschah dies nicht durch außergewöhnliche Wunder, sondern ganz leise. Gerade darin erkenne ich heute die Handschrift des Herrn. Ich weiß, dass Jesus Christus lebt. Er spricht auch heute durch die heiligen Schriften und durch den Heiligen Geist. Wer sein Wort sucht und ihm vertraut folgt, wird niemals ohne Licht bleiben. Vielleicht sieht er noch nicht den ganzen Weg – aber er wird immer genügend Licht für den nächsten Schritt erhalten.

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Der König, der zugleich Erlöser ist

1. September 2026, 04:23am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bildquelle)

„Der HERR sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten … Du sollst ein Priester in Ewigkeit sein „nach der Weise Melchisedeks”.“ (Psalm 110:1,4

Psalm 110 und 116 

Manche Menschen beeindrucken durch Macht. Andere gewinnen unser Herz durch Liebe. Nur Jesus Christus vereint beides vollkommen. Psalm 110 eröffnet einen Blick in die Ewigkeit und zeigt den Messias nicht als leidenden Menschen, sondern als den erhöhten König, der zur Rechten Gottes sitzt. Gleichzeitig offenbart David etwas, das zur Zeit des Alten Testaments kaum vollständig verstanden werden konnte: Dieser König wird auch Hohepriester sein – ein ewiger Mittler zwischen Gott und den Menschen. 

Diese wenigen Verse gehören zu den am häufigsten zitierten Psalmen im Neuen Testament. Die Apostel erkannten darin eine deutliche Prophezeiung auf Jesus Christus. Nachdem der Herr auferstanden war und zum Vater zurückkehrte, erfüllte sich Davids Schau auf eindrucksvolle Weise. Christus herrscht nicht nur über Himmel und Erde; er tritt auch fortwährend für seine Kinder ein. Seine Macht dient nicht der Selbsterhöhung, sondern der Erlösung. 

Gerade darin unterscheidet sich Gottes Reich von allen menschlichen Reichen. Die Geschichte kennt zahllose Herrscher, die Macht anhäuften, um sich dienen zu lassen. Jesus Christus dagegen besitzt alle Macht, um selbst zu dienen. Er trägt nicht nur die Krone, sondern auch die Male der Nägel. Seine Herrschaft gründet sich auf sein vollkommenes Opfer. 

Der Hebräerbrief greift Psalm 110 ausführlich auf und erklärt, dass Christus der vollkommene Hohepriester ist. Anders als die Priester des Alten Bundes musste er keine wiederholten Opfer darbringen. Er brachte sich selbst dar – ein für alle Mal. Seitdem steht jedem Menschen der Weg zum Vater offen. Wer sich Christus zuwendet, begegnet keinem fernen Richter, sondern einem Erlöser, der jede Versuchung, jede Schwäche und jedes Leid aus eigener Erfahrung kennt. Der Hebräerbrief, besonders in seiner Lehre vom hohenpriesterlichen Dienst Christi (Kapitel 4–7), und Alma 7 bezeugen gemeinsam diese wunderbare Wahrheit. 

Doch auf die große Offenbarung von Psalm 110 folgt in Psalm 116 eine sehr persönliche Antwort. 

„Ich liebe den Herrn.“ 

Das ist bemerkenswert. Der Psalmist beginnt nicht mit einer theologischen Erklärung. Er spricht nicht zuerst über Gebote oder Pflichten. Seine erste Reaktion auf Gottes Erlösung lautet Liebe. 

Warum? 

„Denn er hat meine Stimme und mein Flehen gehört.“ (Psalm 116:1

Der Glaube wird hier zutiefst persönlich. Gott bleibt nicht der ferne Herrscher des Universums. Er hört das einzelne Gebet eines einzelnen Menschen. Zwischen der Majestät des ewigen Königs und dem flüsternden Gebet eines Gläubigen besteht kein Widerspruch. Gerade weil Christus der ewige König ist, kann er jedem Einzelnen nahe sein. 

Vielleicht kennen wir Augenblicke, in denen wir erst rückblickend erkennen, wie oft Gott bereits eingegriffen hat. Während einer schwierigen Zeit scheint der Himmel manchmal still zu sein. Doch später entdecken wir kleine Führungen, unerwartete Begegnungen, Trost durch den Heiligen Geist oder geöffnete Türen, die wir selbst niemals hätten öffnen können. Aus diesen Erinnerungen wächst Dankbarkeit. Und aus Dankbarkeit wächst Liebe. 

Psalm 116 stellt deshalb eine wichtige Frage, die jeder Jünger irgendwann beantworten muss: 

„Wie soll ich dem Herrn vergelten alle seine Wohltaten an mir?“ (Psalm 116:12

Natürlich können wir Gottes Gnade niemals zurückzahlen. Sein Opfer übersteigt alles, was wir jemals geben könnten. Dennoch verändert seine Liebe unser Herz so tief, dass wir ihm freiwillig unser Leben anvertrauen möchten. Gehorsam wird dann nicht zu einer Last, sondern zu einer Antwort der Liebe. 

Diese Veränderung geschieht oft schrittweise. Niemand entwickelt über Nacht vollkommenes Vertrauen. Der Herr führt seine Kinder geduldig durch Erfahrungen, in denen sie lernen, ihn immer besser kennenzulernen. 

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür gab Präsident Dallin H. Oaks. Nach dem Tod seiner ersten Frau June sprach er wiederholt darüber, dass schwere Verluste viele Fragen offenlassen. Dennoch bezeugte er, dass Gottes Plan vollkommen ist und dass der Herr seinen Kindern oft nicht sofort alle Gründe erklärt. Glaube bedeutet deshalb häufig, Gottes Zeitplan zu vertrauen, selbst wenn wir seinen Weg noch nicht vollständig verstehen. Gerade in persönlichen Prüfungen wird deutlich, dass Christus nicht nur König über die Weltgeschichte ist, sondern auch Herr über unsere individuelle Lebensgeschichte. Seine Ansprachen über Prüfungen und den Plan der Erlösung zeigen immer wieder, dass Hoffnung aus dem Vertrauen auf Christus wächst und nicht aus vollständigem Wissen. Auf der offiziellen Website der Kirche finden sich zahlreiche dieser Botschaften. Ansprachen von Präsident Dallin H. Oaks 

Dasselbe Prinzip erkennen wir im Buch Mormon. Als Alma über den Erlöser lehrte, erklärte er nicht nur dessen göttliche Macht, sondern auch dessen tiefes Mitgefühl. Christus würde Schmerzen, Krankheiten, Versuchungen und Schwächen auf sich nehmen, „damit sein Herz mit Barmherzigkeit erfüllt werde“. Er kennt den Weg durch jedes Leid, weil er ihn selbst gegangen ist. Deshalb können wir ihm vertrauen, selbst wenn wir den Ausgang noch nicht sehen. (Alma 7:11–12

Auch unser eigenes Leben wird immer wieder von dieser Entscheidung geprägt. Vertrauen wir Christus nur dann, wenn wir seine Wege verstehen? Oder vertrauen wir ihm, weil wir ihn kennen? 

