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Glaubensansichten

Wir sahen den Herrn auf der Brüstung der Kanzel

3. Oktober 2025, 06:24am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

Christi Erscheinen im Kirtland Tempel
(Bild: Quelle)

“Wir sahen den Herrn auf der Brüstung der Kanzel vor uns stehen, und unter seinen Füßen war eine Pflasterarbeit aus reinem Gold, in der Farbe wie Bernstein.” (Lehre und Bündnisse 110:2). 

Lehre und Bündnisse 110:1–10 

Einleitung 
Der 3. April 1836 im Kirtland-Tempel gilt als einer der heiligsten Tage der Wiederherstellung. Nur wenige Tage nach der feierlichen Tempelweihung empfingen Joseph Smith und Oliver Cowdery eine Folge von Visionen, die den weiteren Kurs der Kirche prägen sollten. In den Versen 1–10 tritt der Herr, Jesus Christus, selbst auf und nimmt das Haus an, das ihm geweiht wurde. Damit wird der Kirtland-Tempel zum sichtbaren Zeichen, dass Gott sein Volk annimmt und sich mitten unter sie stellt. 

Historischer Hintergrund 
Der Bau des Kirtland-Tempels war für die noch junge Kirche eine enorme Herausforderung. Die Mitglieder waren arm, viele hatten alles geopfert, um das Bauwerk zu errichten. Die Weihefeier im März 1836 war von machtvollen geistigen Manifestationen begleitet: Gesänge von himmlischen Chören, das Erscheinen von Engeln und eine Fülle des Geistes. In dieser Atmosphäre der Hingabe und des Glaubens erschien wenige Tage später der Herr selbst. 

Die Erscheinung Christi (Verse 1–4) 
Die Vision beginnt mit einer majestätischen Beschreibung: „Wir sahen den Herrn über der Brüstung des Altars stehen … und seine Augen waren wie eine Feuerflamme, das Haar seines Hauptes war weiß wie reiner Schnee, sein Antlitz leuchtete über aller Helligkeit der Sonne.“ Diese Bildsprache greift bekannte Schilderungen aus der Schrift auf. Johannes beschreibt den verherrlichten Christus in Offenbarung 1,14–16 ähnlich: Augen wie Feuerflammen, Gesicht wie die Sonne, Stimme wie mächtige Wasser. Auch im Buch Mormon berichtet die Erscheinung des auferstandenen Christus in 3. Nephi 19:5-30 von einer Weiße, die alles irdische übertrifft. 

Diese Parallelen zeigen: Joseph und Oliver begegneten nicht einer inneren Eingebung, sondern dem gleichen verherrlichten Herrn, der sich schon früher Propheten offenbart hatte. Christus tritt hier nicht als leidender Messias, sondern als König der Herrlichkeit auf – derjenige, dem der Tempel geweiht war. 

Worte des Herrn (Verse 5–10) 
Die Botschaft, die Christus spricht, ist schlicht und doch voller Macht. Zuerst bezeugt er: „Ich bin der Erste und der Letzte; ich bin der Lebendige, ich bin der, der erschlagen wurde; ich bin euer Fürsprecher beim Vater.“ Hier verbinden sich Titel aus der Offenbarung („Erster und Letzter“) mit der Erinnerung an Golgatha („der erschlagen wurde“) und der gegenwärtigen Rolle Christi als Mittler. So spannt er den Bogen von der Ewigkeit über die Vergangenheit bis zur unmittelbaren Gegenwart. 

Dann erklärt der Herr, dass er „die Gebete seiner Diener angenommen“ habe und „das Haus angenommen“ sei. Diese Zusicherung ist der Höhepunkt des Tempelbaus: Der Herr selbst bestätigt, dass seine Herrlichkeit den Tempel erfüllt. Wie einst die Wolke die Stiftshütte erfüllte (Exodus 40:34) und der Tempel Salomos von Herrlichkeit überstrahlt wurde (1. Könige 8,10–11), so nimmt Christus nun das erste Heiligtum der Wiederherstellung an. 

Besonders eindrücklich sind die Verheißungen in Vers 7–10: „Mein Name soll hier sein … mein Herz soll stets zu diesem Volk geneigt sein.“ Der Herr erklärt, dass seine Augen und sein Herz immer auf seinem Haus und seinem Volk ruhen. Er verheißt „große Segnungen“, die von Generation zu Generation fortwirken, und dass die Kirche „aus der Dunkelheit in das wunderbare Licht Gottes erhoben“ werde. 

Alttestamentliche Grundlagen 
Die Sprache der Annahme erinnert stark an die Bundesgeschichte Israels. Immer wieder bekräftigt Gott: „Ich will mitten unter euch wohnen.“ Der Tempel ist das sichtbare Zeichen dieses Bundes. So wie das Opfer im alten Israel nicht ohne Gottes Annahme wirksam war, so wäre auch der Tempelbau in Kirtland ohne das Zeugnis Christi unvollständig geblieben. 

Auch die Verbindung zu Jesaja ist erkennbar: „Das Volk, das in Finsternis wandelt, hat ein großes Licht gesehen“ (Jesaja 9:1). Christus selbst erklärt in L&B 110, dass die Kirche nun aus Dunkelheit ins Licht gehoben wird – ein direktes Echo dieser Verheißung. 

Bedeutung für die Wiederherstellung 
Die Annahme des Tempels in Kirtland markiert einen Wendepunkt. Die Gläubigen wussten nun, dass ihr Opfer nicht vergeblich war. Der Herr selbst hatte bestätigt, dass er ihr Werk anerkennt. Zudem schuf diese Vision den Raum für die folgenden himmlischen Beauftragungen (Moses, Elias, Elija), die nur in einem von Gott angenommenen Tempel stattfinden konnten. Ohne die Bestätigung Christi wären die späteren Schlüsselmachten in ihrer Autorität nicht glaubhaft gewesen. 

Bedeutung für heute 
Auch wenn der Kirtland-Tempel heute kein geweihtes Gotteshaus mehr ist, bleibt seine Weihe und Annahme ein Symbol für jeden Tempel weltweit. Wenn wir heute einen Tempel betreten, dürfen wir uns daran erinnern: Der Herr hat seine Häuser angenommen, und sein Name ruht auf ihnen. Seine Verheißung gilt uns ebenso: Seine Augen und sein Herz sind auf sein Volk gerichtet. 

Für das persönliche Leben bedeutet dies, dass Christus unsere Opfer sieht. Viele Mitglieder bringen Opfer dar – Zeit für den Tempel, finanzielle Beiträge, Dienst in der Gemeinde, das Ringen im Gebet. Die Vision von Kirtland erinnert uns daran, dass der Herr diese Opfer annimmt und sie in seinem Gedächtnis sind. 

Geistliche Reflexion für den Alltag 
Die Erscheinung Christi im Kirtland-Tempel lädt uns ein, nach dem Prinzip der Annahme zu leben. Wir alle wünschen uns, dass Gott unser Leben, unsere Arbeit, unsere Gebete „annimmt“. Die Vision zeigt: Annahme geschieht nicht durch äußeren Erfolg, sondern durch Hingabe des Herzens. Die Heiligen in Kirtland waren nicht reich, nicht angesehen, oft verachtet. Doch sie gaben alles, was sie hatten. 

Wenn wir im Alltag kleine Opfer bringen – Geduld in der Familie, Dienst an einem Mitmenschen, das stille Gebet vor dem Schlafengehen –, dürfen wir wissen: Christus sieht es. Seine Augen sind auf uns gerichtet, sein Herz ist uns zugewandt. Er ist der „Fürsprecher beim Vater“, der selbst unsere unvollkommenen Gaben heiligt. 

So wird L&B 110:1–10 zu einer Einladung: unseren eigenen Alltag als „Tempel“ zu sehen, wo der Herr uns begegnen und unsere Hingabe annehmen kann. Dann wird sich die Verheißung erfüllen, dass wir „aus der Dunkelheit in das wunderbare Licht“ gehoben werden – Tag für Tag, Schritt für Schritt. 

findechristus.org

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Uns gingen die Augen unseres Verständnisses auf

2. Oktober 2025, 05:39am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bild: Quelle)

Der Schleier wurde von unserem Sinn weggenommen, und uns gingen die Augen unseres Verständnisses auf.” (Lehre und Bündnisse 110:1). 

Lehre & Bündnisse 110 – Historie 

Einleitung – Der heilige Hintergrund 
Am Ostersonntag, dem 3. April 1836, ereignete sich im frisch geweihten Kirtland-Tempel ein zutiefst bedeutsames Ereignis für die Bewegung der Heiligen der Letzten Tage. Joseph Smith und Oliver Cowdery hielten im Rahmen des Abendmahls eine stille, von Vorhängen umgebene Andacht im obersten Priestersitz (dem sogenannten Melchisedekischen-Pult). Nach den Tagen der Tempelweihung, die bereits von einer starken geistigen Atmosphäre geprägt gewesen waren, suchten die beiden Führer in stiller Sammlung göttliche Bestätigung. In dieser ruhigen Andacht öffnete sich der Himmel, und sie empfingen eine Vision, die nicht nur den Kirtland-Tempel selbst, sondern das gesamte Werk der Wiederherstellung für die Zukunft prägte. 

Der Ablauf der Vision 
Zunächst erschien ihnen der auferstandene Jesus Christus. Er erklärte feierlich, dass er das Haus angenommen habe, das die Heiligen mit großen Opfern gebaut hatten. Diese göttliche Bestätigung war für die Gemeinde in Kirtland ein Zeichen, dass ihre Mühen nicht vergeblich gewesen waren. Christus bekräftigte, dass seine Herrlichkeit nun in diesem Haus ruhe und dass sein Name dort angerufen werden solle. Kurz darauf öffnete sich die Vision weiter: Moses trat auf und übergab die Schlüssel der Sammlung Israels. Damit wurde das Werk der Mission, die Verkündigung des Evangeliums in alle Nationen und das Zusammenführen des zerstreuten Bundesvolkes bekräftigt. Daraufhin erschien Elias, der die Dispensation des Evangeliums Abrahams übertrug – das Versprechen, dass Familien durch das Priestertum in Ewigkeit gesegnet werden können. Schließlich kam Elija (oder Elias im griechischen Neuen Testament), der die Worte des Propheten Maleachi erfüllte, indem er die Schlüssel offenbarte, die das Herz der Väter den Kindern zuwenden und das der Kinder den Vätern. Damit war die Grundlage für das Werk der Familiengeschichte und der Siegelungen gelegt, was bis heute zu den zentralen Praktiken in Tempeln der Kirche gehört. 

