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Glaubensansichten
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In der Kirche gibt es zwei Priestertümer

23. September 2025, 05:28am

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Veröffentlicht von Manfred Lobstein

Petrus, Jakobus und Johannes übertragen das höhere Priestertum
(Bild: Quelle)

“In der Kirche gibt es zwei Priestertümer, nämlich das Melchisedekische und das Aaronische, welches das Levitische Priestertum einschließt.” (Lehre und Bündnisse 107:1). 

Lehre und Bündnisse 107 – Historischer Kontext und Entstehung 

L&B 107 gehört zu den bedeutendsten Offenbarungen über das Priestertum in der Frühzeit der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Der Abschnitt, wie er heute im Kanon der Heiligen Schriften steht, ist das Ergebnis einer längeren Entstehungsgeschichte und verschiedener Offenbarungen, die schließlich im Jahr 1835 zusammengeführt wurden. Sein Inhalt legt grundlegende Prinzipien über das Melchisedekische und das Aaronische Priestertum, über die Organisation von Räten und die Rolle des Hohen Priestertums dar. Um den Hintergrund dieser Offenbarung besser zu verstehen, lohnt es sich, die historischen Umstände zwischen 1831 und 1835 genauer zu betrachten. 

Die ersten Offenbarungen über das Priestertum (1831–1832) 

Schon kurz nach der Gründung der Kirche am 6. April 1830 wurde die Frage nach der Autorität und Ordnung des Priestertums drängend. Viele Gläubige stammten aus verschiedenen protestantischen Traditionen, in denen es zwar Prediger und Pastoren gab, aber kein Verständnis eines wiederhergestellten Priestertums mit göttlicher Vollmacht. Joseph Smith und Oliver Cowdery hatten bereits 1829 durch Johannes den Täufer das Aaronische Priestertum empfangen und kurz darauf von Petrus, Jakobus und Johannes das höhere Priestertum, das in dieser Zeit oft „Priestertum nach der Ordnung des Sohnes Gottes“ genannt wurde. In einer frühen Offenbarung erklärte der Herr: „Und jeder Priester wird nach der Ordnung des Sohnes Gottes genannt werden“ (vgl. L&B 107:3). Später wurde festgelegt, dass diese Ordnung nach Melchisedek benannt wird, „um die häufige Wiederholung des Namens des Sohnes Gottes zu vermeiden“ (L&B 107:4). 

Schon 1831 gab es Versammlungen, in denen das Priestertum und seine Ämter besprochen wurden. Damals aber fehlte noch eine systematische Ordnung. Viele Mitglieder wussten nicht genau, welche Aufgaben Diakone, Lehrer, Priester oder Älteste hatten. Die Offenbarungen in Kirtland und Missouri führten Schritt für Schritt zu einer Klärung. Steven C. Harper weist darauf hin, dass diese Jahre von einer „Experimentierphase“ geprägt waren, in der der Herr die Kirche allmählich über die Strukturen des Priestertums belehrte (vgl. Harper, Doctrine and Covenants Contexts, 2021). 

Die Bildung des Hohen Rates (1834) 

Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur heutigen Form von L&B 107 war die Organisation des Hohen Rates in Kirtland im Februar 1834. Joseph Smith berief zwölf Männer, die als „Hoher Rat der Kirche“ fungieren sollten. Ihre Aufgabe war es, schwierige Fragen und Disziplinarfälle zu entscheiden. Die Niederschrift dieser Organisation und ihrer Regeln findet sich in Joseph Smiths History, und Teile davon wurden später in den Text von L&B 107 integriert. Damit wurde zum ersten Mal deutlich, dass die Kirche nicht nur aus einzelnen Priestertumsämtern bestand, sondern dass auch Räte von großer Bedeutung waren, in denen Entscheidungen durch gemeinsame Beratung und Einstimmigkeit getroffen wurden. 

Die Kodifizierung 1835 

Im Jahr 1835 stand die Kirche an einem entscheidenden Punkt. Die Veröffentlichung der Lehren und Bündnisse war in Vorbereitung. Dafür sollten die wichtigsten Offenbarungen gesammelt, geordnet und redaktionell bearbeitet werden. In diesem Zusammenhang wurde der heutige Abschnitt 107 zusammengestellt. Er vereint zwei größere Texte: 

  1. Ein Text von 1831, in dem die Ordnung des Priestertums und die Ämter erklärt werden (Verse 1–58). 

  1. Ein Text von 1835, der insbesondere die Aufgaben der Zwölf Apostel, der Siebziger und des Hohen Rates beschreibt (Verse 59–100). 

Die Zusammenführung dieser beiden Dokumente zu einem einzigen Abschnitt erklärt, warum der Stil teilweise wechselt. Der erste Teil wirkt wie eine Grundsatzoffenbarung über das Priestertum seit Adam, während der zweite Teil stärker organisatorisch und auf die konkrete Kirchenleitung der 1830er-Jahre bezogen ist. 

Doctrine and Covenants Central fasst dies so: „Lehre und Bündnisse 107 besteht aus mehreren miteinander verwobenen Offenbarungen, die erstmals 1835 veröffentlicht wurden. “ (Quelle). 

Theologische Bedeutung: Priestertum seit Adam 

Ein auffälliges Element von L&B 107 ist der Rückgriff auf die alttestamentliche Geschichte. Der Text erklärt: „Das Priestertum wurde von Generation zu Generation von Adam weitergegeben“ (vgl. L&B 107:40–41). Damit wird das Priestertum nicht als etwas Neues dargestellt, sondern als uralte Ordnung, die von Anfang an existierte. Im Buch Mormon findet sich ein ähnlicher Gedanke, wenn Alma von „den heiligen Ordnungen“ spricht, die „von Anfang an“ bestanden (vgl. Alma 13:1–3). 

Diese Rückführung bis zu Adam hatte in der Frühzeit der Kirche eine doppelte Bedeutung: Einerseits stärkte sie das Bewusstsein, dass die Heiligen durch Joseph Smith Zugang zu einer ursprünglichen göttlichen Ordnung erhielten, die in den Jahrhunderten verloren gegangen war. Andererseits gab sie den Priestertumsträgern ein Vorbild, indem sie Adam als „erstes Oberhaupt“ des Priestertums darstellte (vgl. L&B 107:53). 

Organisation der Zwölf und der Siebziger 

Ein weiterer historisch entscheidender Schritt war die Organisation des Kollegiums der Zwölf Apostel im Februar 1835, kurz vor der endgültigen Redaktion von L&B 107. Diese Zwölf wurden von den drei Zeugen des Buches Mormon berufen. Ihre Aufgaben wurden in den neuen Abschnitten des Jahres 1835 genau definiert: „Die Zwölf sollen als ein reisendes Ratskollegium arbeiten, das zu allen Nationen der Erde gesandt ist“ (vgl. L&B 107:23). Kurz danach wurden auch die Siebziger berufen, die als Hilfskörper der Zwölf fungieren sollten (vgl. L&B 107:25). Diese organisatorischen Entwicklungen spiegeln sich direkt im zweiten Teil des Abschnitts wider. 

Bedeutung für die frühe Kirche 

Für die Mitglieder der 1830er-Jahre war L&B 107 ein Leitfaden, wie die Kirche wachsen und zugleich in Ordnung geführt werden konnte. In einer Zeit, in der Missionsreisen nach Kanada und bald auch nach England begannen, war die Festlegung von Aufgaben entscheidend. Ohne eine klare Ordnung hätte es leicht zu Chaos kommen können. 

Auch heute gilt dieses Prinzip. Präsident Russell M. Nelson betonte: „Das Priestertum ist die Macht Gottes, die in Gerechtigkeit ausgeübt wird, um seine Kinder zu segnen. Diese Macht bringt Ordnung in das Werk des Herrn“ (General Conference, April 2016). 

Veröffentlichung 1835 in Lehre und Bündnisse 

Als die erste Ausgabe der L&B 1835 in Kirtland erschien, war Abschnitt 107 einer der umfangreichsten Texte im Buch. Er stand in direktem Zusammenhang mit der Errichtung des Hauses des Herrn in Kirtland (1833–1836), wo das Priestertum seine Vollmacht durch Endowment und Tempelverordnungen entfalten sollte. Damit war L&B 107 nicht nur eine theologische Grundsatzerklärung, sondern auch eine praktische Anleitung für die Kirchenführung im entscheidenden Jahrzehnt der frühen Wiederherstellung. 