Psalm 116 lädt uns ein, das Gedächtnis unseres Glaubens zu pflegen. Wer sich regelmäßig an Gottes Wohltaten erinnert, wird auch zukünftigen Prüfungen anders begegnen. Dankbarkeit wird zu einem geistlichen Fundament. Deshalb ist es so wertvoll, Gebetserhörungen aufzuschreiben, Zeugnisse festzuhalten oder im Familienkreis von Gottes Führung zu erzählen. Erinnerungen stärken den Glauben für kommende Tage. 

Vielleicht liegt darin auch eine tiefere Verbindung zwischen Psalm 110 und Psalm 116. Erst erkennen wir, wer Christus wirklich ist. Dann antwortet unser Herz. 

Je größer unsere Erkenntnis des Erlösers wird, desto natürlicher wird unsere Hingabe. Wir dienen nicht mehr nur, weil wir sollen. Wir vergeben, weil uns vergeben wurde. Wir lieben, weil wir zuerst geliebt wurden. Wir bleiben dem Bund treu, weil der Herr seinem Bund mit uns immer treu geblieben ist. 

So verwandelt Christus nicht nur unsere Zukunft, sondern auch unsere Gegenwart. Der König auf dem himmlischen Thron wird zum Hirten unseres Alltags. Der ewige Hohepriester begleitet uns in jedem Gebet. Und der Erlöser, den David prophetisch sah, begegnet auch heute jedem Menschen, der sich ihm im Glauben nähert. 

Ich bin dankbar, dass Jesus Christus zugleich König und Erlöser ist. Seine Macht schenkt Sicherheit, seine Barmherzigkeit Hoffnung und sein Sühnopfer öffnet den Weg zurück zum Vater. Immer wieder habe ich erlebt, dass der Herr Gebete hört, Wege öffnet und Frieden schenkt, auch wenn noch nicht alle Fragen beantwortet sind. Je mehr ich erkenne, wer Christus wirklich ist, desto mehr wächst der Wunsch, ihm nachzufolgen. Deshalb kann auch ich mit dem Psalmisten sagen: „Ich liebe den Herrn.“ Dieses Zeugnis trägt mich durch gute und schwere Zeiten und stärkt meine Hoffnung auf den Tag, an dem ich ihm einst von Angesicht zu Angesicht begegnen darf.

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Wenn Gott fern scheint – und doch treu bleibt

31. August 2026, 05:36am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

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„Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Psalm 103:2

Psalm 102 und 103 

Es gibt Gebete, die voller Freude sind. Es gibt Gebete, die von Dankbarkeit überfließen. Und dann gibt es jene Gebete, die kaum noch Worte finden. Gebete, die nur aus Seufzen bestehen. Gebete, in denen ein Mensch Gott sucht und ihn doch kaum zu finden scheint. 

Psalm 102 gehört zu diesen Gebeten. 

Schon die Überschrift beschreibt ihn als das Gebet eines Elenden, der verzagt ist und seine Klage vor dem Herrn ausschüttet. Der Psalmdichter verschweigt nichts. Seine Tage schwinden dahin wie Rauch. Seine Kräfte verlassen ihn. Er fühlt sich einsam wie ein Vogel in der Wüste. Selbst die Nächte bringen keine Ruhe mehr. 

Wer jemals durch eine Zeit tiefer Erschöpfung, Krankheit, Trauer oder Enttäuschung gegangen ist, erkennt sich vielleicht in diesen Worten wieder. Der Psalm macht deutlich, dass echter Glaube nicht bedeutet, Schmerzen zu verdrängen. Gott lädt uns nicht ein, unsere Gefühle zu verbergen. Im Gegenteil: Er möchte, dass wir sie vor ihn bringen. 

Gerade deshalb wirkt der Übergang zu Psalm 103 so erstaunlich. 

Kaum ist die Klage verklungen, beginnt ein völlig anderer Ton: 

„Lobe den Herrn, meine Seele.“ 

Äußerlich hat sich nichts verändert. Die Schwierigkeiten sind nicht plötzlich verschwunden. Dennoch richtet sich der Blick neu aus. 

Warum? 

Weil der Psalmdichter beginnt, sich zu erinnern. 

Er erinnert sich daran, wer Gott ist. 

Er erinnert sich daran, was Gott bereits getan hat. 

Er erinnert sich an Gottes Vergebung, seine Geduld, seine Barmherzigkeit und seine beständige Liebe. 

Vielleicht liegt hierin eines der größten Geheimnisse geistlicher Standhaftigkeit: Hoffnung entsteht oft nicht dadurch, dass sich unsere Umstände sofort ändern. Hoffnung wächst, wenn wir uns bewusst machen, dass Gott sich nicht geändert hat. 

Psalm 103 beschreibt den Herrn als denjenigen, der vergibt, heilt, erlöst und mit Güte krönt. Besonders bewegend sind die Worte: 

„Denn er weiß, was für Gebilde wir sind; er denkt daran, dass wir Staub sind.“ (Psalm 103:14

Gott erwartet keine Unfehlbarkeit. 

Er kennt unsere Grenzen. 

Er kennt unsere Müdigkeit. 

Er kennt unsere zerbrochenen Hoffnungen. 

Nichts davon überrascht ihn. 

Gerade deshalb begegnet er uns mit Erbarmen statt mit Härte. 

Diese Wahrheit zieht sich wie ein roter Faden durch die heiligen Schriften. 

Als Alma und sein Volk von den Priestern Noas unterdrückt wurden, nahm der Herr ihre Lasten nicht sofort weg. Stattdessen versprach er ihnen zunächst: „Ich will auch die Lasten, die auf eure Schultern gelegt sind, erleichtern.“ (Mosia 24:14

Ihre Umstände blieben zunächst dieselben. 

Doch ihre Kraft veränderte sich. 

Sie konnten tragen, was vorher unerträglich schien. 

Erst später schenkte Gott auch die Befreiung. 

Der Herr handelt oft genau so. 

Nicht immer verändert er zuerst die Situation. 

Manchmal verändert er zuerst uns. 

Diese Erfahrung schilderte auch Henry B. Eyring. Nach dem Tod seiner Frau June sprach er mehrfach darüber, wie Dankbarkeit ihm half, selbst mitten im Schmerz Gottes Gegenwart wahrzunehmen. Schon viele Jahre zuvor hatte ihn sein Vater eingeladen, jeden Abend aufzuschreiben, wie er Gottes Hand an diesem Tag gesehen hatte. Anfangs glaubte er oft, nichts Besonderes erlebt zu haben. Doch als er begann, bewusst nach Gottes Wirken zu suchen, erkannte er, dass der Herr ihn viel häufiger führte, als ihm zuvor bewusst gewesen war. Dieses einfache geistliche Prinzip prägte sein ganzes Leben: Wer sich erinnert, entdeckt Gottes Treue neu. Wer Gottes Treue erkennt, gewinnt neue Hoffnung für den nächsten Tag. Diese Erfahrung schilderte Präsident Eyring unter anderem in seiner Generalkonferenzansprache „O denkt daran, denkt daran“. Sie zeigt eindrucksvoll, wie Psalm 103 praktisch gelebt werden kann. 

Gerade das scheint der Psalmist zu tun. 

Er spricht nicht zuerst zu Gott. 

Er spricht zu seiner eigenen Seele. 

„Lobe den Herrn, meine Seele.“ 

Das ist kein oberflächlicher Optimismus. 

Es ist eine bewusste Entscheidung. 