Die unmittelbare Aufzeichnung 
Bemerkenswert ist, dass diese Vision nicht in Predigten oder öffentlichen Erklärungen direkt nach dem Erlebnis erwähnt wurde. Vielmehr wurde sie diskret im persönlichen Tagebuch Joseph Smiths vermerkt. Tatsächlich schrieb nicht Joseph selbst die Worte nieder, sondern Warren A. Cowdery, der Bruder Olivers, der als Schreiber diente. Er fasste das Geschehen in der dritten Person zusammen – eine Formulierung, die sich von Josephs üblichen Offenbarungsaufzeichnungen in der Ich-Perspektive unterschied. Damit blieb die Vision zunächst eher wie eine vertrauliche Tagebuchnotiz erhalten als wie eine öffentliche Offenbarung. Erst einige Jahre später übertrug Willard Richards, der als offizieller Kirchenhistoriker tätig war, den Bericht in die Ich-Form, um ihn in die umfassende Kirchenchronik einzubetten. 

Vom Tagebuch zur kanonischen Offenbarung 
Diese Entwicklung zeigt, dass Abschnitt 110 nicht sofort wie andere Offenbarungen den Gläubigen verkündet wurde. Während viele Visionen und Offenbarungen Josephs noch am selben Tag oder kurz darauf in Kirtland oder Missouri in Umlauf kamen, blieb diese Vision eher verborgen. Sie wurde erst 1852, mehr als 15 Jahre nach Josephs Tod, in der „Deseret News“ erstmals veröffentlicht. Bis dahin war sie nur in handschriftlichen Aufzeichnungen erhalten. Die eigentliche Kanonisierung erfolgte schließlich 1876, als Orson Pratt die Doctrine and Covenants neu herausgab und im Auftrag Brigham Youngs mehrere zusätzliche Abschnitte hinzufügte. Seitdem gehört Abschnitt 110 fest zum Kanon der Kirche. 

Bedeutung für die damalige Zeit 
Für die frühen Heiligen war die Botschaft, dass Christus den Tempel angenommen hatte, eine entscheidende Bestätigung. Der Bau hatte die Gemeinde in Kirtland an die Grenze ihrer Kräfte gebracht – finanziell, organisatorisch und geistig. Viele Gläubige hatten große Opfer gebracht, um dieses erste Haus des Herrn in den Letzten Tagen zu errichten. Die Erscheinung Christi machte deutlich: Das Opfer war nicht umsonst, sondern Gott selbst hatte das Werk bejaht. Ebenso wichtig war die Übergabe der Schlüssel: Schon wenige Jahre später sandte die Kirche Missionare nach England. Diese erste große Missionsbewegung wäre ohne die Vision von 1836 kaum in derselben geistigen Kraft denkbar gewesen. 

Theologische Tragweite 
Abschnitt 110 bildet eine Art Scharnier zwischen der Tempelweihung (Abschnitt 109) und der zukünftigen Entwicklung der Kirche. Die Schlüssel, die hier übergeben wurden, prägen das kirchliche Leben bis heute. Moses’ Schlüssel erinnern daran, dass das Evangelium allen Nationen gilt. Elias’ Gabe knüpft an die Verheißungen an Abraham, Isaak und Jakob an, und Elijas Macht gründet das Verständnis von Familienbande in der Ewigkeit. Damit sind in dieser Vision alle Hauptthemen der Tempeltheologie zusammengefasst: Sammlung, Verheißung, Ewigkeit. Dass all dies am Ostersonntag geschah, verstärkt die Symbolik: Die Auferstehung Christi wird hier mit der Wiederherstellung seiner Vollmacht verbunden. 

Späte Rezeption 
Erst in Utah, als die Kirche bereits eine neue Phase ihrer Geschichte erreicht hatte, wurde Abschnitt 110 breiter bekannt. Seine Aufnahme in die Lehre und Bündnisse machte ihn zu einem zentralen Bezugspunkt für Lehre, Predigt und Tempelarbeit. Die Vision wurde rückblickend als entscheidende Wende verstanden: Von da an war die Kirche in der Lage, alle Verheißungen der alten Dispensationen wiederherzustellen und zu verwirklichen. 

Zusammenfassung 
So durchläuft Abschnitt 110 einen bemerkenswerten Weg: von der intimen Tagebuchnotiz über die kirchliche Chronik, von der Erstveröffentlichung in einer Zeitung bis zur endgültigen Kanonisierung als heilige Schrift. Der Text veranschaulicht, wie Offenbarungen in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage nicht nur unmittelbare Ereignisse waren, sondern durch sorgfältige Aufzeichnung, Tradierung und Bestätigung zur Grundlage bleibender Lehre wurden. Für die Gläubigen von damals war es die Zusicherung, dass Gott ihr Werk annimmt und sie bevollmächtigt; für die Kirche von heute ist es ein Bezugspunkt für das Verständnis von Tempeln, Priestertumsschlüsseln und der ewigen Familie. Abschnitt 110 zeigt, wie Visionen nicht nur persönliche Erfahrungen bleiben, sondern durch den Prozess der Bewahrung und Kanonisierung zur gemeinschaftlichen Grundlage des Glaubens werden – eine Brücke zwischen der Intimität einer einzelnen Offenbarung und der Öffentlichkeit einer universellen Lehre. 

findechristus.org

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Dein Wille geschehe, o Herr, und nicht der unsere

1. Oktober 2025, 03:31am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bild: Quelle)

“aber dein Wort muss sich erfüllen. Hilf deinen Dienern zu sagen, wobei deine Gnade ihnen beistehe: Dein Wille geschehe, o Herr, und nicht der unsere.” (Lehre und Bündnisse 109:44). 

Lehre und Bündnisse 109:43-80 – Betrachtung des Weihungsgebets 

43–53: Bitten um Schutz und Befreiung 

In diesen Versen richtet sich Joseph Smith an den Herrn mit der Bitte, die Heiligen zu befreien, die im Land von ihren Gegnern bedrängt werden. Es wird darum gebetet, dass diejenigen, die wider das Evangelium kämpfen, in ihrer eigenen Wut und in ihren bösen Absichten zuschanden werden. Historisch spiegeln diese Worte die Verfolgungen wider, die die Heiligen damals in Missouri und anderen Orten erlitten. Sie hatten Hab und Gut verloren, waren vertrieben worden und suchten nun in Kirtland eine heilige Stätte, an der sie Sicherheit und göttlichen Schutz erfahren konnten. 

Für uns heute bedeutet dieser Abschnitt, dass auch wir den Herrn um Befreiung aus Nöten bitten dürfen – sei es aus geistiger Bedrängnis, familiären Schwierigkeiten oder gesellschaftlichem Druck. Die Zusage, dass Gott sein Volk kennt und es nicht verlässt, ruft uns dazu auf, unseren Glauben auch in Widrigkeiten nicht zu verlieren. Präsident Russell M. Nelson betont immer wieder, dass wir in einer Zeit leben, in der nur jene geistig überleben können, die sich fest im Bund mit Gott verankern. Die Worte dieser Verse laden uns also ein, Zuflucht im Tempel zu suchen, wo wir Schutz und Stärke empfangen. 

54–58: Der Tempel als Licht für die Völker 

In dieser Versgruppe wird deutlich, dass der Tempel nicht nur ein Haus der Zuflucht ist, sondern auch ein Haus der Mission. Joseph bittet, dass die Nationen, die Gott noch nicht kennen, zur Umkehr eingeladen werden und sich im Haus des Herrn versammeln mögen. Der Tempel wird so zum Symbol dafür, dass das Evangelium für alle Menschen bestimmt ist. 

Heute zeigt sich diese Einladung in der weltweiten Tempelbaubewegung. Präsident Nelson hat in den letzten Jahren in einem noch nie dagewesenen Maß neue Tempel angekündigt. Jeder dieser Tempel ist ein sichtbares Zeichen für das, was hier im Gebet erbeten wurde: dass die Völker überall auf der Erde die Gelegenheit haben, durch Bündnisse und heilige Handlungen an Gottes Gegenwart Anteil zu haben. Für uns persönlich liegt hier die Aufforderung, das, was wir im Tempel empfangen, auch hinauszutragen – in Liebe, Glauben und Zeugnis. Der Tempel ist nicht nur ein Ort, an den wir gehen, sondern er ist eine Quelle, aus der wir in unseren Alltag hineinströmen lassen, was wir dort erfahren haben. 

59–67: Die Sammlung Israels und die Wiederherstellung Zions 

Joseph Smith bittet in diesen Versen, dass das Evangelium in alle Nationen getragen werde, dass die Stimme der Zeugen bis an die Enden der Erde gehe und dass Israel aus allen Himmelsrichtungen gesammelt werde. Diese Worte atmen die Vision der Weltmission und der Sammlung Zions. Sie machen deutlich, dass der Tempel in Kirtland nicht das Endziel war, sondern der Ausgangspunkt für ein weltweites Werk. 

Für uns heute hat dieser Abschnitt eine klare Aufforderung: wir sind Teil dieser Sammlung. Jeder Tempel, jedes Missionsgebiet, jede Einladung an einen Freund oder Nachbarn, den Herrn kennenzulernen, ist ein Erfüllungsschritt dieser prophetischen Worte. Elder Dieter F. Uchtdorf erinnert uns oft daran, dass Mission nicht nur eine Aufgabe für einige wenige, sondern ein Lebensstil für alle Heiligen ist: wir tragen die Botschaft durch unser Beispiel, unsere Liebe und unsere Bereitschaft, Menschen einzuladen, Christus zu begegnen. 

68–72: Segnungen für Familien und Nachkommen 

Ein besonders ergreifender Teil dieses Gebets ist die Bitte um Segen für die Frauen und Kinder derer, die im Dienst für das Reich Gottes stehen. Joseph betet, dass ihre Familien erhöht und in Gottes Gegenwart bewahrt werden mögen. Hier klingt eine frühe Formulierung der Lehre von der „Erhöhung“ an, die später in der Kirche noch klarer entfaltet wurde. 

Dieser Abschnitt macht uns bewusst, dass Tempelarbeit nie nur individuell ist, sondern immer familienbezogen. Unsere heutigen Tempelverordnungen – insbesondere die Siegelung – sind die Erfüllung dieser frühen Sehnsucht, dass Familien für Zeit und Ewigkeit vereint sein mögen. Für uns heute bedeutet dies, dass unsere Hingabe im Tempeldienst nicht nur uns selbst betrifft, sondern kommende Generationen mit einbezieht. Präsident Nelson hat die Jugend und jungen Erwachsenen oft ermahnt, treu im Bund zu bleiben, damit ihre Nachkommen die Kraft ihrer Entscheidungen spüren. 

73–80: Die Ausbreitung der Wahrheit und die Vorbereitung auf die Wiederkunft Christi 

Am Ende des Gebets bittet Joseph darum, dass das Evangelium sich wie ein Feuer ausbreite, dass die Nationen erschüttert und die Menschen vorbereitet werden auf die Wiederkunft Christi. Der Tempel steht hier nicht nur als Rückzugsort, sondern als Ausgangsbasis für eine weltweite geistige Erneuerung. 