Fazit 

Der geschichtliche Hintergrund von L&B 107 zeigt, dass dieser Abschnitt nicht auf einen einzigen Zeitpunkt zurückgeht, sondern das Ergebnis einer mehrjährigen Entwicklung ist. Beginnend mit Offenbarungen über das Priestertum im Jahr 1831, über die Organisation des Hohen Rates 1834 bis hin zur Berufung der Zwölf und Siebziger 1835, fasst L&B 107 die wachsende Erkenntnis über die Ordnung des Priestertums zusammen. Er verband alte theologische Wahrheiten – dass das Priestertum seit Adam existiert – mit den praktischen Erfordernissen einer jungen Kirche, die sich auf weltweite Missionsarbeit vorbereitete. 

Heute wie damals erinnert uns dieser Abschnitt daran, dass die Kirche Jesu Christi durch Ordnung, Räte und Priestertumsvollmacht geführt wird. Der Herr selbst fasste es in diesem Abschnitt zusammen: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein regiere; darum werde ich Räte geben (L&B 107:27-30). Dieses Prinzip bleibt ein Leitstern für die Führung der Kirche in allen Zeiten. 

findechristus.org

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Damit ihr die Kinder des Lichts seiet

22. September 2025, 05:37am

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Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bild: Quelle)

“darum gürtet euch die Lenden, damit ihr die Kinder des Lichts seiet und jener Tag nicht über euch komme wie ein Dieb.” (Lehre und Bündnisse 106:5). 

Lehre & Bündnisse 106 – Geschichtlicher Hintergrund und Lehren für uns heute 

Historischer Hintergrund 

Am 25. November 1834 empfing Joseph Smith in Kirtland, Ohio, eine Offenbarung für Warren A. Cowdery, den älteren Bruder von Oliver Cowdery. Diese Offenbarung ist heute als L&B 106 bekannt und richtet sich zugleich an die kleine Gemeinde in Freedom, New York, wo Warren lebte. 

Warren A. Cowdery wurde vermutlich 1788 in Vermont geboren und war ein Mann mit Einfluss und Bildung: Er war Landwirt, Arzt, Postmeister und Herausgeber einer Zeitung. Als sein Bruder Oliver ihm erste Druckfahnen des Buches Mormon zeigte, öffnete er sich für den Glauben und ließ sich Ende 1831 taufen. In den folgenden Jahren war er eine der tragenden Figuren der kleinen Gemeinde in Freedom. 

Joseph Smith selbst besuchte Freedom im Herbst 1834 während seiner Reisen zur Unterstützung des Zion’s Camp. Er wohnte bei Warren und berichtete später, dort den „vollen Genuss aller zeitlichen und geistigen Segnungen“ erfahren zu haben (History of the Church, 2:174). Offenbar beeindruckt von Warrens Hingabe und dem Wunsch, nützlich zu sein im Werk des Herrn, übermittelte Joseph die Offenbarung, die ihn offiziell als präsidierenden Hohen Priester im Land Freedom einsetzte. 

Die Offenbarung ist zugleich persönlich und kirchlich bedeutsam: Sie spricht einerseits Warren Mut zu und verheißt ihm geistliche Unterstützung, andererseits definiert sie die Pflicht, wachsam zu sein und das Evangelium zu verbreiten. 

Schon ein Jahr später, im Herbst 1835, zog Warren nach Kirtland, wo er in der Druckerei der Kirche arbeitete, die Kirchenzeitschrift Messenger and Advocate mit herausgab und auch als Schreiber Joseph Smiths diente. Er gehörte zeitweise dem Hohen Rat von Kirtland an und spielte eine Rolle bei der Vorbereitung der Tempelweihe. 

Doch Warren war auch ein Mensch mit Fehlern. 1835 verfasste er einen kritischen Brief, in dem er die Zwölf Apostel wegen mangelnder Unterstützung des Tempelbaus tadelte. Dies führte zu Spannungen. Schließlich bekannte er vor dem Hohen Rat öffentlich seinen Irrtum und ließ eine Entschuldigung im Messenger and Advocate abdrucken. Damit konnte die Einheit kurzfristig wiederhergestellt werden. 

In den Jahren danach allerdings verlor Warren den Anschluss an die Kirche. Im Zusammenhang mit den Spannungen in Kirtland – finanziellen Krisen, inneren Konflikten, dem Zusammenbruch der Kirtland Safety Society – distanzierte er sich zunehmend. Spätestens 1838 war er nicht mehr aktiv Teil der Kirche. Bis zu seinem Tod im Jahr 1851 blieb er von den Hauptströmungen des wiederhergestellten Evangeliums getrennt. 

Damit steht Warren A. Cowdery exemplarisch für eine ganze Reihe von frühen Führungsmitgliedern, die große Berufungen erhielten und wichtige Beiträge leisteten, aber später durch Umstände, eigene Fehler oder äußere Konflikte den Weg der Kirche nicht mehr mitgingen. L&B 106 dokumentiert zugleich die Würde der Berufung und die Mahnung zur Demut, die jedem Diener Gottes gilt. 

Vers-für-Vers-Kommentar zu L&B 106 

Verse 1–3 
„Es ist mein Wille, dass mein Diener Warren A. Cowdery …“ – Der Herr beauftragt Warren direkt, Führungsverantwortung zu übernehmen. Damit tritt er in eine Linie von Berufungen, die wir auch in anderen Schriften sehen. Jesus ruft Simon Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes aus ihrem Fischerberuf in den geistlichen Dienst (Matthäus 4:18–22; Markus 1:16–20; Lukas 5:1–11). Ebenso wird der Zöllner Matthäus in Matthäus 9:9–13 berufen – ein Mann mit gesellschaftlichem Stand, ähnlich wie Warren, der Arzt und Herausgeber war. Auch im Alten Testament sehen wir bei Jona die eindringliche Berufung zum Dienst („Geh nach Ninive!“). Diese Muster zeigen: Gott ruft Menschen mitten aus ihrem Alltag, unabhängig von ihrem Beruf, in seinen Dienst. Die Betonung auf „eifrig nach dem Himmelreich und dessen Rechtschaffenheit trachten,“ mit ganzem Herzen, erinnert direkt an Matthäus 6:33. 

Verse 4–5 
Hier verwendet der Herr das Bild seines Kommens „wie ein Dieb in der Nacht“ – ein Motiv, das sich bereits im Neuen Testament findet (1. Thessalonicher 5:2; Matthäus 24:43–44). Der Unterschied: Wer „Kinder des Lichts“ ist, wird nicht überrascht, sondern bleibt wachsam. Es geht also weniger um Furcht, sondern um geistige Bereitschaft. Paulus lehrt ebenfalls: „Wir sind nicht der Nacht noch der Finsternis“ (1. Thessalonicher 5:5). 

Vers 6 
„Freude war im Himmel, als mein Diener Warren sich meinem Zepter gebeugt …“ – Ein Bild, das an Lukas 15 erinnert: „Freude wird im Himmel sein über einen Sünder, der umkehrt“ (Lukas 15:7). Diese Parallele zeigt, wie sehr Gott die Bereitschaft zur Umkehr und Demut ehrt. 

Vers 7 
„… ungeachtet der Eingebildetheit seines Herzens werde ich ihn emporheben, insofern er sich demütigt.“ – Dieser Vers spricht offen menschliche Schwächen an, kombiniert sie aber mit der Verheißung göttlicher Erhöhung. Er erinnert an Jakob, der nach einem Ringen mit Gott von Hochmut zu Demut geführt wurde und so den neuen Namen „Israel“ erhielt. 

Vers 8 
Der Herr verheißt Warren „Gnade und Zuversicht“ und schließlich eine „Krone“ in den Wohnungen des Vaters. Diese Sprache ist vertraut aus den Sendschreiben in Offenbarung 2–3, wo von der „Krone des Lebens“ die Rede ist. Auch L&B 76 beschreibt ähnliche Verheißungen. Sie deuten auf eine himmlische Perspektive: Wer treu bleibt, wird nicht nur gestärkt, sondern mit ewiger Herrlichkeit gekrönt. 

Anwendung für unser Leben heute 

  1. Bereitschaft zur Berufung: Gott ruft uns alle – manchmal in unerwarteten Momenten. Wie Warren sollen wir bereit sein, unser Herz voll einzusetzen. 

  1. Wachsamkeit im Alltag: Der Aufruf, Kinder des Lichts zu sein, fordert uns auf, geistig wach zu leben: im Gebet, in den Schriften, im Dienst. 

  1. Demut statt Stolz: Auch wer gebildet und talentiert ist, bleibt angewiesen auf Demut. Der Herr erhebt uns nicht trotz, sondern wegen unserer Demut. 