Er erinnert sein Herz an Wahrheiten, die größer sind als seine augenblicklichen Gefühle. 

Wie leicht geschieht das Gegenteil. 

Wir erinnern uns an Verletzungen. 

An Enttäuschungen. 

An Gebete, deren Antwort wir noch nicht erkennen. 

Doch wir vergessen stille Segnungen, kleine Wunder und unzählige Zeichen göttlicher Fürsorge. 

Deshalb fordert Psalm 103 uns auf: 

„Vergiss nicht.“ 

Dieses Vergessen geschieht selten absichtlich. 

Es geschieht im Alltag. 

Zwischen Terminen. 

Zwischen Sorgen. 

Zwischen Nachrichten und Verpflichtungen. 

Gerade deshalb ist geistliches Erinnern eine Form der Jüngerschaft. 

Vielleicht führen manche Menschen deshalb ein Dankbarkeitstagebuch. 

Andere schreiben ihre Gebetserhörungen auf. 

Wieder andere erzählen ihren Kindern und Enkeln immer wieder, wie Gott sie geführt hat. 

Israel sollte seine Feste feiern, um sich zu erinnern. 

Wir nehmen jeden Sonntag vom Abendmahl, „damit sie immer an ihn denken“ (vgl. Lehre und Bündnisse 20:77). 

Erinnerung ist kein Blick zurück aus Nostalgie. 

Sie schafft Glauben für die Zukunft. 

Wer sich an Gottes Treue gestern erinnert, kann ihm auch morgen vertrauen. 

Vielleicht beginnt deshalb die ganze Psalmenreihe genau hier. 

Nicht mit einer schnellen Lösung. 

Nicht mit triumphalem Jubel. 

Sondern mit einem Menschen, der seine Klage ehrlich ausspricht und anschließend bewusst die Güte Gottes in Erinnerung ruft. 

Beides gehört zusammen. 

Gott lädt uns ein, unser Herz vor ihm auszuschütten. 

Und anschließend erinnert er uns liebevoll daran, wer er ist. 

Vielleicht fühlst auch du dich manchmal wie der Beter aus Psalm 102. 

Vielleicht scheint Gott weit entfernt. 

Vielleicht bleiben Fragen offen. 

Vielleicht tragen deine Schultern Lasten, die andere gar nicht sehen. 

Dann dürfen die Worte aus Psalm 103 zu deinem eigenen Gebet werden. 

Nicht weil alle Probleme verschwunden wären. 

Sondern weil Gottes Wesen unverändert geblieben ist. 

Er ist noch immer barmherzig. 

Noch immer geduldig. 

Noch immer voller Güte. 

Noch immer derselbe Herr, der gestern getragen hat und morgen tragen wird. 

Vielleicht besteht der erste Schritt zurück zur Hoffnung nicht darin, eine neue Antwort zu finden. 

Vielleicht beginnt er damit, sich an die Antworten zu erinnern, die Gott bereits gegeben hat. 

Denn wer nicht vergisst, was Gott Gutes getan hat, entdeckt oft neu, dass derselbe Gott auch heute noch an seiner Seite geht. 

Mein Zeugnis 

Ich bin dankbar, dass der Herr unsere Schwachheit nicht als Hindernis für seine Liebe betrachtet. Immer wieder habe ich erlebt, dass er gerade in Zeiten, in denen ich ihn kaum wahrnahm, dennoch wirkte. Oft habe ich erst im Rückblick erkannt, wie sorgfältig er geführt, getröstet und Türen geöffnet hatte. Psalm 103 erinnert mich daran, dass Gottes Barmherzigkeit größer ist als meine Erinnerung und seine Treue beständiger als meine wechselnden Gefühle. Ich weiß, dass Jesus Christus lebt. Er kennt unsere Zerbrechlichkeit vollkommen und begegnet ihr nicht mit Verurteilung, sondern mit Liebe. Wenn wir lernen, uns an seine Güte zu erinnern, wird unser Vertrauen wachsen – auch dann, wenn der Weg noch nicht zu Ende ist.

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Er wird sein Volk erlösen

29. August 2026, 04:42am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

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„das wollen wir ihren Kindern nicht verschweigen, sondern dem künftigen Geschlecht verkünden die Ruhmestaten des HErrn und seine Stärke und die Wunder, die er getan hat.“ (Psalm 78:4

Psalm 70, 71 und 72; 78; 85 und 86 

Erinnerung, Wiederherstellung und messianische Hoffnung 

Es gehört zu den merkwürdigen Eigenschaften des Menschen, dass wir sowohl das Schmerzhafte als auch das Wunderbare vergessen können. Die Erinnerung verblasst. Was gestern noch unser Herz erfüllte, wird zur selbstverständlichen Gewohnheit. Gebete, die einst voller Sehnsucht gesprochen wurden, werden erhört – und einige Zeit später erinnern wir uns kaum noch daran, wie sehr wir einst auf Gottes Hilfe angewiesen waren. 

Genau deshalb nimmt das Erinnern in den Psalmen einen so großen Raum ein. 

Psalm 78 ist weit mehr als ein Rückblick auf Israels Geschichte. Er ist eine Einladung, das geistliche Gedächtnis lebendig zu halten. Der Psalmist erzählt von Gottes Wundern beim Auszug aus Ägypten, von seiner Führung durch die Wüste und von seiner Geduld trotz der wiederholten Untreue seines Volkes. Immer wieder zeigt sich dasselbe Muster: Gott handelt treu, das Volk vergisst, entfernt sich von ihm und gerät in Not. Doch der Herr gibt sein Volk nicht auf. Er erinnert sich an seinen Bund und beginnt immer wieder neu. 

Diese Geschichte Israels ist zugleich unsere Geschichte. 

Auch wir erleben Zeiten, in denen wir Gottes Nähe deutlich spüren. Ein Gebet wird beantwortet. Eine Entscheidung wird geführt. Ein Priestertumssegen schenkt Trost. Ein Schriftwort trifft unser Herz genau im richtigen Augenblick. Doch wenn neue Herausforderungen kommen, sind wir versucht zu denken, Gott habe uns verlassen. Dabei hat sich nicht Gottes Treue verändert – oft ist es unsere Erinnerung, die schwächer geworden ist. 

Darum fordert der Psalm dazu auf, Gottes Handeln bewusst weiterzuerzählen. Eltern sollen ihren Kindern berichten, wie der Herr geführt hat. Gläubige sollen Zeugnis geben. Generationen sollen sich gegenseitig daran erinnern, dass Gott derselbe bleibt. 

Dieses Prinzip zieht sich durch alle heiligen Schriften. Das Buch Mormon entstand ausdrücklich, damit spätere Generationen „der großen Dinge gedenken“, die Gott getan hat. Immer wieder wird dort das Wort „gedenken“ verwendet. Geistliche Stärke beginnt häufig damit, dass wir uns erinnern. 

Auch Ether 12 zeigt dieses Muster eindrucksvoll. Der Herr erinnert Moroni daran, dass großer Glaube stets auf Erfahrungen mit Gottes Treue wächst. Menschen vertrauen ihm nicht blind; sie lernen ihm zu vertrauen, weil sie erleben, dass seine Verheißungen Bestand haben. Erinnerung wird so zum Fundament neuer Hoffnung. 

Psalm 72 richtet den Blick noch weiter nach vorne. 