Heute sehen wir die Erfüllung dieser Worte in der globalen Ausbreitung der Kirche und im Bau von Tempeln auf allen Kontinenten. Diese Verse laden uns ein, den Tempel als „Leuchtfeuer“ zu sehen, das unsere Welt auf die Wiederkunft des Herrn vorbereitet. Für uns persönlich bedeutet dies, dass wir uns nicht mit einem rein privaten Glauben zufriedengeben können. Der Tempel ruft uns in den aktiven Dienst: für unsere Ahnen, für unsere Familien und für die Welt. 

Einladungen heutiger Propheten und Apostel in Bezug auf den Tempel 

Präsident Russell M. Nelson hat wiederholt betont: „In den kommenden Tagen wird es ohne die führende, leitende, tröstende und ständige Einflüsterung des Heiligen Geistes nicht möglich sein, geistig zu überleben.“ Der Tempel ist die Schlüsselquelle für diese ständige Führung. Elder David A. Bednar lehrte, dass das, was wir im Tempel empfangen, unser tägliches Leben prägen soll – in unserer Familie, in unseren Entscheidungen und im Umgang mit anderen Menschen. Elder Gerrit W. Gong erinnerte daran, dass der Tempel uns befähigt, die himmlische Perspektive in unser Zuhause zu tragen, sodass unser Haus zu einem „kleinen Tempel“ werden kann. 

Die Worte von L&B 109:43–80 laden uns also ein, das gleiche Vertrauen, dieselbe Hoffnung und denselben Eifer zu entwickeln wie die frühen Heiligen in Kirtland: den Tempel als Quelle der Kraft zu sehen, ihn in unser Leben hineinzutragen und durch ihn Teil der großen Sammlung Israels zu sein, die die Wiederkunft des Herrn vorbereitet. 

findechristus.org

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Mögen deine Diener, ..., mit deiner Macht ausgerüstet sein

30. September 2025, 03:56am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

Tempelbesucher gehen nach Hause
(Bild: Quelle)

“Und wir bitten dich, heiliger Vater: Mögen deine Diener, wenn sie aus diesem Haus hinausgehen, mit deiner Macht ausgerüstet sein, und mögen dein Name auf ihnen sein und deine Herrlichkeit rings um sie sein und deine Engel Verantwortung über sie haben;” (Lehre und Bündnisse 109:22). 

Lehre und Bündnisse 109:1–42 – Betrachtung des Weihungsgebets  

1–5: Der Tempel als Stätte der Begegnung mit Christus 

Der Beginn des Weihungsgebets macht deutlich, dass der Tempel in Kirtland nicht nur aus architektonischen oder gemeinschaftlichen Gründen errichtet wurde, sondern weil er als Ort der Gottesbegegnung gedacht war. Der Hinweis, dass der Sohn des Menschen darin erscheinen möge, ist nicht nur historisch, sondern auch heute gültig: Der Tempel ist der Ort, an dem wir Christus begegnen – nicht unbedingt in sichtbarer Form, aber in geistigen Eindrücken, Eingebungen und heiliger Nähe. 

Für uns heute bedeutet das: Wann immer wir den Tempel betreten, tun wir es in dem Bewusstsein, dass er nicht einfach ein Versammlungsort ist, sondern ein Heiligtum, wo sich Himmel und Erde berühren. Die Aufforderung an uns lautet, den Tempel nicht wie ein äußeres Ritualgebäude zu betrachten, sondern als Ort persönlicher Begegnung mit dem Herrn, die uns prägt und verändert. 

6–21: Der Tempel als Haus des Gebets, des Lernens und der Ordnung 

In diesem Abschnitt entfaltet Joseph Smith, was der Tempel alles sein soll: ein Haus des Gebets, des Fastens, des Glaubens, des Lernens, der Herrlichkeit, der Ordnung und vor allem ein Haus Gottes. Für die frühen Heiligen war das revolutionär, denn sie verstanden: Der Tempel umfasst das ganze Leben – nicht nur gottesdienstliche Handlungen, sondern auch Erkenntnis, Bildung und geistiges Reifen. 

Heute werden wir hier an zwei Dinge erinnert: Erstens daran, dass der Tempel mehr ist als der Ort für bestimmte Verordnungen. Er ist eine Schule des Geistes, ein Ort, an dem wir durch den Heiligen Geist belehrt und vorbereitet werden, mit Weisheit zu handeln. Zweitens wird uns bewusst, dass der Tempel uns zur Ordnung ruft – geistliche, familiäre und persönliche Ordnung. In einer Welt, die von Chaos und Beliebigkeit geprägt ist, lernen wir im Tempel, dass Gottes Reich durch Ordnung und Gesetzmäßigkeit aufgebaut wird. 

Die Aufforderung an uns heute lautet, den Tempel nicht auf eine Funktion zu reduzieren, sondern ihn als ganzheitliche Lebensschule zu sehen: ein Ort, der uns lehrt, wie wir beten, wie wir Glauben üben, wie wir unser Leben strukturieren und wie wir göttliche Herrlichkeit erfahren. 

22–33: Schutz vor Gegnern und Stärkung der Diener 

Diese Verse wenden den Blick auf die Realität der Verfolgung, die die frühen Heiligen erlebt haben. Joseph bittet darum, dass die Diener Gottes mit Macht erfüllt werden und dass ihre Gegner beschämt werden, wenn sie nicht umkehren. Auf den ersten Blick mögen diese Worte hart erscheinen. Doch sie erinnern uns daran, dass Nachfolge Christi nicht konfliktfrei ist. Es gibt Widerstände – damals wie heute. 

In unserer Zeit erleben wir vielleicht nicht dieselbe körperliche Verfolgung wie die frühen Heiligen, aber wir spüren Widerstand in Form von Spott, Missverständnis, gesellschaftlichem Druck oder subtiler Ablehnung. Der Tempel macht uns stark, diesen Widerständen zu begegnen. Er erinnert uns daran, dass Gott uns nicht schutzlos lässt, sondern uns mit geistiger Kraft ausrüstet. 

Die Aufforderung an uns ist hier doppelt: Einerseits sollen wir uns nicht von Widerständen entmutigen lassen, sondern standhaft und vertrauensvoll bleiben. Andererseits erinnert uns dieser Abschnitt daran, dass wir auch für jene beten sollen, die uns missverstehen oder ablehnen – mit der Hoffnung, dass sie eines Tages ihr Herz öffnen. Der Tempel gibt uns Mut, beides zu tun: fest im Zeugnis zu stehen und gleichzeitig bereit zu bleiben, anderen in Liebe zu begegnen. 

34–42: Die Heiligen sollen mit Macht hinausgehen, um Israel zu sammeln 

In diesen Versen klingt eine Vision auf, die weit über die Mauern des Kirtland-Tempels hinausweist: Die Heiligen sollen hinausgehen, mit geistiger Macht ausgerüstet, um die Rechtschaffenen aus allen Nationen zu sammeln. Diese Sammelarbeit ist nicht nur ein Auftrag der Vergangenheit, sondern bleibt der Herzschlag der Kirche bis heute. 

Für uns bedeutet das konkret: Der Tempel ist nicht das Ziel der Jüngerschaft, sondern die Quelle. Wer dort Kraft empfängt, wird ausgesandt, um in seiner Umgebung Zeugnis zu geben – sei es in der Familie, in der Gemeinde oder in der Welt. Die Verbindung zwischen Tempel und Mission ist untrennbar: Missionare verkünden die Botschaft, und der Tempel versiegelt die Verheißungen. 

Eine weitere Aufforderung in diesem Abschnitt richtet sich an die Familien. Der Tempel ist der Ort, an dem Kinder und Nachkommen in den Wegen des Herrn bestärkt werden. Heute sind wir eingeladen, unsere Familien nicht nur mit irdischen Dingen auszustatten, sondern sie geistig zu nähren, sodass kommende Generationen in der Wahrheit bleiben. 

Die Botschaft ist klar: Wer den Tempel besucht, empfängt nicht nur persönliche Stärkung, sondern auch Verantwortung, aktiv am Sammeln Israels mitzuwirken – durch Beispiel, Dienst, Zeugnis und Familiengeschichte. 

Einladungen heutiger Propheten und Apostel in Bezug auf den Tempel 

Die Lehren aus L&B 109:1–42 finden ihre Entsprechung in den klaren Einladungen, die unsere heutigen Kirchenführer uns geben: 

Präsident Russell M. Nelson betont immer wieder, dass der Tempel der Ort ist, an dem wir Christus am nächsten sind. Er sagte: „Nichts wird Ihr Leben und das Leben Ihrer Familie mehr segnen, als wenn Sie sich regelmäßig in den Tempel begeben und dort den Herrn dienen.“ Diese Einladung nimmt den Gedanken aus den Versen 1–5 auf: der Tempel als Stätte der Begegnung mit Christus. Präsident Nelson ruft uns auf, den Tempel zu einem festen Bestandteil unseres Lebens zu machen und dort persönliche Offenbarung zu empfangen. 

In Bezug auf die Verse 6–21 erinnert uns Elder David A. Bednar, dass der Tempel eine „Schule der Ewigkeit“ ist. Er erklärte: „Die Verordnungen und Bündnisse des Tempels lehren uns, wie wir das Evangelium Jesu Christi nicht nur kennen, sondern leben.“ Damit knüpft er an die Idee des Tempels als Haus des Gebets, des Glaubens und der Ordnung an. Seine Einladung ist, das, was wir im Tempel lernen, bewusst in unseren Alltag zu übertragen – damit unser Zuhause, ähnlich wie der Tempel, zu einem Haus des Gebets und der Ordnung wird. 

Für die Verse 22–33 sagte Präsident Henry B. Eyring„Die Prüfungen werden kommen. Aber diejenigen, die regelmäßig in den Tempel gehen, werden die Kraft haben, den Stürmen zu trotzen und in ihrem Glauben unerschütterlich zu bleiben.“ Seine Worte greifen den Gedanken des Schutzes auf: Der Tempel rüstet uns geistig aus, Widerstände in einer zunehmend herausfordernden Welt standzuhalten. Seine Einladung lautet, gerade in schwierigen Zeiten den Tempel nicht zu vernachlässigen, sondern ihn bewusst als geistige Festung zu suchen. 