  1. Himmlische Freude über Umkehr: Jede kleine Umkehr, jeder Schritt zurück zu Gott bringt Freude im Himmel – das motiviert uns, nicht aufzugeben. 

  1. Verheißene Stärke und Krone: Der Herr gibt Zuversicht, selbst in schwierigen Zeiten. Wer treu bleibt, wird eine ewige Belohnung empfangen. 

Fazit 

Lehre und Bündnisse 106 ist eine kurze, aber dichte Offenbarung. Sie verknüpft die Geschichte einer konkreten Person – Warren A. Cowdery – mit universellen geistlichen Wahrheiten: Berufung, Wachsamkeit, Demut und göttliche Belohnung. In der Geschichte Warrens erkennen wir sowohl Möglichkeiten als auch Gefahren: große Chancen, im Werk des Herrn mitzuwirken, aber auch die Notwendigkeit, dauerhaft treu zu bleiben. 

Für uns heute bedeutet diese Offenbarung eine Einladung, Kinder des Lichts zu sein – wachsam, demütig, bereit für Gottes Ruf und zuversichtlich in der Verheißung einer ewigen Krone. 

findechristus.org

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Hebt ein Friedenspanier empor

20. September 2025, 05:52am

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Veröffentlicht von Manfred Lobstein

Banner für den Frieden
(Bild: Quelle)

“Und abermals sage ich euch: Erbittet Frieden nicht nur bei denen, die euch geschlagen haben, sondern bei allen Menschen, 

39 und hebt ein Friedenspanier empor, und lasst eine Friedenskundmachung an die Enden der Erde ergehen;” (Lehre und Bündnisse 105:38-39). 

Lehre und Bündnisse 105 – Eine Vers-für-Vers-Betrachtung 

Die Offenbarung in L&B 105 wurde am 22. Juni 1834 in Fishing River, Missouri, gegeben, während das Zionslager unterwegs war. Die Hoffnung der Heiligen, sofort nach Zion zurückzukehren, wurde enttäuscht, doch Gott offenbarte eine tiefere Lektion: Zion wird nur dann dauerhaft errichtet, wenn sein Volk vorbereitet und im Bund treu ist. 

Verse 1–5: Verzögerung wegen mangelnder Bündnistreue 

Der Herr beginnt mit einer ernüchternden Erklärung: „Sie haben nicht gelernt, in aller Sanftmut und in allem, was für Zion notwendig ist, gehorsam zu sein“ (V. 3). Diese Verse machen klar, dass die Verzögerung der Erlösung Zions nicht primär an äußeren Feinden lag, sondern an inneren Mängeln. 

Die Heiligen stützten sich zu sehr auf ihre eigenen Wünsche und zu wenig auf den Herrn. Gott verlangt nicht nur den Wunsch nach Zion, sondern Opfer, Gehorsam und echte Weihe. 

Hier lässt sich ein Vergleich zum Alten Testament ziehen: Auch Israel wurde nach dem Auszug aus Ägypten 40 Jahre in der Wüste geprüft, weil es nicht bereit war, das verheißene Land im Glauben einzunehmen (4. Mose 14:22–23). Zion kann nur entstehen, wenn Gottes Volk seinen Bund wirklich lebt. 

Für uns heute bedeutet das: Wir bauen „Zion“ nicht mit Worten oder Plänen, sondern durch Treue zu unseren Bündnissen im Alltag – beim Abendmahl, im Tempel, in der Familie. 

Verse 6–13: Eine kurze Zeit der Prüfung 

Die Offenbarung spricht davon, dass die Heiligen „eine kurze Zeit gezüchtigt“ werden müssen, damit sie in Gehorsam und Demut wachsen. Erst dann werde Gott ihnen die Macht geben, Zion zu erlösen. 

Diese „kurze Zeit“ ist nicht im zeitlichen, sondern im heilsgeschichtlichen Sinn zu verstehen. Auch wenn die Heiligen Jahrzehnte warten mussten, sieht Gott dies in der Ewigkeit als kurzen Moment. 

Diese Vorstellung erinnert an Mosia 23:21 im Buch Mormon: „Der Herr prüft sein Volk in Geduld und in seinem Glauben.“ Prüfungen sind keine Strafe, sondern Vorbereitung. So wie Israel durch die Wüste geführt wurde, damit es lernte, Gott zu vertrauen, so mussten die Heiligen durch die Erfahrung des Zionslagers lernen, dass Gottes Werk nicht durch Eile oder Gewalt voranschreitet. 

Verse 14–19: Gott kämpft die Schlachten 

In diesen Versen verheißt der Herr: „Ich will selbst für mein Volk kämpfen“ (V. 14). Den Heiligen wird untersagt, durch Gewalt Zion zurückzuerobern; sie sollen stattdessen warten, bis Gott selbst handelt. 

Das Zionslager sollte nicht eine Armee im weltlichen Sinn sein, sondern eine geistliche Schule der Vorbereitung. Der eigentliche Sieg würde nicht durch Waffen, sondern durch Gottes Eingreifen kommen. 

Ein starkes biblisches Vorbild ist 2. Mose 14:14: „Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.“ Ebenso im Buch Mormon: In 2. Nephi 1:23 ruft Lehi seine Söhne auf, stark zu sein in der Kraft des Herrn, nicht im Vertrauen auf eigene Stärke. 

Für unsere Zeit bedeutet das: Wir werden aufgefordert, Konflikte nicht mit Härte oder Stolz zu lösen, sondern in der Gewissheit, dass Gott die letzte Schlacht schlägt. 

Verse 20–26: Demut, Recht und Friedfertigkeit 

Hier ruft der Herr die Heiligen auf, sich umsichtig zu sammeln, den Frieden zu suchen und rechtliche Mittel zu gebrauchen. Sie sollen nicht prahlen oder in Stolz auftreten. 

Dieser Abschnitt enthält einen entscheidenden Grundsatz: Zion wird nicht durch Gewalt, sondern durch Rechtschaffenheit aufgebaut. Wenn die Heiligen demütig handeln, wird Gott selbst ihre Sache fördern. 

Dies erinnert an 3. Nephi 12:9: „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“ Auch Abraham 1:26 zeigt, dass rechtmäßige Besitznahme durch gesetzliche Mittel zum göttlichen Muster gehört. 

Für uns heute ist dies ein Aufruf, Konflikte in unserer Gesellschaft auf legale und friedfertige Weise zu lösen und unsere Glaubwürdigkeit nicht durch Stolz, sondern durch Demut zu bewahren. 

Verse 27–30: Das Land rechtmäßig erwerben 

In diesen Versen sagt der Herr, dass das Land Zions durch Kauf erworben werden solle, nicht durch Gewalt. Erst später, wenn Gott es befiehlt, könne das „Heer Israels“ es schuldlos besitzen. 

Dies war ein Wendepunkt: Gott stellte klar, dass Zion nicht durch Eroberung entsteht, sondern durch rechtmäßigen Erwerb. Nur wenn die Heiligen das Gesetz achten, können sie ein dauerhaftes Erbe haben. 

Dies erinnert an Josua 24:13, wo Gott Israel ein Land gibt, „das ihr nicht bebaut habt“. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass in der Letzten Zeit Zion in einer Gesellschaft errichtet wird, in der Rechtsstaatlichkeit und friedlicher Erwerb maßgeblich sind. 

Verse 31–34: Endowment und Heiligung 

Der Herr gebietet, dass die Ältesten im Tempel in Kirtland eine „Ausrüstung mit Macht von oben“ empfangen sollten. Nur durch dieses Endowment seien sie befähigt, Zion aufzubauen. 

Die Erfahrung des Zionslagers bereitete den Weg zum Kirtland-Tempel vor. Das Endowment sollte die geistige Kraft verleihen, die Zion erfordert. 

Die Parallele zur Bibel ist klar: Bevor die Jünger Jesu das Evangelium predigten, mussten sie die Ausgießung des Heiligen Geistes empfangen (Apostelgeschichte 2). Ebenso mussten die Heiligen durch den Tempel geistlich vorbereitet werden. 

Für uns heute bleibt der Tempel das Zentrum dieser Verheißung: Wir können Zion nur dann aufbauen, wenn wir durch Bündnisse und heilige Handlungen geistig gestärkt sind. 

Verse 35–37: Würdigkeit und keine Prahlerei 

Der Herr warnt: Wer das Endowment empfängt, solle nicht prahlen, sondern in Demut wandeln. 