Hier erscheint das Bild eines vollkommen gerechten Königs. Sein Reich bringt Frieden. Die Armen werden geschützt. Unterdrückung endet. Gerechtigkeit erfüllt das Land wie fruchtbarer Regen die Erde. 

Schon die jüdischen Ausleger sahen in diesem Psalm weit mehr als einen Wunsch für Salomo. Er weist auf den kommenden Messias hin. Für Christen erfüllt sich diese Hoffnung in Jesus Christus. 

Christus ist der König, dessen Reich nicht auf Macht, sondern auf Gerechtigkeit gegründet ist. Er heilt, statt zu zerstören. Er richtet auf, statt niederzudrücken. Er bringt Frieden, der tiefer reicht als politische Stabilität – Frieden zwischen Gott und seinen Kindern. 

Doch diese Verheißung ist noch nicht vollständig erfüllt. Wir leben in einer Welt voller Kriege, Ungerechtigkeit und Leid. Gerade deshalb geben die Psalmen Hoffnung. Gottes Geschichte mit seinem Volk ist noch nicht abgeschlossen. 

Psalm 85 greift diesen Gedanken auf: 

„HERR, du bist deinem Land wieder gnädig gewesen.“ (Psalm 85:2

Der Psalm erinnert zunächst an frühere Errettung. Dann folgt die Bitte um erneute Wiederherstellung. Schließlich mündet alles in die hoffnungsvolle Zusage: 

„Gnade und Wahrheit sind einander begegnet, Gerechtigkeit und Friede küssen sich.“ (Psalm 85:11

Diese Worte weisen weit über die damalige Zeit hinaus. Sie finden ihre tiefste Erfüllung im Sühnopfer Jesu Christi. Am Kreuz begegnen sich vollkommene Gerechtigkeit und vollkommene Barmherzigkeit. Dort zeigt Gott endgültig, dass seine Liebe stärker ist als Schuld und Tod. 

Auch die Wiederherstellung des Evangeliums ist Ausdruck dieser göttlichen Treue. Gott hat sein Werk nicht aufgegeben. Er hat erneut Propheten berufen, Priestertumsvollmacht wiederhergestellt und das Buch Mormon hervorgebracht – ein weiterer Zeuge für Jesus Christus und zugleich eine Erinnerungsschrift für unsere Zeit (Lehre und Bündnisse 20:8–12). Sie ruft uns immer wieder dazu auf, Gottes Wirken nicht zu vergessen und seine Bündnisse treu zu halten. 

Diese Wahrheit zeigt sich auch in der neueren Geschichte der Kirche. 

Präsident Dieter F. Uchtdorf berichtet häufig von seiner Kindheit als Flüchtling nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Familie musste ihre Heimat verlassen und wusste oft nicht, wie die Zukunft aussehen würde. Rückblickend erkannte er jedoch, dass der Herr sie auf jedem Schritt begleitet hatte. Was damals wie Unsicherheit erschien, wurde später zu einem bleibenden Zeugnis göttlicher Führung. Seine Erfahrungen erinnern daran, dass Gottes Hilfe oft erst im Rückblick in ihrer ganzen Tiefe sichtbar wird. Wer sich erinnert, entdeckt Spuren göttlicher Treue, die im Augenblick der Prüfung kaum zu erkennen waren. Biografie von Präsident Dieter F. Uchtdorf 

Ebenso eindrucksvoll ist die Entwicklung der Kirche in Ghana. Jahrzehntelang warteten gläubige Menschen darauf, die Fülle der Segnungen des Evangeliums empfangen zu können. Trotz schwieriger Umstände hielten viele treu am Glauben fest. Heute stehen Tempel in Afrika, Gemeinden wachsen, und Millionen Menschen können Bündnisse mit Gott schließen. Was einst wie eine ferne Verheißung erschien, ist Wirklichkeit geworden. Gottes Zeitplan mag anders sein als unserer, doch seine Verheißungen erfüllen sich zuverlässig. Geschichte der Kirche in Ghana 

Neil L. Andersen berichtet immer wieder von Mitgliedern in Ländern, in denen der Glaube Ablehnung oder sogar Verfolgung mit sich bringt. Dennoch bleiben viele standhaft, weil sie wissen, was Gott bereits in ihrem Leben getan hat. Ihre Erinnerung an frühere Segnungen schenkt Kraft für neue Herausforderungen. Gerade unter schwierigen Umständen wird deutlich, dass Hoffnung nicht aus günstigen Umständen wächst, sondern aus der Gewissheit, dass Christus derselbe ist – gestern, heute und in Ewigkeit. Geistig prägende Erinnerungen 

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Anwendungen dieser Psalmen. 

Führe ein geistliches Gedächtnis. 

Schreibe Gebetserhörungen auf. 

Erzähle deinen Kindern von Gottes Führung. 

Lies alte Tagebucheinträge. 

Teile dein Zeugnis. 

Denn wenn der nächste Sturm kommt, wirst du nicht nur auf deine gegenwärtigen Gefühle angewiesen sein. Du wirst auf das zurückblicken können, was Gott bereits getan hat. Vergangene Gnade wird zur Grundlage zukünftigen Vertrauens. 

Psalm 86 endet mit der Bitte: 

„Gib mir ein Zeichen deiner Güte.“ (Vers 17

Manchmal erwarten wir spektakuläre Wunder. Doch häufig besteht Gottes Antwort darin, uns an frühere Wunder zu erinnern. Seine Treue in der Vergangenheit wird zum Beweis seiner Treue für die Zukunft. 

Darum endet dieser Schriftblock nicht mit einem Blick zurück, sondern mit Hoffnung. 

Der Messias regiert. 

Sein Werk der Wiederherstellung geht weiter. 

Seine Verheißungen gelten noch immer. 

Und eines Tages wird das Friedensreich, von dem Psalm 72 spricht, vollständig Wirklichkeit werden. 

Bis dahin erinnert sich Gottes Volk – und lebt aus dieser Erinnerung voller Hoffnung. 

Mein persönliches Zeugnis 

Ich bin dankbar, dass Gott uns nicht nur Verheißungen für die Zukunft schenkt, sondern auch Erinnerungen an sein bisheriges Handeln. Immer wieder durfte ich erleben, dass der Herr Wege öffnet, die ich selbst nicht sehen konnte. Oft habe ich seine Führung erst im Rückblick klar erkannt. Gerade deshalb stärken mich die Psalmen so sehr. Sie laden mich ein, Gottes Treue bewusst festzuhalten und sie an die nächste Generation weiterzugeben. Ich weiß, dass Jesus Christus derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit. Er hat sein Volk nie vergessen, und er wird auch uns nicht vergessen. Seine Wiederherstellung der Fülle Seines Evangeliums in unserer Zeit ist ein lebendiges Zeugnis dafür, dass seine Verheißungen Bestand haben. Dafür bin ich von Herzen dankbar.

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Warum schweigst du, Herr?

28. August 2026, 04:45am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

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„Ich will gedenken der Taten des HErrn, will gedenken deiner Wunder von der Vorzeit her,“ (Psalm 77:12

Psalm 69 und 77 

Hoffnung inmitten von Leid und Dunkelheit 

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen der Himmel verschlossen scheint. 