In den Versen 34–42 geht es um das Aussenden der Heiligen und das Sammeln Israels. Präsident Nelson verbindet diese Idee immer wieder mit dem Tempel. Er sagte: „Wenn Sie Ihre Arbeit im Tempel verrichten und Ihren Vorfahren die Segnungen der Erlösung ermöglichen, tragen Sie aktiv zum Sammeln Israels bei.“ Seine Einladung lautet, Familiengeschichte und Tempelarbeit als Teil unserer Mission zu begreifen. Elder Neil L. Andersen ergänzte: „Jeder von uns hat eine einzigartige Rolle im Sammeln Israels, sei es durch Zeugnis, durch Dienst oder durch das Sichern ewiger Verbindungen im Tempel.“ 

Damit machen unsere heutigen Führer deutlich: Der Tempel ist nicht nur ein persönlicher Zufluchtsort, sondern eine Kraftquelle, die uns aussendet, das Werk Gottes in der Welt und in unseren Familien voranzubringen. 

findechristus.org

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Dank sei deinem Namen, ..., der du den Bund hältst

29. September 2025, 05:48am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

Ein herrliches Licht – der Kirtland-Tempel, Darstellung von Glen S. Hopkinson
(Bild: Quelle)

“Dank sei deinem Namen, o Herr, Gott Israels, der du den Bund hältst und deinen Dienern Barmherzigkeit erzeigst, die mit ganzem Herzen untadelig vor dir wandeln” (Lehre und Bündnisse 109:1). 

Lehre und Bündnisse 109 – Historischer Hintergrund und Bedeutung des Weihungsgebets 

Als der Tempel in Kirtland am 27. März 1836 geweiht wurde, war dies ein besonderer Höhepunkt in der frühen Geschichte der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Der Bau hatte enorme Opfer verlangt: die Mitglieder waren arm, vielfach verfolgt, und doch hatten sie mit ihrer Arbeitskraft, ihren Gütern und ihrem Glauben dieses erste Haus des Herrn in dieser Evangeliumszeit errichtet. Joseph Smith verfasste unter Inspiration das Weihungsgebet, das in L&B 109 überliefert ist. Dieses Gebet ist nicht nur historisches Dokument, sondern zugleich geistliches Muster für spätere Tempelweihungen und für das Beten in persönlichem Maßstab. 

Die Umstände, die zu diesem Gebet führten, offenbaren zentrale Lehren über Salbung und VollmachtVergebungErhöhung und die Natur des Gebets. Vier Punkte treten dabei besonders hervor. 

1. Salbungshandlungen schon vor der Tempelweihung (Vers 35) 

Joseph Smith betete: 

„Lass die Salbung deiner Diener mit Macht aus der Höhe auf sie gesiegelt sein.“ (L&B 109:35

Dieser Satz verweist auf Handlungen, die bereits vor der eigentlichen Tempelweihung durchgeführt wurden. Historische Berichte zeigen, dass in den Tagen vor dem 27. März 1836 im Tempel verschiedene heilige Handlungen stattfanden. Schon im Januar und Februar 1836 wurden Waschungen und Salbungen vollzogen, die als eine Vorstufe zu späteren Tempelzeremonien gelten. Am 21. Januar 1836 erlebten Joseph Smith und andere Führer bemerkenswerte Visionen und Offenbarungen, nachdem sie mit „heiligen Salbungen“ vorbereitet worden waren (vgl. History of the Church, Bd. 2, S. 379–381). 

Diese frühen Waschungen und Salbungen hatten noch nicht die volle Form, die später im Nauvoo-Tempel entwickelt wurde, doch sie standen bereits im Zusammenhang mit der Verheißung „Macht aus der Höhe“ zu empfangen (vgl. L&B 95:8–9). Die Brüder verstanden diese Handlungen als symbolische Vorbereitung auf die Ausgießung des Geistes und als Stärkung für ihre Berufung. 

Wenn Joseph in L&B 109:35 um die Siegelung dieser Salbungen mit himmlischer Macht bittet, zeigt das zweierlei: erstens das Bewusstsein, dass die physischen Handlungen ohne göttliche Bestätigung unvollständig wären; zweitens, dass die Salbung als heiliges Muster schon vor der Tempelweihung im Kirtland-Tempel verankert war und später in der Kirche zu einem festen Bestandteil des Tempeldienstes wurde. 

2. Joseph Smiths Bereitschaft zur Vergebung (Vers 50) 

Ein besonders bemerkenswerter Abschnitt des Gebets lautet: 

„Habe Erbarmen, o Herr, mit dem üblen Pöbel, der dein Volk verjagt hat, damit sie aufhören zu plündern, damit sie von ihren Sünden umkehren, sofern Umkehr zu finden ist.“ (L&B 109:50

Damit zeigt Joseph Smith eine Haltung, die über das Menschliche hinausgeht. Nur wenige Jahre zuvor war die Kirche in Missouri schwer verfolgt, geplündert und vertrieben worden (1833). Viele Heilige hatten ihr Hab und Gut verloren, manche waren misshandelt worden. Die Bitten um göttlichen Schutz und Rechtfertigung in früheren Offenbarungen (vgl. L&B 103105) hätten es verständlich erscheinen lassen, wenn Joseph hier um Strafe oder Gericht gebeten hätte. Doch er tat das Gegenteil: er flehte um Erbarmen für die Verfolger

Diese Haltung erinnert stark an Jesu Worte am Kreuz: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23:34), und an Stephanus, der seine Mörder segnete (Apostelgeschichte 7:60). Joseph Smith zeigte hier, dass er als Prophet Jesu Christi bemüht war, denselben Geist der Feindesliebe (vgl. Matthäus 5:44) zu leben. 

Zugleich macht die Formulierung „sofern Umkehr zu finden ist“ deutlich, dass Vergebung nicht blind ist, sondern immer mit dem Angebot der Umkehr verbunden bleibt. Joseph bat Gott, den Gegnern Gelegenheit zur Reue zu geben – ein Zeugnis seines Vertrauens in die verändernde Kraft des Evangeliums. 

3. Erste Erwähnung von „Erhöhung“ im Zusammenhang mit Tempelsegnungen (Vers 69) 

Ein besonders bedeutender Vers lautet: 

„Habe Erbarmen, o Herr, mit seiner Frau und seinen Kindern, damit sie in deiner Gegenwart erhöht und von deiner hegenden Hand erhalten werden mögen.“ (L&B 109:69

Dies ist das erste Mal, dass in Lehre und Bündnisse das Wort „Erhöhung“ im direkten Zusammenhang mit Tempelsegnungen erscheint. Der Begriff deutet über die einfache Errettung hinaus: Erhöhung bedeutet, in die Gegenwart Gottes zurückzukehren und in der höchsten Herrlichkeit der celestischen Ordnung zu leben (vgl. L&B 132:19–24). 

Dass Joseph Smith diesen Ausdruck in einem Tempelweihungsgebet verwendete, macht deutlich: der Tempel ist nicht nur ein Ort des Lernens oder des Segens für dieses Leben, sondern ein Tor zur höchsten Herrlichkeit. Die Segnungen, die dort vermittelt werden, sind auf Familie, Ehe und Nachkommenschaft ausgerichtet – „Frau und Kinder“ sollen gemeinsam in der Gegenwart Gottes erhöht werden. 

Dies war ein geistlicher Wendepunkt: Von nun an stand die Vorstellung im Raum, dass der Tempel nicht nur eine Stätte für Offenbarung und Kraft ist, sondern auch das Mittel, die Fülle des Heils – die Erhöhung – zu erlangen. Spätere Offenbarungen in Nauvoo bauten auf diesem Fundament auf und führten zu den Verordnungen für Ewige Ehen und Siegelungen. 

4. L&B 109 als Mustergebet für Tempelweihungen und persönliches Beten 

Das Weihungsgebet des Kirtland-Tempels hat bleibende Bedeutung. Einerseits ist es Prototyp für alle späteren Tempelweihungen. Die Kirche hat sich daran orientiert, wenn neue Tempel in aller Welt geweiht werden: die Gebete sind inspiriert, oft von den Präsidierenden Aposteln verfasst, und enthalten Bitten um Schutz, Heiligung und Segnungen für das Volk Gottes – ganz im Geist von L&B 109

Andererseits zeigt das Gebet ein Muster für persönliches Beten

  • Es verbindet Dank für vergangene Segnungen mit Bitte um künftige Hilfe. 

  • Es bittet nicht nur für die eigenen Reihen, sondern auch für Außenstehende – sogar für Feinde. 

  • Es sucht nicht bloß weltliche Hilfe, sondern zielt auf das ewige Heil: auf Erhöhung, auf Heiligung, auf die Gegenwart Gottes. 

  • Es erkennt an, dass Segnungen nur durch Jesu Christi Sühnopfer möglich sind (vgl. L&B 109:4). 

So wird das Weihungsgebet zum Lehrstück darüber, wie Gebet aussehen kann: demütig, umfassend, auf Christus zentriert und auf ewig gültige Segnungen ausgerichtet. 

Schlußgedanke 

Das Weihungsgebet des Kirtland-Tempels bleibt ein Dokument von bleibender theologischer und geistlicher Tiefe – ein Spiegel der frühen Geschichte der Kirche und ein Fundament für das Verständnis des Tempels bis heute. 

Zum Schluss sei uns die Einladung Präsident Nelsons nahegebracht: 
Joseph Smiths Weihungsgebet für den Kirtland-Tempel ist eine Anleitung dazu, wie der Tempel Sie und mich geistig befähigt, die Herausforderungen des Lebens in diesen Letzten Tagen zu meistern. Ich lege Ihnen ans Herz, dieses Gebet, niedergeschrieben im Buch Lehre und Bündnisse, Abschnitt 109, aufmerksam zu lesen. “ 
Möge auch Ihr Herz geweckt sein, in diesem Gebet Trost, Kraft und himmlische Perspektiven zu finden – gerade in diesen Tagen, in denen wir Führung und geistige Ermächtigung so dringend benötigen. 

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Beachte von nun an sorgfältiger deine Gelübde

27. September 2025, 05:31am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

Erneuerung der Gelübde beim Abendmahl
(Bild: Quelle)

“Und erhebe dich, und beachte von nun an sorgfältiger deine Gelübde, die du getan hast und noch tust, dann wirst du mit überaus großen Segnungen gesegnet werden.” (Lehre und Bündnisse 108:3). 

Lehre und Bündnisse 108:1–8 – Historischer Kontext und geistliche Lehren 

Am 26. Dezember 1835 empfing Joseph Smith eine Offenbarung für Lyman Sherman, die heute als Lehre und Bündnisse 108 überliefert ist. Diese Offenbarung ist von besonderem Wert, weil sie einen Einblick in das Verhältnis eines aufrichtigen Mitglieds der Kirche zu seinem Propheten gibt und zugleich zeigt, wie der Herr liebevoll mit den Schwächen, Sorgen und Hoffnungen Seiner Diener umgeht. Im Gegensatz zu manchen großen Visionen und weitreichenden Anweisungen in den Offenbarungen ist Abschnitt 108 sehr persönlich, fast wie ein vertrauliches Gespräch zwischen einem Gläubigen und dem Herrn. Dennoch enthält er universelle Lehren, die auch für uns heute von großer Bedeutung sind. 