Dies erinnert an Ether 12:27 im Buch Mormon, wo Christus erklärt, dass seine Gnade in der Schwachheit stark macht. Macht, die Gott verleiht, darf niemals zur Selbsterhöhung genutzt werden. 

Für uns bedeutet das: Spirituelle Autorität wird nur dann wirksam, wenn sie in Sanftmut und Demut ausgeübt wird. 

Verse 38–41: Ein Friedenspanier für alle Nationen 

Die Offenbarung endet mit einem erhabenen Bild: Die Heiligen sollen ein „Panier für den Frieden“ errichten und allen Nationen das Evangelium predigen. Gott verheißt, mit ihnen bis ans Ende zu sein. 

Dieses Panier ist das Symbol für die weltweite Missionsarbeit. Es ersetzt das Bild eines Schlachtbanners durch das einer Friedensfahne – ein kraftvolles Zeichen, dass die Kirche nicht durch Gewalt, sondern durch Verkündigung wächst. 

Die Bibel kennt ähnliche Bilder: Jesaja 11:12 spricht von einem Panier, das für die Völker aufgerichtet wird, um die Zerstreuten Israels zu sammeln. Auch 3. Nephi 20:22 verweist auf Zion als eine Stadt des Friedens, von der das Gesetz des Herrn ausgehen wird. 

Für uns heute ist dies eine klare Einladung: Unsere Aufgabe besteht darin, ein Banner des Friedens und der Hoffnung in einer konfliktreichen Welt aufzurichten. Zion wird durch Mission, Dienst und Nächstenliebe sichtbar. 

Schlussgedanken 

L&B 105 ist nicht nur ein historisches Dokument einer gescheiterten Expedition, sondern eine kraftvolle Lektion für alle Zeiten. Die Heiligen von 1834 mussten lernen, dass Zion nicht durch Gewalt und Eile errichtet wird, sondern durch Bündnistreue, Demut, Tempelvorbereitung und friedliches Handeln. 

Wie das Volk Israel in der Wüste auf seine Aufgabe vorbereitet wurde, so wurden die Teilnehmer des Zionslagers auf eine tiefere Sendung vorbereitet – nicht Land zu erobern, sondern Herzen zu verändern. Viele von ihnen wurden später Führer der Kirche, weil sie in dieser Prüfung ihre Treue bewiesen. 

Für uns heute bleibt die Botschaft klar: Zion beginnt im Herzen eines jeden, der seine Bündnisse hält. Wenn wir uns demütig vorbereiten, in Einheit handeln, Frieden suchen und das Evangelium verkünden, dann tragen wir unseren Teil dazu bei, dass Zion in unserer Zeit Wirklichkeit wird. 

findechristus.org

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Und ist nicht einig

19. September 2025, 05:52am

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Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bild: Quelle)

“Aber siehe, es hat nicht gelernt, dem zu gehorchen, was ich von seiner Hand gefordert habe, sondern ist voll von allerart Bösem und teilt nicht von seiner Habe, wie es Heiligen geziemt, mit den Armen und Bedrängten unter ihm 

4 und ist nicht einig, gemäß jener Einigkeit, die das Gesetz des celestialen Reiches erfordert,” (Lehre und Bündnisse 105:3-4). 

Lehre und Bündnisse 105 – Historischer Hintergrund und geistliche Lehren 

Als Joseph Smith im Sommer 1834 die Offenbarung empfing, die heute als Abschnitt 105 überliefert ist, befand sich die noch junge Kirche in einer tiefen Krise. In Jackson County, Missouri, hatten die Heiligen seit 1831 versucht, das verheißene Zion aufzubauen. Doch wiederholte Spannungen mit den Nachbarn führten 1833 zu gewalttätigen Ausschreitungen, die schließlich in der Vertreibung der Mitglieder gipfelten. Familien wurden auseinandergerissen, Häuser zerstört und Menschen schwer misshandelt. Viele suchten Zuflucht in den angrenzenden Grafschaften Clay und Ray, während die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr nach Zion in Jackson County stark schwand. 

In dieser Situation entstand die Idee des sogenannten Zionslagers, einer Expedition unter der Leitung Joseph Smiths, die den bedrängten Brüdern und Schwestern zu Hilfe kommen sollte. Ab Mai 1834 zogen Männer aus Ohio und anderen Bundesstaaten in Richtung Missouri, um – so hofften viele – mit göttlicher Hilfe das Land zurückzuerobern. Unter ihnen waren viele spätere Führer der Kirche, darunter Brigham Young, Heber C. Kimball und Wilford Woodruff. Insgesamt umfasste das Lager mehr als 200 Teilnehmer, begleitet von Wagen und Vorräten. Schon der Name „Camp of Israel“ verdeutlicht die Parallele zu den alttestamentlichen Stämmen Israels, die ebenfalls unter göttlicher Führung durch die Wüste zogen. 

Die Hoffnungen auf einen militärischen Erfolg erfüllten sich jedoch nicht. Der Gouverneur von Missouri, Daniel Dunklin, hatte zwar zunächst Unterstützung zugesichert, zog diese aber zurück, als die Lage zu heikel wurde. Ohne staatliche Hilfe wäre ein Angriff auf die Siedler in Jackson County einem offenen Bürgerkrieg gleichgekommen. Genau in dieser angespannten Lage, am 22. Juni 1834, empfing Joseph Smith in Fishing River die Offenbarung, die heute als Abschnitt 105 kanonisiert ist. Sie markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Kirche: Statt eines gewaltsamen Vorgehens rief der Herr zu Geduld, Demut und Vorbereitung auf. 

Verzögerte Erlösung und notwendige Prüfung 

Die Offenbarung beginnt mit einer ernüchternden Botschaft: „Wahrlich, ich sage euch: Die Zeit ist noch nicht gekommen, da mein Volk Zion erlöst werden soll“ (Vers 9). Die Verzögerung wird mit mangelndem Gehorsam, Uneinigkeit und fehlender Bereitschaft, das Gesetz der Weihe zu leben, begründet. Die Heiligen hätten, so der Herr, „nicht gelernt, in aller Sanftmut und in allem, was für Zion notwendig ist, gehorsam zu sein“ (vgl. Verse 2–4). 

Hier zeigt sich eine deutliche Parallele zum Volk Israel im Alten Testament. Auch Israel musste nach dem Auszug aus Ägypten eine lange Wüstenwanderung auf sich nehmen, bevor es das verheißene Land erben durfte. Der Grund lag nicht nur in äußeren Widerständen, sondern auch in der inneren Unreife des Volkes. Sie mussten lernen, Gott zu vertrauen, die Gebote zu halten und als Gemeinschaft im Bund zu leben. Genauso sollten die Heiligen des 19. Jahrhunderts zunächst ihre Herzen läutern, bevor sie Zion in Missouri dauerhaft errichten konnten. 

Für uns heute liegt darin eine klare Botschaft: Der Aufbau von Zion – sei es im buchstäblichen oder im geistlichen Sinn – erfordert Geduld, Opferbereitschaft und innere Vorbereitung. Gottes Pläne erfüllen sich nicht im schnellen Triumph, sondern im Prozess der Heiligung seiner Kinder. 

Kein Sieg durch Gewalt, sondern durch Gottes Macht 

Eine weitere wichtige Botschaft von Abschnitt 105 lautet, dass Zion nicht durch das Schwert erobert werden sollte. „Ich will selbst für mein Volk kämpfen“ (Vers 14), erklärt der Herr. Die Teilnehmer des Zionslagers mussten lernen, dass Gottes Wege nicht mit weltlichen Machtmitteln identisch sind. 

Auch hier drängt sich die Parallele zum Alten Testament auf: Das Volk Israel gewann seine entscheidenden Siege – etwa beim Durchzug durchs Rote Meer oder bei der Einnahme Jerichos – nicht durch militärische Überlegenheit, sondern durch göttliches Eingreifen. Im Falle des Zionslagers zeigte sich dies unmittelbar: An dem Tag, an dem ein Angriff wahrscheinlich war, zog ein gewaltiger Sturm über das Gebiet, der die Gegner zerstreute und das Lager vor einem Überfall bewahrte. 

Für unsere Zeit bedeutet das: Auch wir geraten in Versuchung, Konflikte mit Macht, Druck oder Stolz zu lösen. Doch die wahre Stärke des Reiches Gottes liegt nicht in weltlicher Durchsetzungskraft, sondern in geistlicher Autorität, in Demut und im Vertrauen darauf, dass Gott letztlich die Schlachten schlägt. 