Man betet – und die Antwort bleibt aus. Man bittet um Trost – doch die Trauer bleibt. Man fleht um Hilfe – und die Umstände ändern sich nicht. Gerade Menschen mit tiefem Glauben kennen solche Zeiten. Vielleicht sogar besonders sie. Denn wer Gott liebt, empfindet seine scheinbare Ferne umso schmerzlicher. 

Die Psalmen verschweigen diese Erfahrungen nicht. Sie gehören zu den ehrlichsten Texten der Heiligen Schrift. Psalm 69 und Psalm 77 geben einer Not Ausdruck, die viele Gläubige aller Zeiten empfunden haben. 

David ruft: 

„Hilf mir, Gott! Denn das Wasser geht mir bis an die Seele.“ (Psalm 69:2

Er beschreibt Menschen, die ihn verfolgen, Ungerechtigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung. Er fühlt sich verlassen, missverstanden und erschöpft. Es sind Worte, die erstaunlich modern klingen. Jeder Mensch, der schon einmal durch Krankheit, Trauer, Depression oder große Enttäuschung gegangen ist, erkennt sich darin wieder. 

Doch Psalm 69 weist zugleich weit über David hinaus. 

Viele Aussagen dieses Psalms erfüllen sich später im Leben Jesu Christi. Als Christus am Kreuz Essig gereicht wird (Johannes 19:28–29), erinnert dies unmittelbar an Psalm 69. Der leidende König Israels wird zu einem prophetischen Bild des leidenden Messias. 

Kein Mensch kennt die Erfahrung göttlicher Stille besser als Jesus Christus. 

In Gethsemane trug er die Last aller Sünden, allen Leids und aller Schmerzen der Menschheit. Auf Golgota erklang schließlich jener erschütternde Ruf: 

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15:34

Der Sohn Gottes kannte das Gefühl völliger Einsamkeit. 

Gerade deshalb versteht er jede unserer Nächte. 

Vielleicht liegt hierin einer der größten Tröstungen des Evangeliums: Wir beten nicht zu einem fernen Gott, der unser Leid nur theoretisch kennt. Unser Erlöser ist den Weg selbst gegangen. Er weiß, wie sich Schweigen anfühlt. Er weiß, wie Hoffnung gegen Verzweiflung verteidigt werden muss. Deshalb vermag er „seinem Volk gemäß seinen Schwächen beizustehen“ (Alma 7:11–12). 

Psalm 77 beschreibt eine ähnliche innere Krise. 

Der Psalmdichter ringt mit Fragen, die wohl jeder Gläubige irgendwann stellt: 

„Hat Gott seine Gnade vergessen?“ 

„Ist seine Barmherzigkeit zu Ende?“ 

„Hat er aufgehört, mich zu hören?“ 

Diese Fragen entstehen nicht aus Unglauben. 

Sie entstehen aus Schmerz. 

Gerade Menschen, die Gott lieben, leiden darunter, wenn sie seine Nähe nicht mehr spüren. 

Doch mitten im Psalm geschieht etwas Entscheidendes. 

Die Umstände ändern sich zunächst überhaupt nicht. 

Aber der Blick des Psalmisten verändert sich. 

Statt immer wieder auf seine gegenwärtige Dunkelheit zu schauen, beginnt er sich zu erinnern. 

„Ich will gedenken der Taten des Herrn.“ (Psalm 77:12

Er denkt an den Auszug Israels aus Ägypten. 

An Gottes Wunder. 

An frühere Gebetserhörungen. 

An frühere Erfahrungen seiner Nähe. 

Erinnerung wird zur Brücke zwischen vergangener Gnade und gegenwärtigem Glauben. 

Das ist ein bemerkenswertes geistliches Prinzip. 

Gott lädt sein Volk immer wieder ein, sich zu erinnern. 

Israel erinnert sich an das Passah. 

Die Jünger erinnern sich beim Abendmahl an Christus. 

Wir erneuern jeden Sonntag beim Abendmahl unsere Bündnisse und erinnern uns bewusst an den Erlöser. 

Erinnerung ist weit mehr als Nostalgie. 

Sie ist geistliche Kraft. 

Wenn wir vergessen, was Gott bereits getan hat, erscheinen gegenwärtige Schwierigkeiten oft größer als sie wirklich sind. 

Wenn wir uns erinnern, wächst Vertrauen. 

Elder Jeffrey R. Holland sprach in seiner bewegenden Generalkonferenzansprache Wie ein zerbrochenes Gefäß über Menschen, die unter Depression, Hoffnungslosigkeit oder seelischer Erschöpfung leiden. Er machte deutlich, dass solche Erfahrungen kein Zeichen mangelnden Glaubens sind. Vielmehr brauchen Betroffene Mitgefühl, Geduld und das Vertrauen darauf, dass Christus sie kennt und trägt. Gerade wenn das Licht kaum noch sichtbar ist, bleibt Gottes Liebe bestehen. Seine Botschaft schenkt vielen Menschen Hoffnung, die sich in ihrer Dunkelheit allein fühlen. Sie erinnert daran, dass der Herr oft auch dann wirkt, wenn wir seine Gegenwart im Augenblick kaum wahrnehmen. 

Auch Präsident Dallin H. Oaks hat wiederholt darüber gesprochen, wie Prüfungen den Glauben vertiefen können. Nach dem Tod seiner ersten Frau June berichtete er, dass Trauer und Vertrauen nebeneinander bestehen können. Er erklärte, dass Gottes Plan nicht jedes Leid verhindert, sondern uns die Kraft schenkt, hindurchzugehen und auf seine Verheißungen zu bauen. Seine Erfahrungen verleihen seinen Worten besonderes Gewicht: Hoffnung bedeutet nicht, dass Schmerz verschwindet, sondern dass Christus größer ist als unser Schmerz. (lies gerne Präsident Oaks Ansprache “Timing”). 

Präsident Dieter F. Uchtdorf erinnerte sich an die Flucht seiner Familie während der Kriegszeit, als sie ihre Heimat verlassen mussten und von großer Unsicherheit geprägt waren. In einer besonders eindrücklichen Episode berichtete er, wie seine Mutter während einer Zugfahrt an einem Halt ausstieg, um Nahrung zu suchen, und der Zug währenddessen weiterfuhr – mit den Kindern an Bord. Für einen Moment war alles verloren, und die Angst der Trennung wurde zur existenziellen Erfahrung von Ohnmacht. Später jedoch wurden Mutter und Kinder wieder miteinander vereint. Rückblickend beschrieb Präsident Uchtdorf diese Erfahrung als Teil eines Weges, der ihn lehrte, Vertrauen in Gottes Führung zu entwickeln – auch dann, wenn der eigene Blick auf den Weg versperrt ist und die Gegenwart Gottes nicht unmittelbar spürbar erscheint. (“Die unendliche Macht der Hoffnung” Oktober 2008). 

Auch Hiob kennt diese Erfahrung. 

Er verliert nahezu alles. 

Freunde verstehen ihn nicht. 

Seine Fragen bleiben lange unbeantwortet. 

Doch schließlich begegnet er Gott auf eine Weise, die sein ganzes Verständnis verändert. 

Nicht jede Frage wird beantwortet. 

Aber die Gegenwart Gottes wird größer als alle offenen Fragen. 

Dasselbe erleben die Jünger nach der Kreuzigung. 

Der Freitag endet scheinbar hoffnungslos. 

Der Samstag bleibt still. 