Lyman Sherman – ein treuer, aber wenig bekannter Jünger Christi 

Lyman Sherman ist in der Kirchengeschichte weniger bekannt als viele seiner Zeitgenossen, doch sein Leben spiegelt die Hingabe vieler früher Heiliger wider. Er wurde 1804 in Vermont geboren und gehörte zu den ersten Mitgliedern der Kirche in Kirtland. Im Jahr 1835 war er bereits in die Ersten Siebzig ordiniert worden, einer Gruppe von Missionaren, die unter der Leitung des Kollegiums der Zwölf Apostel standen. Er diente treu und wurde später auch in das Hohepriestertum berufen. 

Interessanterweise ist Sherman auch dafür bekannt, dass er kurze Zeit nach dieser Offenbarung vom Hohen Rat in Kirtland berufen wurde, ein Teil der „Kirtland Safety Society“ – einer frühen Bank der Kirche – zu werden. Wenige Jahre später, im Dezember 1838, berief Joseph Smith ihn sogar in das Kollegium der Zwölf Apostel. Doch Sherman starb Anfang Januar 1839 plötzlich und konnte nie als Apostel ordiniert werden. Dies macht seine kurze Erwähnung in den Offenbarungen besonders bemerkenswert – sie ist gewissermaßen das bleibende geistige Vermächtnis dieses treuen Jüngers. 

Der Wunsch Shermans – Reinigung des Herzens und Führung 

Lyman Sherman kam am 26. Dezember 1835 zu Joseph Smith mit dem Wunsch, den Herrn durch Seinen Propheten zu befragen. Er fühlte, dass sein Herz und sein Leben einer erneuten Reinigung bedurften. Laut den Joseph Smith Papers bat Sherman ausdrücklich darum, zu wissen, „was er tun sollte, um dem Herrn wohlgefällig zu sein“. Dies ist bemerkenswert: Ein Mann, der bereits ein geweihter Führer und Missionar der Kirche war, suchte nicht nach einer neuen Aufgabe oder einem besonderen Titel, sondern nach innerer Reinheit und Bestätigung, dass sein Dienst angenommen sei. 

Der Herr antwortete auf diese Bitte mit einer kurzen, aber tiefgehenden Offenbarung, die reich an Zuspruch, Korrektur und Ermutigung ist. 

Die Botschaft der Offenbarung – Zuspruch, Ermahnung und Auftrag 

Ein zentrales Prinzip der Offenbarung ist die Vergebung der Sünden als Ausgangspunkt für weiteren Dienst. Sherman erhielt zunächst die Zusicherung, dass seine Sünden vergeben seien, bevor er zu weiteren Aufgaben aufgefordert wurde. In den Evangelien begegnen wir oft der Gewohnheit Jesu, Sündenvergebung an den Anfang Seiner Begegnungen zu stellen, bevor Er weitere Segnungen spendet. Ein prägnantes Beispiel findet sich in Markus 2:5: Als der Gelähmte durch das Dach zu Ihm gebracht wird, sagt Jesus nicht zuerst: „Steh auf und geh!“, sondern: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Erst danach heilt Er ihn körperlich. 

Anschließend wird Sherman ermahnt, weiterhin treu und eifrig in seinen Aufgaben zu sein und seine Brüder zu stärken. Hier zeigt sich die geistliche Logik des Reiches Gottes: Wer selbst gereinigt und gestärkt wird, übernimmt Verantwortung, andere zu unterstützen (vgl. Lukas 22,32). Das gilt nicht nur für persönliche geistliche Entwicklung, sondern auch für den Dienst an der Gemeinschaft und der Kirche. 

Sherman wird außerdem angewiesen, aktiv am Aufbau der Kirche mitzuwirken, zu reden und zu predigen, wie es durch den Geist eingegeben wird. Geistliche Reinigung soll nicht zum Rückzug führen, sondern zu verstärktem Engagement im Werk des Herrn. Wer seine Berufung erfüllt, wird durch göttliche Kraft gestärkt und vor Furcht bewahrt, eine universelle Wahrheit für jeden Jünger Christi. 

Geistliche Anwendung für uns heute 

Die Offenbarung an Lyman Sherman ist zwar individuell, enthält aber zeitlose Grundprinzipien, die auf jeden Jünger Christi übertragbar sind: 

  • Demütiges Fragen führt zu göttlicher Antwort: Sherman kam mit ehrlichem Wunsch zu wissen, was er tun sollte. Auch wir sind eingeladen, den Herrn um Führung zu bitten, sei es im Gebet, durch die Schriften oder durch lebende Propheten (vgl. Jakobus 1:5). 

  • Vergebung ist real und gegenwärtig: Sherman erhielt Zusicherung, dass seine Sünden vergeben sind. Das zeigt, dass göttliche Vergebung kein theoretisches Konzept ist, sondern eine tatsächliche, gegenwärtige Zusage (vgl. L&B 58:42). 

  • Gestärkt werden, um andere zu stärken: Wer geistig erneuert wird, soll diese Kraft weitergeben und andere ermutigen (vgl. 1. Thessalonicher 5:11). Treue im Dienst Gottes ist nie rein privat. 

  • Predigen nach dem Geist: Sherman wurde ermutigt, im Geist zu sprechen, wann immer sich Gelegenheit bietet. Auch heute gilt: Zeugnis geben sollte nicht aus eigener Kraft, sondern durch Eingebung des Heiligen Geistes geschehen (vgl. Lehre und Bündnisse 100:5–6). 

  • Furchtlosigkeit durch Treue: Der Herr versprach Sherman, ihn von Furcht zu befreien. Wahre Treue und gelebter Glaube vertreiben Angst und Unsicherheit (vgl. 1. Johannes 4:18). 

Ein Vermächtnis in wenigen Worten 

Obwohl Lyman Sherman kein Apostel im aktiven Dienst wurde und sein Leben relativ früh endete, ist sein geistiges Vermächtnis durch L&B 108 erhalten geblieben. Wir sehen darin das Bild eines Mannes, der nicht nach Macht oder Ansehen suchte, sondern nach Reinheit und göttlicher Führung. Sein Beispiel erinnert uns daran, dass im Reich Gottes nicht Titel oder Amt die entscheidende Rolle spielen, sondern das Herz, das sich demütig Gott zuwendet. 

Schlussgedanken 

L&B 108:1–8 ist ein Zeugnis von der Nähe des Herrn zu den Einzelnen. Es zeigt, dass Er aufrichtiges Fragen beantwortet, Vergebung schenkt, Mut gibt und uns zu treuem Dienst ermutigt. Auch wenn diese Offenbarung an einen einzelnen Mann erging, lädt sie uns alle ein, unsere eigene Bereitschaft zu prüfen: Suchen wir wie Sherman die Reinigung des Herzens? Sind wir willig, gestärkt zu werden, um andere zu stärken? Und vertrauen wir darauf, dass der Herr uns von Angst befreien und mit Kraft ausstatten wird? 

Wer diesen Prinzipien folgt, erfährt, dass Gott nicht nur die großen Führer, sondern auch den demütigen Jünger sieht – und dass selbst eine kurze Offenbarung, acht Verse lang, ein ganzes Leben prägen kann. 

findechristus.org

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Mit allem Eifer das Amt ausüben

26. September 2025, 05:34am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

Eine Ratsversammlung
(Bild: Quelle)

“Darum lasst nun einen jeden seine Pflicht lernen und mit allem Eifer das Amt ausüben lernen, zu dem er bestimmt worden ist.” (Lehre und Bündnisse 107:99). 

Lehre und Bündnisse 107:68–100 – Weisheit, Ordnung und Gleichgewicht im Priestertum 

Der letzte Teil von Abschnitt 107 schließt die große Priestertumsoffenbarung ab. Nachdem in den Versen 1–32 die beiden Priestertümer erklärt wurden und in den Versen 33–67 die Ämter und Räte beschrieben sind, wendet sich der Herr hier den Prinzipien der Leitung, der Entscheidungsfindung und dem Ausgleich zwischen geistiger und administrativer Verantwortung zu. Diese Verse zeigen, wie das Reich Gottes auf Erden in Ordnung geführt werden soll – „denn mein Haus ist ein Haus der Ordnung, spricht Gott, der Herr, und nicht ein Haus der Verwirrung“ (vgl. L&B 132:8). 

Weisheit und Rat in der Leitung (Verse 68–71) 

Die Offenbarung beginnt hier mit einer wichtigen Richtlinie: Entscheidungen in der Kirche sollen „in aller Rechtschaffenheit, Heiligkeit und Demut, mit Langmut und Glauben und mit Tugend und Erkenntnis, gemäß dem, was dem Herrn wohlgefällig ist“ (Vers 30), getroffen werden. In den Versen 68–71 wird dies auf die Rolle der Pfähle und Gemeinden angewandt. Der Herr gebietet, dass örtliche Angelegenheiten durch die jeweiligen Räte bearbeitet werden und dass weise Männer in die Leitung berufen werden. 

Diese Betonung von Weisheit erinnert an die biblische Tradition: Schon Mose beriet sich mit Jethro, der ihm riet, weise Männer über Tausende, Hunderte, Fünfzige und Zehnen einzusetzen (2. Mose 18:21–22). Genauso betont Abschnitt 107, dass Leitung nicht allein getragen werden soll, sondern durch Räte und Zusammenarbeit. Elder M. Russell Ballard sagte in einer Generalkonferenz: „In der Kirche Jesu Christi regieren wir niemals alleine. Wir beraten uns, und in Räten empfangen wir Inspiration“ (Konferenz, April 1994). Diese Struktur schützt vor Machtmissbrauch und stellt sicher, dass der Geist Gottes in kollektiver Weisheit wirkt. 

Gleichgewicht zwischen Priestertumsämtern (Verse 72–76) 

Ein weiterer Schwerpunkt dieser Verse ist die Balance zwischen den verschiedenen Priestertumsämtern. Vers 72 erklärt, dass die Bischöfe „Richter in Israel“ sein sollen, die mit Unterscheidungsvermögen und Milde handeln. Der Bischof trägt dabei sowohl eine geistige als auch eine zeitliche Verantwortung. 

In den Versen 73–76 wird deutlich, dass Bischöfe nicht unabhängig handeln, sondern dem Rat der Hohenpriester und letztlich der höheren Führung der Kirche unterstellt sind. Dies schafft ein Gleichgewicht: Kein Amt im Priestertum ist „größer“ als das andere, sondern jedes wirkt im Zusammenspiel. Präsident Dallin H. Oaks erklärte: „Das Priestertum ist kein Instrument persönlicher Macht, sondern ein Werkzeug im Dienst an Gott und an seinen Kindern“ (Generalkonferenz, Oktober 2019). Dieses Verständnis verhindert Hierarchie im weltlichen Sinn und betont die dienende Natur des Priestertums. 