Vorbereitung durch Tempel und Endowment 

Eine weitere zentrale Botschaft der Offenbarung lautet, dass die Heiligen erst nach einer besonderen Ausrüstung mit Macht Zion aufbauen könnten. „Es ist mein Wille, dass mein Volk in meinem Haus, das ich in Kirtland erbaut habe, ausgerüstet werde“ (Vers 33). Damit wird auf das kommende Tempel-Endowment verwiesen, das die Heiligen geistlich befähigen sollte. 

Dieses Prinzip zieht sich durch die Geschichte des Volkes Gottes: Bevor Israel das Land Kanaan erben konnte, musste es den Bund am Sinai schließen und das Gesetz empfangen. Bevor die Jünger Jesu nach seiner Himmelfahrt das Evangelium in die Welt tragen konnten, mussten sie die Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingsttag empfangen. Ebenso sollte das Endowment im Kirtland-Tempel die Heiligen befähigen, geistlich zu reifen und vereint aufzutreten. 

Für uns heute bleibt die Tempelarbeit ein zentrales Element des Aufbaus von Zion. Der Tempel stattet uns mit geistiger Kraft aus, bereitet uns auf Prüfungen vor und macht uns fähig, Bündnisse treu zu halten. Zion ist nicht primär eine geografische Ansiedlung, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die durch Bündnisse und Heiligung geeint sind. 

Der Wert von Geduld und Rechtschaffenheit 

Ein weiteres Leitmotiv von Abschnitt 105 ist das Prinzip der Geduld. Gott spricht von einer „kurzen Zeit“, in der das Volk warten müsse, bevor die Verheißungen erfüllt würden (Verse 9–13). Dieses Warten ist nicht passiv, sondern eine aktive Phase der Vorbereitung: Das Gesetz der Weihe sollte ernst genommen, die Armen gestärkt, Einheit gefördert und das Evangelium in aller Welt gepredigt werden. 

Auch rechtliches Handeln wird betont: Die Heiligen sollten das Land in Missouri nicht durch Gewalt, sondern durch Kauf und gesetzmäßigen Erwerb zurückerlangen (Vers 29). Damit setzt Gott ein deutliches Zeichen: Zion wird durch Rechtschaffenheit und Gesetzestreue aufgebaut, nicht durch List oder Waffengewalt. 

Hier zeigt sich eine erstaunliche Aktualität. In einer Zeit, in der Konflikte oft mit Härte ausgetragen werden, ruft der Herr sein Volk auf, Frieden zu suchen, legale Wege zu beschreiten und durch rechtschaffenes Handeln Zeugnis zu geben. 

Geistliche Lektionen des Zionslagers 

Das Zionslager selbst endete äußerlich ohne Erfolg: Die Heiligen kehrten nach Ohio zurück, viele waren von Krankheiten geschwächt, ja, sogar gestorben, manche enttäuscht. Doch aus geistlicher Sicht war es ein entscheidender Moment der Läuterung. Joseph Smith erklärte später, dass die eigentliche Bestimmung des Lagers nicht in einem militärischen Sieg lag, sondern darin, künftige Führer zu prüfen und vorzubereiten. Neun von zwölf Apostel und alle siebzig Siebziger, die in den folgenden Jahren das Werk vorantrugen, hatten ihre Treue im Zionslager unter Beweis gestellt. 

Hierin liegt eine weitere Parallele zum Volk Israel: Auch die Generation, die aus Ägypten zog, durfte nicht alle das verheißene Land betreten; vielmehr bereitete Gott eine neue Generation vor, die im Glauben standhafter war. Genauso sollte das Zionslager eine „Schule für Führer“ sein – nicht durch militärische Erfahrung, sondern durch Glauben, Gehorsam und Opferbereitschaft. 

Schlussfolgerung: Zion beginnt im Herzen 

L&B 105 zeigt in eindrucksvoller Weise, dass Gottes Wege nicht den Erwartungen menschlicher Eile entsprechen. Statt einer schnellen Rückkehr nach Zion erhielten die Heiligen eine Einladung zur inneren Umkehr, zu Geduld, zur Stärkung durch Tempel und Bündnisse. Das eigentliche Ziel war nicht, ein Stück Land sofort zurückzuerobern, sondern ein Volk vorzubereiten, das fähig ist, Zion dauerhaft zu tragen. 

Für uns heute bedeutet das: Zion beginnt nicht mit einem Ort, sondern mit einem Herzen, das bereit ist, Christus zu folgen. Wenn wir lernen, geduldig, gehorsam, selbstlos und demütig zu sein, bereiten wir den Boden, auf dem Gott sein Zion errichten kann. So wie das Zionslager eine Generation künftiger Führer formte, können auch unsere Prüfungen uns zu Werkzeugen in Gottes Hand machen. 

Die Offenbarung in Abschnitt 105 bleibt daher ein Aufruf an alle Generationen: Vertraut auf den Herrn, rüstet euch geistig aus, sucht Frieden, lebt das Gesetz der Weihe und seid bereit, Opfer zu bringen. Denn Zion wird nicht durch äußere Macht errichtet, sondern durch ein Volk, das in Einheit und Heiligkeit lebt. 

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Als Treuhänder über irdische Segnungen

18. September 2025, 05:44am

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Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bild: Quelle)

“Denn es ist ratsam, dass ich, der Herr, einen jeden rechenschaftspflichtig mache, als Treuhänder über irdische Segnungen, die ich für meine Geschöpfe gemacht und bereitet habe.” (Lehre und Bündnisse 104:13). 

Lehre und Bündnisse 104:1–86 – Historischer Kontext und Vers-für-Vers-Betrachtung 

Einleitung 

Die Offenbarung, die heute als L&B 104 bekannt ist, wurde am 23. April 1834 in Kirtland, Ohio, gegeben. Zu dieser Zeit befand sich die Kirche Jesu Christi in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Die United Firm, ein Zusammenschluss von führenden Mitgliedern, war gegründet worden, um die zeitlichen Belange der Kirche – besonders die Finanzierung des Drucks von Schriften, den Erwerb von Land, den Bau des Tempels und die Unterstützung der Armen – zu verwalten. Doch hohe Schulden, Misswirtschaft, Verfolgung und innere Spannungen machten eine Neuordnung notwendig. 

Diese Offenbarung gibt klare göttliche Richtlinien: Sie ordnet die Auflösung der United Firm an, verteilt die Verantwortung auf einzelne Treuhänderschaften und legt dabei bleibende Grundsätze der Weihe, Verwaltung und Fürsorge für die Armen fest. Sie ist daher nicht nur ein Dokument für eine wirtschaftliche Krise von 1834, sondern auch eine ewige Lehre für den Umgang mit Besitz, Verantwortung und Gerechtigkeit. 

Verse 1–10: Zurechtweisung und Einladung zur Umkehr 

Der Herr beginnt, indem er die Brüder der United Firm tadelt: Manche hatten ihre Verpflichtungen nicht eingehalten, andere hatten Heuchelei oder Nachlässigkeit gezeigt. Der Herr erinnert sie daran, dass er „nicht verspottet“ werden kann – eine klare Anspielung auf Galater 6:7: „Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten.“ 

Hier wird deutlich: Das Bundesverhältnis mit Gott ist real. Wenn Menschen sich verpflichten, Besitz oder Arbeitskraft zu weihen, ist das ein heiliger Akt. Nachlässigkeit bedeutet, einen Bund zu brechen. Dennoch ist die Botschaft nicht nur Gericht, sondern auch Hoffnung: Der Herr ruft zur Umkehr auf (V. 10). 

Lehre für heute: Auch wir sind eingeladen, ehrlich mit Gott zu sein, in Zehnten, Spenden und im Dienst. Die Mahnung gilt jedem, sich nicht im Glauben halbherzig zu verhalten. 

Verse 11–18: Das Gesetz der Weihe und die Armen 

In diesen Versen erklärt der Herr, warum es eine Weiheordnung gibt: Alles gehört ihm. Wir sind nur Verwalter, und Besitz ist eine Treuhänderschaft. „Die Armen sollen erhöht werden, indem die Reichen erniedrigt werden“ (V. 16). Das bedeutet nicht, dass die Reichen arm werden sollen, sondern dass in Zion alle Unterschiede verschwinden, sodass kein Mangel mehr herrscht. 

Der Herr betont: „Die Erde ist voll, und es ist genug da, ja, mehr als genug“ (V. 17). Armut ist also nicht Gottes Wille, sondern entsteht durch Ungleichverteilung und Selbstsucht. 

Querverweise: 

  • Mose 7:18 – In Zion gab es „keine Armen unter ihnen“. 