Erst am Ostermorgen erkennen sie, dass Gott während der ganzen Zeit gehandelt hat. 

Manchmal lebt unser Glaube genau zwischen Karfreitag und Ostersonntag. 

Wir sehen den Ausgang noch nicht. 

Aber Gott sieht ihn bereits. 

Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieser Psalmen. 

Der Himmel schweigt nicht unbedingt. 

Manchmal spricht Gott leiser, als wir erwarten. 

Manchmal wirkt er verborgen. 

Manchmal bereitet er Antworten vor, die wir erst später erkennen. 

Bis dahin lädt er uns ein, uns zu erinnern. 

An frühere Segnungen. 

An vergangene Gebetserhörungen. 

An seine Verheißungen. 

Vor allem aber an Jesus Christus. 

Denn wenn wir den Erlöser betrachten, erkennen wir: Gottes Liebe verschwindet nicht in unseren dunkelsten Stunden. 

Sie begleitet uns gerade dort. 

Persönliches Zeugnis 

Ich bin dankbar für diese ehrlichen Psalmen. Sie zeigen mir, dass Zweifel, Trauer und das Empfinden göttlicher Ferne kein Zeichen fehlenden Glaubens sein müssen. Der Herr weist Menschen nicht zurück, die mit gebrochenem Herzen zu ihm kommen. Immer wieder habe ich erlebt, dass Antworten manchmal später kommen, als ich gehofft hatte – aber niemals außerhalb seiner vollkommenen Weisheit. Wenn ich zurückblicke und mich an Gottes bisheriges Handeln erinnere, wächst neues Vertrauen für den nächsten Schritt. Ich weiß, dass Jesus Christus unsere tiefsten Schmerzen kennt. Weil Er den einsamsten Weg gegangen ist, kann er uns auch durch unsere dunkelsten Nächte führen. Davon bin ich von Herzen überzeugt.

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Kommt und seht die Werke Gottes – Dankbarkeit verändert den Blick

27. August 2026, 05:24am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

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“Kommt her und höret, ihr Gottesfürchtigen alle: ich will erzählen, was er an meiner Seele getan!” (Psalm 66:16

Psalm 65 und 66 

Es gibt Erlebnisse, die uns zunächst kaum bedeutsam erscheinen. Ein freundliches Wort zur rechten Zeit. Eine unerwartete Hilfe. Ein Gedanke, der plötzlich Klarheit schenkt. Ein Gebet, dessen Antwort wir erst Wochen oder Monate später erkennen. Solche Erfahrungen wirken oft unscheinbar. Und doch sind es gerade diese kleinen Spuren Gottes, die im Rückblick unser Leben prägen. 

Psalm 65 und 66 laden uns ein, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Der Psalmist sieht Gottes Größe nicht nur in außergewöhnlichen Wundern. Er erkennt sie ebenso in der Fruchtbarkeit der Erde, im Wechsel der Jahreszeiten, im Regen, der die Felder tränkt, und in den alltäglichen Segnungen des Lebens. Alles wird zum Anlass des Lobes. 

Doch mitten in dieser Dankbarkeit verschweigt er auch die schwierigen Zeiten nicht. 

„Denn du hast uns geprüft, Gott; du hast uns geläutert, wie Silber geläutert wird.“ (Psalm 66:10

Gerade diese Verbindung macht den Psalm so bemerkenswert. Dankbarkeit entsteht nicht deshalb, weil das Leben leicht gewesen wäre. Sie wächst, weil Gott selbst durch schwere Zeiten hindurch treu geblieben ist. 

Vielleicht kennen wir alle dieses Phänomen. Während einer Prüfung fragen wir uns manchmal, warum Gott schweigt. Erst viel später erkennen wir, wie sehr er uns getragen hat. Im Rückblick entdecken wir Zusammenhänge, die uns damals verborgen geblieben waren. Das Leid verschwindet dadurch nicht, aber es erhält einen anderen Rahmen. Was zunächst wie Zufall aussah, erscheint plötzlich als liebevolle Führung. 

Deshalb fordert der Psalmist seine Zuhörer nicht nur zum Staunen auf, sondern auch zum Erzählen: 

„Kommt und hört zu … ich will erzählen, was er für mich getan hat.“ (Psalm 66:16

Glaube bleibt nicht nur im Herzen verborgen. Er möchte ausgesprochen werden. 

Präsident Henry B. Eyring berichtete einmal, wie er durch eine geistige Eingebung begann, jeden Abend aufzuschreiben, wie Gott seine Familie an diesem Tag gesegnet hatte. Vor jedem Eintrag stellte er sich bewusst die Frage, ob er Gottes Hand im Leben seiner Familie gesehen habe. Anfangs schien vieles alltäglich zu sein. Doch je konsequenter er den Tag im Gebet Revue passieren ließ, desto häufiger erkannte er Gottes leises Wirken – oft gerade in den unscheinbaren Momenten, die ihm zuvor entgangen waren. Sein Zeugnis wuchs, weil das bewusste Erinnern ihm half, Gottes Führung immer deutlicher wahrzunehmen. 

Viele kennen diese eindrucksvolle Erfahrung aus seiner Ansprache „O denkt daran, denkt daran“. Präsident Eyring schilderte, wie ihn diese tägliche Gewohnheit veränderte. Er begann, bewusster zu leben, aufmerksamer zu beobachten und Gottes Eingreifen immer häufiger wahrzunehmen. Aus einzelnen Erlebnissen entstand nach und nach ein persönliches Zeugnis von einem Gott, der seine Kinder kennt und begleitet. Wer beginnt, Gottes Hand aufzuschreiben, entdeckt oft mehr von ihr. Wer davon erzählt, stärkt nicht nur den eigenen Glauben, sondern auch den Glauben anderer. (Ansprache: O denkt daran, denkt daran Oktober-Generalkonferenz 2007

Vielleicht ist genau das eine der größten Botschaften dieses Psalms: Dankbarkeit verändert nicht zuerst unsere Umstände, sondern unseren Blick. 

Auch heute erleben Mitglieder der Kirche weltweit, wie Gott selbst in schwierigen Lebenslagen Hoffnung schenkt. 

Ein bewegendes Beispiel sind die Mitglieder in Ghana und anderen Teilen Westafrikas. Viele von ihnen warteten jahrzehntelang auf einen Tempel in ihrer Heimat und mussten für Tempelverordnungen weite Reisen nach Südafrika oder sogar nach Europa unternehmen. Sie fasteten und beteten beharrlich für einen Tempel. Als Präsident Gordon B. Hinckley 1998 in Accra den Bau des ersten Tempels in Westafrika ankündigte, brachen Tausende Mitglieder in Jubel aus; viele weinten vor Freude. Für sie war der Tempel weit mehr als ein Gebäude – er war ein sichtbares Zeugnis dafür, dass Gott seine Verheißungen erfüllt, manchmal nach langer Geduld, aber niemals zu spät. (First Temple in West Africa

Solche Geschichten erinnern daran, dass Gottes Zeitplan häufig anders aussieht als unser eigener. Doch gerade das Warten kann den Glauben vertiefen. 