Der Hohe Rat und die Siebziger (Verse 77–84) 

In diesen Versen beschreibt der Herr die Aufgabe des Hohen Rates der Kirche und die Berufung der Siebziger. Der Hohe Rat ist nach Vers 78 ausdrücklich dazu bestimmt, „schwierige Fragen zu entscheiden, die in der Kirche auftreten und die nicht durch die Räte eines Bischofs oder durch die Richter an deren Ort entschieden werden können“. Damit ist klar, dass der Hohe Rat für besonders gewichtige Angelegenheiten zuständig ist, die über die örtliche Ebene hinausgehen. 

Später folgt in Vers 81 eine bemerkenswerte Klarstellung: „Es gibt niemanden, der der Kirche angehört, der von diesem Rat der Kirche ausgenommen ist.“ Das bedeutet, dass die Zuständigkeit des Hohen Rates alle Mitglieder der Kirche einschließt – ungeachtet von Stellung, Berufung oder Verantwortung. Dieses Prinzip unterstreicht die Gleichheit aller Mitglieder vor der Ordnung des Priestertums: niemand ist von der Rechenschaft gegenüber der Kirche ausgenommen. 

So entsteht ein ausgewogenes Bild: Der Hohe Rat soll schwierige und gewichtige Fragen klären (V. 78) und seine Vollmacht gilt universell innerhalb der Kirche (V. 81). In Verbindung mit den Siebzigern, die in den Versen 82–84 als besondere Missionare für die Völker der Erde beschrieben werden, zeigt sich das Prinzip, dass das Priestertum sowohl ordnend in der Kirche als auch bezeugend in der Welt wirkt. 

Die Aufgaben der präsidierenden Ämter (Verse 85–92) 

In diesen Versen beschreibt der Herr detailliert die Aufgaben derjenigen, die in den verschiedenen Ämtern des Priestertums präsidieren. Ein Präsident über Diakone, Lehrer oder Priester soll nicht nur eine organisatorische Funktion ausüben, sondern hat die Pflicht, mit seinen Brüdern zu Rate zu sitzen, sie in ihren Aufgaben zu unterweisen und so für geistiges Wachstum zu sorgen (Verse 85–87). 

Besonders hervorgehoben wird das Amt des Bischofs, der als Präsident des Aaronischen Priestertums über die Priester präsidiert (Vers 88). Damit wird deutlich, dass der Bischof nicht nur für die zeitlichen Belange der Gemeinde zuständig ist, sondern auch eine wichtige geistliche Funktion im Zusammenhang mit dem Priestertum Aarons trägt. 

Auch im Melchisedekischen Priestertum gibt es präsidierende Ämter: Der Präsident über die Ältesten präsidiert über 96 Älteste und hat ebenfalls die Aufgabe, sie zu lehren und mit ihnen zu beraten (Vers 89). Im Unterschied dazu wird in Vers 90 betont, dass die Präsidentschaft der Siebziger eine andere Berufung hat – nämlich in alle Welt zu reisen und das Evangelium zu verkünden. 

Der Höhepunkt dieser Passage ist jedoch Vers 91–92: Der Präsident des Hohen Priestertums, also der Präsident der ganzen Kirche, soll „wie Mose“ sein – ein Prophet, Seher, Offenbarer, Übersetzer und Träger aller Gaben Gottes. Hier wird das Amt des Propheten und Präsidenten der Kirche in seiner einzigartigen Stellung und göttlichen Berufung beschrieben. 

Für uns heute wird damit klar: Jede Führungsaufgabe in der Kirche – ob im Diakonat oder im Amt des Propheten – ist auf Unterweisung, Rat, geistliches Wachstum und Dienst ausgerichtet. Autorität bedeutet im Reich Gottes immer Verantwortung vor Gott und den Menschen. 

Ordnung und Ausgleich in allen Dingen (Verse 93–100) 

Der Abschnitt endet mit einer Betonung von Ordnung und Zusammenarbeit innerhalb der Kirche. In den Versen 93–100 zeigt der Herr, dass es bei allen Priestertumsämtern und Räten nicht um persönliche Überordnung, sondern um gegenseitige Ergänzung und Zusammenarbeit geht. Jede Berufung hat ihre spezifische Aufgabe, und die verschiedenen Ämter wirken zusammen, um die Kirche in Rechtschaffenheit zu führen. 

Besonders hervorzuheben ist Vers 99
„Darum lasst nun einen jeden seine Pflicht lernen und mit allem Eifer das Amt ausüben lernen, zu dem er bestimmt worden ist.“ 
Hier wendet sich die Offenbarung direkt an jedes Mitglied: Priestertumsvollmacht ist nicht nur eine Lehre für die Kirchenleitung, sondern betrifft jeden Diener des Herrn in seinem Verantwortungsbereich. 

Dieser Vers hat zeitlose Gültigkeit. Paulus schrieb an die Korinther, dass die Kirche wie ein Leib sei, in dem jedes Glied seine Funktion erfüllt (1. Korinther 12:12–27). Ebenso ruft Abschnitt 107 uns dazu auf, unsere Aufgabe treu zu erfüllen, egal wie groß oder klein sie erscheint. Präsident Gordon B. Hinckley fasste dies einmal zusammen: 
„Sei in deiner Berufung treu, wie unscheinbar sie auch erscheinen mag. Im Werk des Herrn ist keine Berufung unbedeutend“ (Generalkonferenz, Oktober 1995). 

Anwendung für heute 

Für heutige Mitglieder enthält dieser Abschnitt mehrere Schlüsselgedanken: 

  1. Leitung geschieht in Räten – Entscheidungen werden im Geist der Einigkeit getroffen. 

  1. Es gibt Ausgleich zwischen den Ämtern – niemand steht über dem anderen; jedes Priestertum wirkt im Zusammenspiel. 

  1. Treue in der eigenen Berufung – jeder Einzelne ist aufgefordert, seine Pflicht gewissenhaft zu erfüllen. 

  1. Einheit durch den Heiligen Geist – wahre Einstimmigkeit entsteht, wenn der Geist Gottes Zeugnis gibt. 

Diese Prinzipien sind nicht nur auf Kirchenstrukturen anwendbar, sondern auch auf Familie, Beruf und persönliche Nachfolge Christi. Überall, wo wir Verantwortung tragen, können wir die Weisheit des Rates, die Demut des Dienens und die Einheit im Geist suchen. 

findechristus.org

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Sie werde bis zum Ende der Erde bewahrt bleiben

25. September 2025, 07:45am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

Aaron wurde von Mose zum Aaronischen Priestertum ordiniert
(Bild: Quelle)

“von Adam an Set, der im Alter von neunundsechzig Jahren von Adam ordiniert wurde und drei Jahre vor seinem (Adams) Tod von ihm gesegnet wurde und durch seinen Vater von Gott die Verheißung empfing, seine Nachkommenschaft werde die vom Herrn erwählte sein und sie werde bis zum Ende der Erde bewahrt bleiben;” (Lehre und Bündnisse 107:42). 

Lehre und Bündnisse 107:33-67 – Organisation des Priestertums und geistliche Ordnung 

Die Zwölf Apostel – ein Rat gleich dem der Ersten Präsidentschaft (Verse 33–35) 

In den Versen 33–35 wird die Vollmacht und Rolle der Zwölf Apostel beschrieben. Sie werden „einem reisenden Hohen Rat gleichgestellt, die die Schlüssel besitzen, in allen Nationen alle Angelegenheiten der Kirche zu ordnen“. Das bedeutet, dass ihre Aufgabe nicht auf eine bestimmte Gemeinde beschränkt ist, sondern weltumspannend gedacht ist. Sie handeln „unter der Leitung der Ersten Präsidentschaft“, haben aber dennoch „die gleichen Schlüssel“, um das Evangelium zu verkünden und die Kirche zu ordnen. 

Steven C. Harper weist darauf hin, dass dieser Gedanke 1835 besonders wichtig war, weil die Kirche begann, sich über die Grenzen von Kirtland und Missouri hinaus auszubreiten. Die Zwölf waren gewissermaßen „Missionare mit höchster Vollmacht“, die das Werk global voranbringen sollten. Heute erleben wir, wie diese prophetische Struktur erfüllt wird: Die Zwölf reisen in alle Welt, sie berufen Führer, geben Anweisungen und stärken die Heiligen. 

Ein biblisches Vorbild findet sich in Apostelgeschichte 1, wo die Zwölf mit der Berufung des Matthias wieder komplettiert werden (Judas war ja ausgeschieden). Schon damals waren die Zwölf als Zeugen für die Welt gedacht, nicht nur für Jerusalem. 

Die Siebziger – zur Unterstützung der Zwölf (Verse 34–38) 

In den Versen 34–38 wird die Rolle der Siebziger erklärt: Sie sollen den Zwölf als „besondere Zeugen für die Heiden und in allen Nationen“ dienen. Ihre Vollmacht ist „geringer“ als die der Zwölf, aber doch von entscheidender Bedeutung, weil sie die Ausbreitung des Evangeliums in die Breite tragen. 

Joseph Smith erklärte 1835, dass die Siebziger besonders für die Missionsarbeit bestimmt seien, „immer unterwegs, um die Völker zu belehren“ (vgl. Teachings of the Prophet Joseph Smith, S. 108). Das entspricht auch der biblischen Grundlage: Lukas 10 berichtet von den „anderen siebzig“, die der Herr aussandte, „vor seinem Angesicht her in alle Städte und Orte, wohin er kommen wollte“. 

Heute haben die Siebziger eine globale Funktion: Präsidierende Autoritäten, Gebietssiebziger und ihre Kollegien arbeiten eng mit den Zwölf zusammen, um die Kirche in allen Teilen der Welt zu leiten. Elder Quentin L. Cook erklärte dazu: „Die Siebziger sind dazu berufen, Zeugen für Christus zu sein und unter der Leitung der Zwölf zu dienen“ (Generalkonferenz, April 2013). 

Das hohe Priestertum und die Hohen Räte (Verse 39–52) 

Die Verse 39–52 ordnen das Amt des Hohenpriesters und die Rolle der Hohen Räte ein. Ein „Hoher Rat“ in einem Pfahl der Kirche hat die Aufgabe, Recht zu sprechen und in Fragen der Kirchenordnung zu handeln. Diese Struktur wurde bereits 1834 in Kirtland etabliert und half, Konflikte und Disziplinarfragen zu ordnen. 

Doctrine and Covenants Central weist darauf hin, dass diese frühen Hohen Räte ein Vorbild für heutige Pfahlhohe Räte sind. Ihre Aufgabe ist es, die Last der Leitung von den Schultern der Bischöfe und Pfahlpräsidenten zu nehmen und beratend sowie richtend mitzuwirken. 