  • Mosia 4:16–19 – König Benjamin ruft dazu auf, die Armen nicht abzuweisen, da wir selbst Bettler vor Gott sind. 

  • Lukas 16:19–31 – Der reiche Mann wird verurteilt, weil er Lazarus hungern ließ. 

Anwendung: Heute zeigt sich dieses Prinzip im Zehnten und Fastopfer, das weltweit Bedürftige unterstützt. Wir leben den Geist der Weihe, wenn wir Überfluss teilen und nicht horten. 

Verse 19–46: Persönliche Treuhänderschaften 

Die United Firm wird aufgelöst und die Verantwortung auf einzelne Treuhänder verteilt. Jeder erhält eine klare Aufgabe: Joseph Smith, Sidney Rigdon, Oliver Cowdery und andere erhalten bestimmte zeitliche Zuständigkeiten. 

Dies verdeutlicht ein geistliches Prinzip: Besitz ist ein Prüfungsfeld. Der Herr sagt, dass er den Treuen „mehren“ wird (V. 23, 25, 31). Wer aber in kleinen Dingen untreu ist, wird größere Segnungen verlieren (vgl. Lukas 16:10). 

Querverweise: 

  • Matthäus 25:14–30 – Gleichnis von den Talenten: Der Herr prüft, ob seine Diener mit anvertrautem Gut treu umgehen. 

  • Alma 7:17–18 – zeigt, das Gefühl eines Treuhänders, dessen Pflicht erfüllt ist – Freude statt Kummer. 

Lehre für heute: Unsere Zeit, Talente und Mittel sind uns „anvertraut“. Die Frage ist nicht, wie viel wir besitzen, sondern wie treu wir damit umgehen. 

Verse 47–53: Aufteilung in Ohio- und Missouri-Zweig 

Der Herr ordnet an, die Lasten auf zwei Bereiche aufzuteilen – Ohio und Missouri. Damit sollten regionale Bedürfnisse besser verwaltet werden. 

Dies erinnert an die Organisation in der Urkirche: Paulus sammelte Spenden in verschiedenen Gemeinden, um die Armen in Jerusalem zu unterstützen (1. Korinther 16:1–3). Auch hier wird deutlich: Wirtschaftliche Ordnung ist nicht nebensächlich, sondern ein geistlicher Auftrag. 

Verse 54–66: Schatzkammern für Schriften und Verwaltung 

Der Herr gebietet die Einrichtung zweier Schatzkammern: 

  1. Eine zur Finanzierung des Drucks der Schriften. 

  1. Eine zweite für Verwaltungserträge. 

Das Ziel ist klar: „die Schriften verbreiten und die Kirche aufbauen“ (V. 58–59). Schon in dieser Zeit stand das Druckwesen im Zentrum des Werkes. Ohne den Druck des Buches Mormon und später anderer Schriften hätte das Evangelium nicht weit verbreitet werden können. 

Querverweise: 

  • 2. Nephi 3:12 – Die Schriften (Bibel und Buch Mormon) sollen zusammenwachsen. 

Lehre für heute: Missionarische Arbeit hängt bis heute von Medien, Übersetzungen und Publikationen ab. Unser Opfer dient auch der weltweiten Verkündigung. 

Verse 67–77: Verwaltung des Vorratsschatzes 

Der Herr gebietet, dass alles „nach dem Rat der Kirche“ geschehen soll (V. 71). Selbst finanzielle Entscheidungen sind also heilige Akte, die im Namen Christi getroffen werden müssen (V. 77). 

Querverweise: 

  • Alma 1:27 – Die Heiligen verwalten Besitz, damit jeder genug hat. 

Anwendung: Hier wird sichtbar, dass Finanzen geistlich sind. Auch heute verwaltet die Kirche Spenden mit größter Sorgfalt und Transparenz, um sicherzustellen, dass alles „zum Aufbau Zions“ dient. 

Verse 78–86: Schulden und Befreiung 

Zum Schluss spricht der Herr über Schulden. Er bezeichnet sie als „Knechtschaft“ (V. 80). Befreiung von Schulden erfordert Fleiß, kluge Verwaltung und Vertrauen auf den Herrn. Er verheißt, dass die Treuen aus unmittelbaren Gefahren befreit werden (V. 86). 

Querverweise: 

  • Sprüche 22:7 – „Der Schuldner ist des Gläubigers Knecht.“ 

  • Mosia 2:41 – Wer Gottes Gebote hält, wird sowohl zeitlich als auch geistlich gesegnet. 

Lehre für heute: Wir werden eingeladen, Schulden zu vermeiden, im Rahmen unserer Möglichkeiten zu leben und Gott als Quelle unseres Wohlstandes zu erkennen. Finanzielle Freiheit ist ein geistlicher Segen. 

Zusammenfassung der Hauptlehren 

  1. Alles gehört Gott – wir sind nur Verwalter (Psalm 24:1). 

  1. Zion kennt keine Armut – Besitz soll Unterschiede ausgleichen (Mose 7:18). 

  1. Treuhänderschaft bedeutet Rechenschaft – Gleichnis der Talente (Matthäus 25). 

  1. Ordnung ist göttlich – wirtschaftliche Strukturen sind Teil des Evangeliums (1. Korinther 14:40). 

  1. Schriften verbreiten ist zentral – das Werk wächst durch die Verbreitung des Wortes (2. Nephi 3:12). 

  1. Schulden sind Knechtschaft – geistliche Freiheit kommt durch kluge Verwaltung (Sprüche 22:7). 

Schlussgedanke 

L&B 104 ist mehr als eine organisatorische Richtlinie für das Jahr 1834. Sie offenbart ein ewiges Muster: Gott prüft uns durch Besitz, fordert Ordnung und Gerechtigkeit, und lädt uns ein, unsere Mittel für die Armen und für die Ausbreitung seines Reiches einzusetzen. 

Wenn wir heute Zehnten zahlen, Fastopfer geben, Schulden vermeiden und treu mit unseren Mitteln umgehen, leben wir denselben Geist, den der Herr in dieser Offenbarung lehrt. So bereiten wir uns vor, Teil eines Zion zu sein, in dem es wirklich „keine Armen unter ihnen“ gibt. 

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Die Armen sollen erhöht werden, indem die Reichen erniedrigt werden

17. September 2025, 06:25am

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Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bild: Quelle)

“Aber es muss notwendigerweise auf meine eigene Weise geschehen; und siehe, dies ist die Weise, die ich, der Herr, beschlossen habe, um für meine Heiligen zu sorgen: Die Armen sollen erhöht werden, indem die Reichen erniedrigt werden.” (Lehre und Bündnisse 104:16). 

Lehre und Bündnisse 104 – Historischer Hintergrund und bleibende Bedeutung 

Historischer Kontext der Offenbarung 

Die Offenbarung, die heute als L&B 104 überliefert ist, wurde am 23. April 1834 in Kirtland, Ohio, empfangen. Sie stand in unmittelbarem Zusammenhang mit den Schwierigkeiten der „Vereinigten Ordnung“ (United Firm), einem wirtschaftlich-organisatorischen Zusammenschluss, den Joseph Smith ab 1832 unter Offenbarung gegründet hatte. Die Vereinigte Ordnung sollte es den Führern der Kirche ermöglichen, gemeinsam wirtschaftliche Verantwortung zu übernehmen und Ressourcen so einzusetzen, dass das Werk des Herrn voranschreiten konnte – insbesondere die Veröffentlichung heiliger Schriften und die Unterstützung der Armen. 

Doch schon bald zeigte sich, dass die Ordnung unter großem Druck stand. Mehrere Mitglieder waren finanziell überfordert, andere hielten ihre Verpflichtungen nicht ein. Hinzu kamen äußere Krisen: Die Verfolgungen in Missouri hatten die Kirche in wirtschaftliche Bedrängnis gebracht, und die Schuldenlast in Kirtland wuchs. Im Frühjahr 1834 war die Lage so kritisch, dass Joseph Smith den Herrn um direkte Anweisung bat. 

In der Offenbarung vom 23. April gab der Herr Weisung, die Vereinigte Ordnung neu zu ordnen und praktisch aufzulösen. Jedes Mitglied erhielt bestimmte Verantwortlichkeiten und Anteile, Schulden sollten geregelt, Aufgaben verteilt werden. Besonders wichtig war die Anweisung, dass das Eigentum weiterhin dem Herrn gehörte – die Treuhänder waren lediglich Verwalter. Das bedeutet: Der Herr nahm die Ordnung nicht zurück, sondern passte sie an die Möglichkeiten und den Glauben der Heiligen an. 