Ebenso beeindruckend ist die weltweite humanitäre Arbeit der Kirche. Nach Naturkatastrophen, Hungersnöten oder Kriegen leisten Mitglieder gemeinsam mit vielen Partnerorganisationen Hilfe – unabhängig von Religion oder Herkunft. Nach den schweren Erdbeben in der Türkei und Syrien im Jahr 2023 wurden Lebensmittel, Decken, medizinische Versorgung und Notunterkünfte bereitgestellt. Freiwillige arbeiteten gemeinsam mit örtlichen Organisationen daran, Menschen Hoffnung zu geben. Viele Betroffene berichteten später, dass sie nicht nur materielle Unterstützung empfingen, sondern auch Mitgefühl und echte Nächstenliebe erfuhren. Gerade solche Taten erinnern daran, dass Gottes Liebe oft durch die Hände seiner Kinder sichtbar wird. (Siehe: Church News, „Church's relief assistance to Turkey, Syria quake victims passes $11 million“ – https://www.thechurchnews.com/global/2023/3/23/23653594/church-relief-assistance-turkey-syria-quake-victims-food-boxes-mobile-health-clinics/

Die Psalmen laden uns deshalb immer wieder ein, zurückzuschauen. Erinnerung ist im Evangelium weit mehr als Nostalgie. Sie ist geistliche Disziplin. 

Dieses Prinzip begegnet uns an vielen Stellen der Heiligen Schrift. 

Nachdem Israel den Jordan durchquert hatte, ließ der Herr zwölf Steine aus dem Flussbett aufrichten. Künftige Generationen sollten fragen: „Was bedeuten diese Steine?“ Dann sollten die Eltern erzählen, wie Gott sein Volk trockenen Fußes durch den Jordan geführt hatte (Josua 4). Erinnerung wurde bewusst sichtbar gemacht. 

Ähnlich handelte König Mosia. Immer wieder erinnerte er sein Volk daran, wie oft der Herr sie aus Knechtschaft und Bedrängnis befreit hatte. Gerade diese gemeinsamen Erinnerungen stärkten den Glauben des ganzen Volkes. 

Auch nach der Auferstehung Jesu geschah etwas Bemerkenswertes. Die Jünger konnten nicht schweigen. Was sie erlebt hatten, musste weitererzählt werden. Ihr persönliches Zeugnis wurde zur Grundlage des Glaubens unzähliger Menschen. 

Dasselbe geschieht bis heute. 

Jede Fast- und Zeugnisversammlung lebt von genau diesem Gedanken aus Psalm 66. Niemand berichtet dort von vollkommener Stärke oder einem problemlosen Leben. Vielmehr erzählen Menschen davon, wie Gott sie getragen hat. Manchmal sind es große Wunder. Oft sind es stille Erfahrungen, die nur dem Einzelnen bedeutsam erscheinen. Doch gerade diese persönlichen Zeugnisse berühren häufig am tiefsten. 

Vielleicht sollten auch wir uns gelegentlich fragen: 

Welche Geschichte meines Lebens erzählt eigentlich von Gottes Güte? 

Welche Gebetserhörung habe ich längst vergessen? 

Welche Prüfung hat sich im Nachhinein als Segen erwiesen? 

Welche Erfahrungen kennen nur wir selbst, obwohl sie anderen Mut machen könnten? 

Psalm 66 lädt uns ein, solche Erinnerungen nicht verstauben zu lassen. Denn Dankbarkeit wächst, wenn wir Gottes Hand erkennen. Und Glauben wächst, wenn wir davon erzählen. 

Vielleicht beginnt alles mit einer kleinen Gewohnheit. Ein paar Zeilen am Abend. Ein kurzer Eintrag in ein Tagebuch. Ein Gespräch in der Familie. Ein Zeugnis im richtigen Augenblick. Solche scheinbar kleinen Entscheidungen verändern nach und nach unseren Blick auf das Leben. Wir entdecken, dass Gott viel häufiger handelt, als wir zunächst bemerken. 

Dann wird Psalm 66 nicht nur zu einem alten Lied Israels. 

Er wird zu unserer eigenen Geschichte. 

Mein persönliches Zeugnis 

Ich glaube, dass Gott in unserem Leben weit mehr wirkt, als wir im Augenblick erkennen können. Immer wieder habe ich erlebt, dass sich sein Handeln oft erst im Rückblick erschließt. Gerade dann werden frühere Zweifel zu Zeugnissen seiner Treue. Ich bin dankbar für die vielen kleinen und großen Erfahrungen, durch die der Herr zeigt, dass er seine Kinder kennt. Wenn wir lernen, seine Hand bewusst wahrzunehmen und davon zu erzählen, wächst nicht nur unser eigener Glaube – wir können auch anderen Hoffnung schenken. Ich weiß, dass Jesus Christus lebt, dass er uns liebevoll führt und dass keine aufrichtige Erfahrung mit ihm zu klein ist, um weitererzählt zu werden.

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Unter dem Schatten deiner Flügel – Vertrauen in Zeiten der Bedrängnis

26. August 2026, 05:40am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bildquelle)

„Vom Ende der Erde (oder: des Landes) ruf’ ich zu dir, da mein Herz verschmachtet (= vor Angst vergeht). Auf einen Felsen, der mir zu hoch ist, wollest du mich führen!“ (Psalm 61:3

Psalm 61, 62, 63 und 64 

Es gibt Zeiten im Leben, in denen wir uns innerlich weit entfernt fühlen – weit entfernt von Sicherheit, von Frieden, manchmal sogar weit entfernt von Gott selbst. Solche Zeiten können durch Krankheit, Verlust, Konflikte, Enttäuschungen oder durch die Last einer Welt entstehen, die uns zunehmend unsicher erscheint. Gerade dann sprechen die Psalmen mit erstaunlicher Ehrlichkeit zu unserem Herzen. 

David beginnt Psalm 61 mit Worten, die viele Menschen unmittelbar nachvollziehen können: „Vom Ende der Erde rufe ich zu dir, wenn mein Herz verzagt.“ Dieses „Ende der Erde“ ist weniger ein geografischer Ort als vielmehr ein seelischer Zustand. Es beschreibt das Empfinden, abgeschnitten zu sein – von vertrauten Menschen, von Hoffnung oder von der eigenen Kraft. 

Wer hat nicht schon einmal solche Momente erlebt? Augenblicke, in denen man zwar betet, aber das Gefühl hat, die Worte würden kaum die Zimmerdecke erreichen. Zeiten, in denen Sorgen und Ängste so laut werden, dass Gottes Stimme nur noch schwer wahrzunehmen ist. 

Gerade in diese Erfahrung hinein richtet David seinen Blick auf den Herrn: „Führe mich auf den Felsen, der mir zu hoch ist.“ David weiß, dass seine eigene Kraft nicht ausreicht. Er sucht einen Ort, der höher ist als seine Ängste, größer als seine Probleme und beständiger als seine Gefühle. 

Die Psalmen 61 bis 64 zeichnen ein eindrucksvolles Bild Gottes als Zuflucht. Immer wieder spricht David von Schutz, Zuflucht, Burg und Schatten. Besonders bewegend sind die Worte: „Denn du bist meine Zuflucht gewesen, ein starker Turm vor dem Feind“ (Psalm 61:4). In einer Welt voller Unsicherheit lädt uns der Herr ein, unsere Sicherheit nicht in Umständen, Menschen oder materiellen Dingen zu suchen, sondern in ihm selbst. 