Das Prinzip, das hier deutlich wird, ist Ratsarbeit: Entscheidungen werden nicht im Alleingang, sondern im Gremium getroffen, „nach dem Geist der Offenbarung“. Das spiegelt sich auch in Sprüche 11:14 wider: „Wo keine Führung ist, kommt das Volk zu Fall; wo aber viele Ratgeber sind, da ist Heil.“ 

Das Amt des Bischofs (Verse 68, hier bis Vers 67 vorbereitet) 

Auch wenn die detaillierte Beschreibung des Bischofsamtes erst in den folgenden Versen erfolgt, wird hier bereits die Grundlage gelegt: Das Aaronische Priestertum mit seinen Ämtern dient der äußeren Ordnung, den zeitlichen Angelegenheiten und der Vorbereitung auf das höhere Priestertum. 

In Vers 68 heißt es dann (über den hier behandelten Abschnitt hinaus), dass das Bischofsamt die Führung im Aaronischen Priestertum ist. Dies baut direkt auf den Versen 33–67 auf, in denen die Struktur des Melchisedekischen Priestertums entfaltet wird. 

Einheit in den Räten – Entscheidungen nach dem Willen Gottes (Verse 27–31 als Vorbereitung, 33–67 in Anwendung) 

Ein Schlüsselgedanke dieser Verse ist, dass alle Räte „in Einmütigkeit und Rechtschaffenheit“ handeln sollen. Das betrifft die Erste Präsidentschaft, die Zwölf, die Siebziger und die Hohen Räte. Keiner hat das Recht, in Isolation oder Selbstherrlichkeit zu handeln. Vielmehr bestätigt der Herr: „Jede Entscheidung dieser Räte muss in Einmütigkeit getroffen werden“ (vgl. L&B 107:27). 

Diese Lehre wird in den Versen 33–67 weiter konkretisiert, indem die jeweiligen Räte ihre Rollen zugewiesen bekommen. Das sichert eine Balance zwischen Autorität und gemeinschaftlicher Führung. Elder M. Russell Ballard hat wiederholt betont, dass Ratsarbeit ein göttliches Prinzip ist: „In der Kirche Jesu Christi gibt es keinen Platz für einsame Führer. Wir handeln in Räten, damit der Wille des Herrn deutlicher erkannt wird“ (Generalkonferenz, April 1994). 

Geistliche Bedeutung für heute 

Die Ordnung der Verse 33–67 zeigt, dass Autorität in der Kirche nicht der Machtentfaltung dient, sondern der geistlichen Stärkung des Volkes Gottes. Die Zwölf und die Siebziger sind heute weltweit tätig, um Zeugnis von Christus abzulegen. Die Pfahlhohen Räte und Bischöfe tragen Verantwortung vor Ort, um die Kirche zu führen, zu richten und zu segnen. 

Für uns als Mitglieder bedeutet das, dass wir uns in diese Ordnung einfügen und sie mittragen. Auch in unseren Familien und Gemeinden gilt das Prinzip: Entscheidungen sollen im Rat, im Gebet und unter dem Einfluss des Geistes getroffen werden. Das Priestertum wirkt immer in Harmonie mit dem Geist des Herrn. 

Ein besonderes Beispiel ist Vers 35: Die Zwölf haben „die gleichen Schlüssel wie die Erste Präsidentschaft“. Das zeigt, dass der Herr Vorsorge für Kontinuität getroffen hat. Wenn ein Präsident der Kirche stirbt, übernehmen die Zwölf in geordneter Weise die Führung, bis eine neue Erste Präsidentschaft eingesetzt wird. Dieses Muster hat sich seit Joseph Smith bewährt und gibt uns Sicherheit, dass der Herr seine Kirche lenkt. 

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Die Schlüssel aller geistigen Segnungen

24. September 2025, 04:49am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bild: Quelle)

“Die Macht und Vollmacht des höheren oder Melchisedekischen Priestertums ist es, die Schlüssel aller geistigen Segnungen der Kirche innezuhaben” (Lehre und Bündnisse 107:18). 

Lehre und Bündnisse 107:1-32 – Die Vollmacht des Herrn auf Erden 

Die ersten zweiunddreißig Verse von L&B 107 legen ein theologisches Fundament, das für das Verständnis der göttlichen Vollmacht auf Erden unverzichtbar ist. In ihnen wird nicht nur zwischen zwei Priestertümern unterschieden, sondern auch erklärt, welche Segnungen und Schlüssel damit verbunden sind. Darüber hinaus geben sie Einblick in die Organisation der Kirche durch Räte und Kollegien, deren Entscheidungen in Einstimmigkeit erfolgen sollen. Der Abschnitt zeigt damit, dass die Kirche Jesu Christi keine menschliche Gründung ist, sondern dass sie von Anfang an durch himmlische Ordnung, Vollmacht und Weisung geführt wird. 

Zwei Arten des Priestertums (Verse 1–6) 

Die Offenbarung beginnt mit einer grundlegenden Feststellung: „Es gibt in der Kirche zwei Priestertümer, nämlich das Melchisedekische und das Aaronische, oder Levitische“ (L&B 107:1). Diese Unterscheidung knüpft an biblische und buch-mormonische Traditionen an. Das Melchisedekische Priestertum trägt seinen Namen, weil Melchisedek „so großen Glauben ausübte, dass er durch die Macht seines Glaubens den Himmel und die Erde bewegte“ (vgl. Alma 13:17–18). In L&B 107 wird erklärt: „Warum es das Melchisedekische Priestertum genannt wird, ist, weil Melchisedek so großen Glauben ausübte“ (Vers 2). Ursprünglich hieß es „das Priestertum nach der Ordnung des Sohnes Gottes“ (Vers 3), doch um „die häufige Wiederholung des Namens des Sohnes Gottes zu vermeiden“ (Vers 4), wurde es nach Melchisedek benannt. 

Das Aaronische Priestertum, oder auch das Levitische Priestertum genannt, wird hingegen als „untergeordnetes Priestertum“ bezeichnet (Vers 6). Es enthält „den Schlüssel des Dienstes von Engeln und des Vorbereitenden-Evangeliums“ (Vers 20). Während das Melchisedekische Priestertum die Fülle des Evangeliums verwaltet, bereitet das Aaronische Priestertum auf höhere Segnungen vor. Joseph Smith lehrte, dass diese zwei Ordnungen zusammen den Bau des Reiches Gottes ermöglichen: Das eine führt in die Gegenwart Gottes, das andere legt das Fundament der Vorbereitung durch Umkehr, Taufe und äußere Verordnungen (vgl. Teachings of the Prophet Joseph Smith, S. 166). 

Die Unterscheidung der beiden Priestertümer bedeutet somit, dass der Herr eine göttliche Ordnung geschaffen hat, die sowohl Vorbereitung als auch Vollendung umfasst. Für uns heute heißt das: Jeder Dienst im Reich Gottes hat seinen Platz und seine Vollmacht. Junge Männer, die das Aaronische Priestertum tragen, üben nicht nur kleine Aufgaben aus, sondern erfüllen eine Schlüsselrolle in der Vorbereitung der Heiligen auf die Segnungen des Melchisedekischen Priestertums. 

Die Vorzüge des Melchisedekischen Priestertums (Verse 18–19) 

Besonders aufschlussreich ist die Beschreibung der Segnungen, die mit dem Melchisedekischen Priestertum verbunden sind: „den Vorzug zu genießen, die Geheimnisse des Himmelreichs zu empfangen, den Himmel aufzuschließen, die Gegenwart Gottes des Vaters zu sehen und das Angesicht Jesu Christi zu schauen“ (L&B 107:19). Diese Verheißung ist bemerkenswert, weil sie zeigt, dass das Priestertum nicht bloß Verwaltung ist, sondern Zugang zu geistigen Realitäten eröffnet. 

Die „Geheimnisse des Himmelreichs“ bedeuten hier nicht geheime Lehren, sondern Offenbarungen, die nur durch den Heiligen Geist empfangen werden können. Schon im Buch Mormon erklärt Alma: „Es sind viele, die so große Glauben gehabt haben, dass sie unaussprechliche Dinge sahen“ (Ether 12:19). Im Neuen Testament spricht Paulus von „Geheimnissen Gottes“ (1. Korinther 4:1), die den Dienern Christi anvertraut sind. 

Für uns heute bedeutet diese Verheißung, dass das Melchisedekische Priestertum nicht nur ein Amt ist, sondern eine Einladung, durch Rechtschaffenheit und Glauben Zugang zu Offenbarung und zur Gegenwart Gottes zu finden. Präsident Russell M. Nelson betonte: „Wenn du das Priestertum trägst, dann trägst du nicht nur einen Titel. Du trägst die Verantwortung, Gottes Kinder zu segnen und Offenbarung für dein Leben und deinen Dienst zu empfangen“ (General Conference, April 2016). 

Die Schlüssel des Aaronischen Priestertums (Vers 20) 

Vers 20 ergänzt: „Das Macht und die Vollmacht des Aaronischen Priestertums ist, die Schlüssel des Dienstes von Engeln innezuhaben und die äußerlichen Verordnungen zu vollziehen, den “Buchstaben des Evangeliums”, die Umkehr von Sünden und die Taufe zur Vergebung der Sünden zu verwalten, in Übereinstimmung mit den Bündnissen und Geboten.“ 

Diese Formulierung ist einzigartig: Sie verheißt den Priestern und Diakonen, dass sie in besonderer Weise mit der Hilfe von Engeln verbunden sind. Schon im Buch Mormon heißt es: „Engel dienen den Menschen, die einen starken Glauben und einen festen Sinn haben“ (Moroni 7:29-30). Präsident Dallin H. Oaks erklärte: „Wenn junge Männer das Aaronische Priestertum tragen, haben sie eine ganz reale Verbindung mit der Macht des Himmels. Sie üben Vollmacht in Verordnungen aus, die alle auf das Melchisedekische Priestertum vorbereiten“ (General Conference, April 2014). 

Die „äußerlichen Verordnungen“ – wie Taufe und Abendmahl – sind damit nicht äußerlich im Sinne von nebensächlich, sondern im Sinn von sichtbar und grundlegend. Sie öffnen die Tür zu den inneren, höheren Segnungen, die im Melchisedekischen Priestertum liegen. Für uns heute bedeutet das, dass auch die scheinbar einfachen Dienste – das Spenden des Abendmahls, das Austeilen von Brot und Wasser – ein äußerst heiliger Akt sind, der Engel und göttliche Gegenwart mit sich bringt. 

Die Räte und Kollegien des Priestertums (Verse 21–32) 

Ein weiterer Schwerpunkt dieser Verse liegt auf den Gremien, die die geistige Autorität der Kirche ausmachen. Ab Vers 21 wird das „Hohepriestertum nach der Ordnung Melchisedeks“ beschrieben, das in der Kirche durch das Kollegium der Zwölf, die Siebziger und den Hohen Rat repräsentiert wird. Diese Kollegien bilden gemeinsam die Führung, in der die Autorität des Herrn auf Erden ausgeübt wird. 