Parallele zum Gleichnis vom armen Mann und Lazarus 

Ein bemerkenswerter geistiger Bezug ergibt sich zum Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus (Lukas 16:19–31). In diesem Gleichnis lebt ein Reicher in Wohlstand, während der arme Lazarus vor seiner Tür hungert. Nach dem Tod kehren sich die Verhältnisse um: Lazarus wird in Abrahams Schoß getröstet, der Reiche leidet in Qualen. 

In L&B 104 spricht der Herr ähnlich über Eigentum und Reichtum: „Die Armen sollen erhöht werden, indem die Reichen erniedrigt werden.“ (Vers 16). Der Herr betont, dass die Erde „voll ist, und es ist genug da“ (Vers 17), und dass Armut im Grunde nicht nötig wäre, wenn Menschen gerecht und mit Liebe teilen würden. Genau das kritisierte Jesus am reichen Mann: Er hatte zwar die Möglichkeit, Lazarus zu helfen, doch er verschloss sein Herz. 

Die Offenbarung und das Gleichnis weisen beide auf eine zentrale Wahrheit hin: Gott misst unseren Umgang mit Besitz nicht an äußerem Erfolg, sondern daran, wie wir ihn zum Wohl der Bedürftigen einsetzen. Der Reiche im Gleichnis verpasste diese Chance und verlor den ewigen Lohn. Ebenso war es für die Heiligen eine ernste Warnung, ihre Mittel nicht nur für eigene Interessen, sondern für den Aufbau Zions und die Armen einzusetzen. 

Bedeutung für die Heiligen von 1834 

Die Offenbarung war hochpraktisch und zugleich geistlich. Praktisch mussten die Führer Schulden begleichen, wirtschaftliche Verpflichtungen ordnen und neue Grundlagen schaffen. Geistlich aber erinnerte sie die Heiligen daran, dass alles Eigentum dem Herrn gehört und wir nur Verwalter sind (Verse 13–14). 

In einer Zeit großer Armut und Bedrohung war diese Lehre ein Halt: Auch wenn äußerlich Schulden und Not überwogen, versprach der Herr, dass Gehorsam und Treue zu seinem Gesetz geistliche und schließlich auch zeitliche Segnungen bringen würden. Die Offenbarung bereitete zudem den Boden für das kommende „Zionslager“. 

Bedeutung für uns heute 

Man könnte fragen: Wenn diese Offenbarung so eng mit der Finanzlage von 1834 verbunden war, warum ist sie heute noch wichtig? 

  1. Grundsatz ewiger Verwaltung: Wir besitzen nichts wirklich „eigen“. Alles gehört dem Herrn, und wir sind nur Treuhänder (Verse 54–55). Dieses Verständnis schützt uns davor, Besitz zu vergötzen, und macht uns frei, ihn zum Guten einzusetzen. 

  1. Gerechtigkeit im Umgang mit Besitz: Der Herr lehrt klar, dass Armut nicht Gottes Wille ist (Vers 17). In einer Welt, die von extremer Ungleichheit geprägt ist, bleibt diese Lehre hochaktuell. 

  1. Geistliche Verantwortung in materiellen Dingen: Finanzielle Entscheidungen sind nicht weltlich-neutral, sondern haben geistliche Bedeutung. Wer verantwortungsvoll handelt, handelt im Sinne des Evangeliums. 

  1. Vorbereitung auf das Gesetz der Weihe: Auch wenn wir heute nicht in einer Vereinigten Ordnung leben, so bereitet uns der Herr durch das Gesetz des Zehnten und freiwillige Opfer darauf vor, eines Tages das höhere Gesetz der vollständigen Weihe wieder leben zu können. 

Das Gesetz des Zehnten als Schlüssel gegen Armut 

Ein zentraler Gedanke ist die Frage, ob das Gesetz des Zehnten – wenn es weltweit befolgt würde – Armut beseitigen könnte. 

Der Herr verheißt in Maleachi 3:10: „Bringt den ganzen Zehnten ins Vorratshaus, damit in meinem Haus Nahrung sei; und prüft mich doch darin …, ob ich euch nicht die Fenster des Himmels öffne.“ Wenn alle Menschen regelmäßig zehn Prozent ihres Einkommens in einen gerechten Ausgleichsfond gäben, gäbe es rechnerisch tatsächlich mehr als genug, um Armut zu überwinden. 

Das Gesetz des Zehnten ist dabei nicht nur ein soziales Umverteilungssystem, sondern vor allem ein geistiges Gesetz: Es lehrt Dankbarkeit, Selbstlosigkeit und Vertrauen in Gott. Menschen, die treu den Zehnten zahlen, entwickeln einen Blick für die Bedürfnisse anderer und sind eher bereit, zusätzlich zu helfen. So wird ein geistlicher Kreislauf in Gang gesetzt, der tatsächlich die Macht hat, gesellschaftliche Armut zu überwinden. 

Übertragung auf die Gegenwart 

Unsere heutige Gesellschaft kennt ähnliche Herausforderungen wie die Heiligen von 1834: Ungleichheit, Schuldenlast, Konsumdruck. L&B 104 zeigt, dass der Herr schon damals eine Balance zwischen praktischer Finanzverwaltung und geistlichen Prinzipien forderte. 

Für uns bedeutet das: 

  • Wir sollen verantwortlich mit Schulden umgehen, denn Freiheit entsteht nicht durch Verschuldung, sondern durch kluge Verwaltung. 

  • Wir sollen teilen und spenden, wo wir können, weil Besitz immer eine Treuhandschaft ist. 

  • Wir sollen auf Gott vertrauen, dass Gehorsam zu finanziellen Geboten – Zehnten, Fastopfer, Spenden – nicht Armut bringt, sondern Wohlstand im göttlichen Sinn. 

Schlussgedanken 

L&B 104 ist mehr als ein Dokument zur Finanzordnung von 1834. Es ist eine zeitlose Offenbarung über Gottes Wirtschaftsordnung. Sie verbindet das Gleichnis von Lazarus mit der praktischen Finanzverwaltung der Heiligen und zeigt, dass geistliches Wachstum und finanzielles Handeln untrennbar verbunden sind. 

Wenn alle Menschen den Grundsatz lebten, dass Eigentum dem Herrn gehört und dass wir mit Zehnten und Opfergaben die Bedürftigen unterstützen, dann würde sich tatsächlich die Vision erfüllen, die der Herr in L&B 104:16–18 beschreibt: „… damit die Armen erhöht werden, dass die Reichen erniedrigt werden. Denn die Erde ist voll, und es ist genug da, ja, und es ist übrig, um allen zu genügen.“ 

Damit zeigt uns diese Offenbarung den Weg zu einer Welt, in der Armut nicht nötig ist und in der Besitz nicht zum Stolperstein, sondern zum Werkzeug des Reiches Gottes wird. 

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Den Menschen Erretter zu sein

16. September 2025, 05:49am

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Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bild: Quelle)

“Denn es ist hingestellt worden, der Welt ein Licht zu sein und den Menschen Erretter zu sein;” (Lehre und Bündnisse 103:5). 

Lehre und Bündnisse 103 – Historischer Kontext und geistliche Lehren 

Als Joseph Smith am 24. Februar 1834 in Kirtland (Ohio) L& B 103 empfing, standen die Heiligen unter dem Eindruck der Gewalt, die sie im Sommer und Herbst 1833 aus Jackson County (Missouri) vertrieben hatte. Parley P. Pratt und Lyman Wight waren soeben – am 22. Februar – nach einer mühseligen Winterreise in Kirtland eingetroffen, um zu berichten und um Hilfe zu erbitten. Zwei Tage später kam der neu gebildete Hohe Rat in Josephs Haus zusammen; dort wurde beraten, wie die Vertriebenen zu unterstützen seien – und in diesem unmittelbaren Kontext kam die Offenbarung, die heute als L& B 103 überliefert ist. 

Der Herr beginnt die Offenbarung mit einer Wegweisung: „ich will euch eine Offenbarung und ein Gebot geben, damit ihr wisst, wie ihr … handeln sollt“ (V. 1). Er erklärt die paradoxe Mischung aus zugelassener Drangsal und göttlicher Zeitplanung: Die Heiligen seien „gejagt und geschlagen“ worden, doch sein Gericht komme „zu der von mir bestimmten Zeit“ (V. 2; vgl. V. 3–4). Zugleich benennt der Text selbstkritisch Anteile der Heiligen: eine „schwere und schmerzliche Züchtigung, weil sie nicht gänzlich auf die Weisungen und Gebote gehört haben“ (V. 4). Das ist theologisch scharf – und tröstlich, denn unmittelbar folgt die Verheißung eines bindenden Beschlusses: Wenn das Volk „von genau dieser Stunde an auf den Rat … hört“, werde es beginnen, die Feinde zu überwinden und nicht mehr aufhören, bis „die Erde den Heiligen gegeben“ sei (V. 5–7). „Nach viel Drangsal kommt der Segen“ (V. 12) – ein Kernsatz, der die ganze Deutung trägt. 