Dieses Bild des Schutzes unter Gottes Flügeln begegnet uns mehrfach in den Schriften. Ruth fand Zuflucht „unter den Flügeln“ des Gottes Israels. Der Erretter selbst verglich seine Liebe mit einer Henne, die ihre Küken unter ihre Flügel sammeln möchte. Immer wieder erlebte Nephi, dass Gott seine Familie trotz vieler Bedrängnisse in der Wildnis stärkte und führte. Der Herr bereitete Mittel, damit sie seine Gebote erfüllen und ihren Weg fortsetzen konnten (siehe 1 Nephi 17:1–6). 

Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieses Vertrauen in der Geschichte Nephis und seiner Familie. Immer wieder befanden sie sich in scheinbar ausweglosen Situationen: Hunger in der Wildnis, Spannungen innerhalb der Familie, Gefahren auf dem Meer und Ungewissheit über die Zukunft. Dennoch lernte Nephi, seine Zuflucht nicht in äußeren Sicherheiten, sondern im Herrn zu finden. Selbst als seine Brüder ihn banden und das Schiff von einem schweren Sturm bedroht wurde, blieb sein Vertrauen auf Gott bestehen. Der Herr führte und bewahrte seine Familie, auch wenn der Weg schwierig blieb. 

Auch Jared und sein Bruder erfuhren, dass Gottes Schutz nicht immer bedeutet, Schwierigkeiten zu vermeiden. Die Jarediten mussten gewaltige Ozeane überqueren. Ihre Schiffe wurden von Wellen umhergeworfen und zeitweise tief in die Meeresfluten gedrückt. Dennoch berichtet die Schrift, dass „der Wind niemals aufhörte, sie in das verheißene Land zu treiben“. Selbst inmitten des Sturms wirkte Gott zu ihrer Errettung (siehe Ether 6). 

David verschweigt allerdings nicht die Realität von Bedrohungen. In Psalm 64 beschreibt er verborgene Angriffe, heimliche Feindschaft und verletzende Worte. Seine Gegner greifen nicht mit Schwertern, sondern mit ihrer Zunge an. Wie aktuell diese Beschreibung doch ist. Auch heute entstehen viele Wunden durch Worte – durch Gerüchte, Verleumdung, Ausgrenzung oder digitale Angriffe. Nicht jede Bedrängnis ist sichtbar. Manche Kämpfe werden im Herzen ausgetragen. 

Gerade deshalb ist Davids Reaktion bemerkenswert: Er bringt seine Angst unmittelbar vor Gott. Er verdrängt seine Gefühle nicht und versucht auch nicht, allein mit ihnen fertigzuwerden. Er betet. 

Elder Ronald A. Rasband hat wiederholt bezeugt, dass göttlicher Schutz auf sehr unterschiedliche Weise erfahren werden kann. In seiner Generalkonferenzansprache „Die Welt heilen“ schilderte er mehrere Erlebnisse, bei denen Menschen in gefährlichen Situationen Führung, Warnung oder Frieden durch den Heiligen Geist empfingen. Er erinnert uns daran, dass der Herr seine Kinder kennt und ihnen oft auf sehr persönliche Weise beisteht. Nicht jede Schwierigkeit wird sofort beseitigt, aber niemand muss sie allein tragen. (Siehe „Die Welt heilen“, Generalkonferenz April 2022.) 

Ein besonders bewegendes Beispiel stammt aus unserer Zeit. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine berichten viele Mitglieder der Kirche von tiefen geistlichen Erfahrungen mitten im Chaos. Familien mussten fliehen oder wurden getrennt, und doch schilderten zahlreiche Heilige einen erstaunlichen inneren Frieden. Führer der Kirche berichteten wiederholt von Mitgliedern, die trotz Krieg und großer Unsicherheit weiterhin zusammenkamen, beteten und einander dienten. Ihre äußeren Umstände blieben schwierig, doch sie fanden Zuflucht „unter dem Schatten seiner Flügel“. (Siehe beispielsweise die Berichte Despite Challenges in Europe, Members Continue Living the Gospel of Jesus Christ und Latter-day Saints Around the World: Country Newsroom Websites, March 4, 2022.)  

Ähnliche Erfahrungen machten Mitglieder auf den Philippinen nach schweren Taifunen. Obwohl Häuser zerstört und Existenzen bedroht waren, berichteten viele Heilige, dass sie gerade in diesen Tagen die Gegenwart des Herrn besonders stark verspürten. Humanitäre Hilfe, Priestertumssegen und die Liebe der Gemeinden wurden zu sichtbaren Zeichen göttlicher Fürsorge. Oft bestand das Wunder nicht darin, dass der Sturm ausblieb, sondern dass Gott mitten im Sturm Kraft schenkte. (Siehe beispielsweise „Leaders Offer Comfort, Support in Philippines“ und „Church Applies Welfare Principles in Philippines Recovery“) 

Joseph in Ägypten verkörpert diese Wahrheit in besonderer Weise. Verraten, verkauft, zu Unrecht beschuldigt und ins Gefängnis geworfen – vieles in seinem Leben schien gegen ihn zu sprechen. Dennoch lesen wir immer wieder denselben Satz: „Der Herr war mit Joseph.“ Gottes Gegenwart bewahrte Joseph nicht vor jeder Prüfung, aber sie machte ihn fähig, sie zu überwinden. Rückblickend konnte Joseph sogar erkennen, dass Gott schwierige Erfahrungen zu etwas Gutem gewendet hatte. 

Vielleicht liegt gerade darin eine der wichtigsten Botschaften dieser Psalmen: Vertrauen bedeutet nicht, dass wir alle Antworten kennen. Vertrauen bedeutet, dass wir den kennen, der uns führt. 

Praktisch kann dieses Vertrauen auf unterschiedliche Weise wachsen. Wir können lernen, unsere Sorgen bewusst im Gebet vor den Herrn zu bringen. Wir können die heiligen Schriften lesen, gerade wenn uns nicht danach ist. Wir können Tempel und Abendmahl als Orte geistlicher Zuflucht nutzen. Und wir können andere Menschen aufsuchen, statt uns in Zeiten der Bedrängnis zu isolieren. 

Manchmal besteht Glauben schlicht darin, weiterhin zu beten, obwohl wir noch keine Antwort sehen. Manchmal bedeutet Glauben, einen weiteren Schritt zu gehen, obwohl der Weg noch im Dunkeln liegt. 

David schließt diese Psalmen nicht mit Verzweiflung, sondern mit Zuversicht. Der Gerechte wird sich im Herrn freuen. Gott hört die Stimme der Bedrängten. Er bleibt ein Fels, auch wenn unser Herz verzagt. 

Mein Zeugnis 
Ich habe selbst erlebt, dass Gottes Frieden oft nicht dadurch kommt, dass Schwierigkeiten sofort verschwinden. Häufig schenkt der Herr zuerst Kraft, Hoffnung und die Gewissheit, dass wir nicht allein sind. Gerade in Zeiten der Unsicherheit habe ich erfahren, dass Jesus Christus tatsächlich eine sichere Zuflucht ist. Er kennt unsere Ängste, unsere Einsamkeit und unsere Sorgen vollkommen. Wenn wir uns ihm zuwenden, finden wir Schutz, Trost und einen Frieden, den die Welt nicht geben kann. Davon gebe ich Zeugnis.

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