Besonders bemerkenswert ist die Betonung auf Einstimmigkeit: „Und alle Dinge sollen durch Einstimmigkeit im Rat beschlossen werden, und das soll durch die Stimme des Kollegs oder der Mehrheit des Kollegs geschehen“ (L&B 107:27). Vers 30 führt aus: „Die Entscheidungen des Kollegiums der Hohen Räte oder des Hohen Rates im Zion sollen einstimmig getroffen werden, damit die Entscheidungen vollkommen sein können.“ 

Diese Weisung bedeutet, dass geistliche Autorität nicht autokratisch ausgeübt wird, sondern durch Beratung, Demut und das Bemühen, den Willen des Herrn gemeinsam zu erkennen. Präsident Gordon B. Hinckley bezeugte: „Ich habe an Sitzungen der Ersten Präsidentschaft und des Kollegiums der Zwölf teilgenommen, und ich sage Ihnen: Entscheidungen werden nicht getroffen, bis Einstimmigkeit erreicht ist. Das ist die Art und Weise des Herrn“ (General Conference, April 1994). 

Für uns heute ist dieses Prinzip nicht nur in der obersten Kirchenleitung gültig, sondern auch in Pfahl- und Gemeinderäten. Entscheidungen werden im Rat getroffen, nicht allein. Das macht die Kirche zu einer Kirche der Ordnung, in der die Macht Gottes durch Räte ausgeübt wird, die gemeinsam nach dem Geist suchen. 

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In der Kirche gibt es zwei Priestertümer

23. September 2025, 05:28am

Veröffentlicht von Manfred Lobstein

Petrus, Jakobus und Johannes übertragen das höhere Priestertum
(Bild: Quelle)

“In der Kirche gibt es zwei Priestertümer, nämlich das Melchisedekische und das Aaronische, welches das Levitische Priestertum einschließt.” (Lehre und Bündnisse 107:1). 

Lehre und Bündnisse 107 – Historischer Kontext und Entstehung 

L&B 107 gehört zu den bedeutendsten Offenbarungen über das Priestertum in der Frühzeit der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Der Abschnitt, wie er heute im Kanon der Heiligen Schriften steht, ist das Ergebnis einer längeren Entstehungsgeschichte und verschiedener Offenbarungen, die schließlich im Jahr 1835 zusammengeführt wurden. Sein Inhalt legt grundlegende Prinzipien über das Melchisedekische und das Aaronische Priestertum, über die Organisation von Räten und die Rolle des Hohen Priestertums dar. Um den Hintergrund dieser Offenbarung besser zu verstehen, lohnt es sich, die historischen Umstände zwischen 1831 und 1835 genauer zu betrachten. 

Die ersten Offenbarungen über das Priestertum (1831–1832) 

Schon kurz nach der Gründung der Kirche am 6. April 1830 wurde die Frage nach der Autorität und Ordnung des Priestertums drängend. Viele Gläubige stammten aus verschiedenen protestantischen Traditionen, in denen es zwar Prediger und Pastoren gab, aber kein Verständnis eines wiederhergestellten Priestertums mit göttlicher Vollmacht. Joseph Smith und Oliver Cowdery hatten bereits 1829 durch Johannes den Täufer das Aaronische Priestertum empfangen und kurz darauf von Petrus, Jakobus und Johannes das höhere Priestertum, das in dieser Zeit oft „Priestertum nach der Ordnung des Sohnes Gottes“ genannt wurde. In einer frühen Offenbarung erklärte der Herr: „Und jeder Priester wird nach der Ordnung des Sohnes Gottes genannt werden“ (vgl. L&B 107:3). Später wurde festgelegt, dass diese Ordnung nach Melchisedek benannt wird, „um die häufige Wiederholung des Namens des Sohnes Gottes zu vermeiden“ (L&B 107:4). 

Schon 1831 gab es Versammlungen, in denen das Priestertum und seine Ämter besprochen wurden. Damals aber fehlte noch eine systematische Ordnung. Viele Mitglieder wussten nicht genau, welche Aufgaben Diakone, Lehrer, Priester oder Älteste hatten. Die Offenbarungen in Kirtland und Missouri führten Schritt für Schritt zu einer Klärung. Steven C. Harper weist darauf hin, dass diese Jahre von einer „Experimentierphase“ geprägt waren, in der der Herr die Kirche allmählich über die Strukturen des Priestertums belehrte (vgl. Harper, Doctrine and Covenants Contexts, 2021). 

Die Bildung des Hohen Rates (1834) 

Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur heutigen Form von L&B 107 war die Organisation des Hohen Rates in Kirtland im Februar 1834. Joseph Smith berief zwölf Männer, die als „Hoher Rat der Kirche“ fungieren sollten. Ihre Aufgabe war es, schwierige Fragen und Disziplinarfälle zu entscheiden. Die Niederschrift dieser Organisation und ihrer Regeln findet sich in Joseph Smiths History, und Teile davon wurden später in den Text von L&B 107 integriert. Damit wurde zum ersten Mal deutlich, dass die Kirche nicht nur aus einzelnen Priestertumsämtern bestand, sondern dass auch Räte von großer Bedeutung waren, in denen Entscheidungen durch gemeinsame Beratung und Einstimmigkeit getroffen wurden. 

Die Kodifizierung 1835 

Im Jahr 1835 stand die Kirche an einem entscheidenden Punkt. Die Veröffentlichung der Lehren und Bündnisse war in Vorbereitung. Dafür sollten die wichtigsten Offenbarungen gesammelt, geordnet und redaktionell bearbeitet werden. In diesem Zusammenhang wurde der heutige Abschnitt 107 zusammengestellt. Er vereint zwei größere Texte: 

  1. Ein Text von 1831, in dem die Ordnung des Priestertums und die Ämter erklärt werden (Verse 1–58). 

  1. Ein Text von 1835, der insbesondere die Aufgaben der Zwölf Apostel, der Siebziger und des Hohen Rates beschreibt (Verse 59–100). 

Die Zusammenführung dieser beiden Dokumente zu einem einzigen Abschnitt erklärt, warum der Stil teilweise wechselt. Der erste Teil wirkt wie eine Grundsatzoffenbarung über das Priestertum seit Adam, während der zweite Teil stärker organisatorisch und auf die konkrete Kirchenleitung der 1830er-Jahre bezogen ist. 

Doctrine and Covenants Central fasst dies so: „Lehre und Bündnisse 107 besteht aus mehreren miteinander verwobenen Offenbarungen, die erstmals 1835 veröffentlicht wurden. “ (Quelle). 

Theologische Bedeutung: Priestertum seit Adam 

Ein auffälliges Element von L&B 107 ist der Rückgriff auf die alttestamentliche Geschichte. Der Text erklärt: „Das Priestertum wurde von Generation zu Generation von Adam weitergegeben“ (vgl. L&B 107:40–41). Damit wird das Priestertum nicht als etwas Neues dargestellt, sondern als uralte Ordnung, die von Anfang an existierte. Im Buch Mormon findet sich ein ähnlicher Gedanke, wenn Alma von „den heiligen Ordnungen“ spricht, die „von Anfang an“ bestanden (vgl. Alma 13:1–3). 

Diese Rückführung bis zu Adam hatte in der Frühzeit der Kirche eine doppelte Bedeutung: Einerseits stärkte sie das Bewusstsein, dass die Heiligen durch Joseph Smith Zugang zu einer ursprünglichen göttlichen Ordnung erhielten, die in den Jahrhunderten verloren gegangen war. Andererseits gab sie den Priestertumsträgern ein Vorbild, indem sie Adam als „erstes Oberhaupt“ des Priestertums darstellte (vgl. L&B 107:53). 

Organisation der Zwölf und der Siebziger 

Ein weiterer historisch entscheidender Schritt war die Organisation des Kollegiums der Zwölf Apostel im Februar 1835, kurz vor der endgültigen Redaktion von L&B 107. Diese Zwölf wurden von den drei Zeugen des Buches Mormon berufen. Ihre Aufgaben wurden in den neuen Abschnitten des Jahres 1835 genau definiert: „Die Zwölf sollen als ein reisendes Ratskollegium arbeiten, das zu allen Nationen der Erde gesandt ist“ (vgl. L&B 107:23). Kurz danach wurden auch die Siebziger berufen, die als Hilfskörper der Zwölf fungieren sollten (vgl. L&B 107:25). Diese organisatorischen Entwicklungen spiegeln sich direkt im zweiten Teil des Abschnitts wider. 

Bedeutung für die frühe Kirche 

Für die Mitglieder der 1830er-Jahre war L&B 107 ein Leitfaden, wie die Kirche wachsen und zugleich in Ordnung geführt werden konnte. In einer Zeit, in der Missionsreisen nach Kanada und bald auch nach England begannen, war die Festlegung von Aufgaben entscheidend. Ohne eine klare Ordnung hätte es leicht zu Chaos kommen können. 

Auch heute gilt dieses Prinzip. Präsident Russell M. Nelson betonte: „Das Priestertum ist die Macht Gottes, die in Gerechtigkeit ausgeübt wird, um seine Kinder zu segnen. Diese Macht bringt Ordnung in das Werk des Herrn“ (General Conference, April 2016). 

Veröffentlichung 1835 in Lehre und Bündnisse 

Als die erste Ausgabe der L&B 1835 in Kirtland erschien, war Abschnitt 107 einer der umfangreichsten Texte im Buch. Er stand in direktem Zusammenhang mit der Errichtung des Hauses des Herrn in Kirtland (1833–1836), wo das Priestertum seine Vollmacht durch Endowment und Tempelverordnungen entfalten sollte. Damit war L&B 107 nicht nur eine theologische Grundsatzerklärung, sondern auch eine praktische Anleitung für die Kirchenführung im entscheidenden Jahrzehnt der frühen Wiederherstellung. 

Fazit 

Der geschichtliche Hintergrund von L&B 107 zeigt, dass dieser Abschnitt nicht auf einen einzigen Zeitpunkt zurückgeht, sondern das Ergebnis einer mehrjährigen Entwicklung ist. Beginnend mit Offenbarungen über das Priestertum im Jahr 1831, über die Organisation des Hohen Rates 1834 bis hin zur Berufung der Zwölf und Siebziger 1835, fasst L&B 107 die wachsende Erkenntnis über die Ordnung des Priestertums zusammen. Er verband alte theologische Wahrheiten – dass das Priestertum seit Adam existiert – mit den praktischen Erfordernissen einer jungen Kirche, die sich auf weltweite Missionsarbeit vorbereitete. 

Heute wie damals erinnert uns dieser Abschnitt daran, dass die Kirche Jesu Christi durch Ordnung, Räte und Priestertumsvollmacht geführt wird. Der Herr selbst fasste es in diesem Abschnitt zusammen: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein regiere; darum werde ich Räte geben (L&B 107:27-30). Dieses Prinzip bleibt ein Leitstern für die Führung der Kirche in allen Zeiten. 

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