In der Mitte des Abschnitts rückt die „Erlösung Zions“ in den Blick: „Die Erlösung Zions muss notwendigerweise durch Macht kommen“ (V. 15). Das geschieht nicht als Wildwuchs, sondern durch Führung: „ich werde meinem Volk einen Mann erwecken, der es führen wird, wie Mose die Kinder Israel geführt hat“ (V. 16). Die Mose-Typologie wird explizit entfaltet: Israelitische Identität (V. 17), Auszug aus Knechtschaft „mit ausgestrecktem Arm“ (V. 17), göttliche Gegenwart und Engel, die „vor euch hergehen“ (V. 19–20). L& B 103 ist damit keine rein militärische Mobilmachung; es ist ein Exodus-Text der Letzten Tage, der Gehorsam, Sammlung und göttliches Mitgehen zusammenbindet. 

Wie setzten die Heiligen die Offenbarung um? Der zweite Teil (V. 21–34, 37–40) konkretisiert die Organisation. Joseph Smith wird mit dem „Diener“ aus dem Gleichnis in L& B 101 verglichen (V. 21) und erhält den Auftrag, die „Stärke“ des Hauses zu sammeln – besonders Jünglinge und Männer mittleren Alters (V. 22). Gemeinden sollen „weise Männer mit ihren Geldern hinaufsenden und Land kaufen“ (V. 23) – also rechtlich und wirtschaftlich handeln, nicht bloß marschieren. Dann folgt die berühmte Staffelung: wenn möglich 500, sonst 300, mindestens 100 Männer (V. 30–34). Zudem werden acht Brüder beauftragt, „zwei und zwei“ durch die Gebiete zu reisen und für das Zionslager zu werben (V. 37–40; vgl. die Paraphrase und Kommentierung). In der Praxis brauchten die Rekrutierungen zwei Monate; am 8. Juni 1834 erreichte das „Camp of Israel“ seine Höchststärke von 207 Personen. 

Waren die Heiligen sicher, ob sie kämpfen sollten oder friedlich eine Lösung suchen? L& B 103 gibt eine spannungsvolle, bewusst zweigleisige Antwort. Auf der einen Seite steht deutliche Kriegs-Sprache: Nach rechtlichen Schritten („diese Zeugnisse gegen sie vor mich gebracht habt“, V. 24) wird gesagt: „ihr sollt mich an meinen Feinden rächen“ (V. 25–26); und: „Keiner soll Angst davor haben, um meinetwillen sein Leben niederzulegen“ (V. 27–28). Das klingt nach Bereitschaft zum Äußersten. Auf der anderen Seite betont derselbe Abschnitt rechtmäßige Verfahren (Landkauf, Petitionen, Zusammenarbeit mit staatlicher Gewalt) und stellt die göttliche Gegenwart als entscheidende „Macht“ in Aussicht – nicht die private Waffe. Historisch zeigt der Weg vom Zionslager genau diese Doppelstrategie: Joseph und Gesandte sondierten den Schutz durch den Gouverneur und die Staatsmiliz; als Gouverneur Dunklin die Unterstützung verweigerte und die Lage in Jackson/Ray Counties zu eskalieren drohte, führte der Herr in einer weiteren Offenbarung (L& B 105) weg von einer unmittelbaren militärischen Rückeroberung. Das Zionslager zerstreute sich geordnet; der Zweck der „Sammlung“ blieb jedoch – als geistige Schulung und Vorbereitung künftiger Führer. Mit anderen Worten: L& B 103 forderte Mut bis zur Opferbereitschaft, band diesen Mut aber an Rechtswege, priesterliche Ordnung, göttliche Führung – und an Gottes Timing. Die Kirche Jesu ChristiDoctrine and Covenants Central 

Zur Wegstrecke: Zwischen Kirtland (Ohio) und den Siedlungen der Heiligen in Jackson County (Missouri) lagen grob 900–1000 Meilen (≈1450–1600 km), je nach Route. Zeitgenössische Darstellungen sprechen beim Marsch vom Zionslager sogar von einer „tausend Meilen“-Strecke; die Karten der Joseph-Smith-Papers zeigen die Etappen zwischen Mai und Juni 1834. Für berittene Winterreise (ohne regelmäßige Pferdewechsel wie bei einer Postkutsche) ist realistisch mit etwa 30–40 km pro Tag im Durchschnitt zu rechnen – mit Wetter-, Ruhe- und Reparaturtagen. Für ~1450 km ergäbe das in der Praxis rund vier bis sechs Wochen; bei Frost, Flussquerungen und Schneematsch auch länger. Das Zionslager selbst legte große Tagesetappen zu Fuß und mit Wagen zurück und war – inklusive An- und Rückwegen sowie Aufenthalten – mehrere Wochen unterwegs. Diese Größenordnung hilft, den Mut der damaligen Freiwilligen einzuordnen. Die Kirche Jesu Christijosephsmithpapers.org 

Welche Lehren lassen sich heute aus L& B 103 ziehen? Erstens: Gehorsam sofort („von genau dieser Stunde an“, V. 5) ist ein Türöffner für göttliche Hilfe. Wir lernen, dass himmlische Beschlüsse reale Folgen haben – aber an Bedingungen geknüpft sind (V. 5–8, 12). Zweitens: „Erlösung … durch Macht“ (V. 15) heißt nicht blinde Kraft, sondern gottbefohlene Ordnung: sammeln, organisieren, rechtliche Möglichkeiten ausschöpfen, Ressourcen weise einsetzen (V. 22–23, 30–34, 37–40). Drittens: Führung im Mose-Modus. Gott „erweckt … einen Mann“ (V. 16), doch die Verheißung richtet sich an das ganze Bundesvolk: Engel und Gegenwart gehen „vor euch her“ (V. 19–20). Das legt nahe, heute sowohl geordnete Leitung als auch das gemeinsame, treue Mitgehen hochzuhalten. Viertens: Zions Auftrag ist missionarisch-diakonisch gedacht: Die Heiligen sollen der Welt „ein Licht“ sein und „den Menschen Erretter“ (V. 9) – Salz, das nicht schal wird (V. 10). Das schützt vor der Versuchung, „Zion“ auf Territorium oder Schlagkraft zu reduzieren. Fünftens: Opferbereitschaft (V. 27–28) bleibt ernst – doch sie steht unter dem Vorbehalt von Recht, Rat und Geist. Wenn der Herr einen Kurswechsel gibt (vgl. später L& B 105), ist Gehorsam keine Niederlage, sondern Reifung. 

Die alttestamentlichen Parallelen, die L& B 103 selbst anspielt, vertiefen das Bild. Der Mose-Verweis (V. 16–18) ruft die Exodus-Erfahrung wach: Israel wird „mit ausgestrecktem Arm“ geführt – nicht durch Überzahl, sondern durch Gottes Gegenwart. Auch Gideon erinnert: Gott reduziert und prüft (Ri 7), um zu zeigen, dass Rettung nicht aus Menschenhand kommt; L& B 103 staffelt die erwartete „Stärke“ (500/300/100) und lässt offen, dass ein kleiner, aber gehorsamer Rest ausreichen kann. Und wie Joschafat (2 Chr 20) lernt das Zionslager, dass Siege bisweilen durch göttliches Eingreifen kommen (man denke an den Sturm am Fishing River, der eine Eskalation verhinderte), während das Volk singt, fastet, ordnet, bittet – kurz: seinen Teil tut, ohne die Sache zu usurpieren. Diese AT-Erfahrungen sind keine romantischen Ausnahmen, sondern Muster des Bundes: „Nach viel Drangsal kommt der Segen“ (V. 12). 

Fasst man alles zusammen, ist L& B 103 ein Text für Zeiten, in denen Gerechte Unrecht erleiden und zwischen Mut und Mäßigung lavieren müssen. Der Herr ruft zu beherztem Handeln auf – aber unter seiner Ordnung: sammeln statt zerstreuen, rechtlich handeln statt rächen, bereit sein zu opfern statt auszuteilen, und vor allem: auf Rat hören „von genau dieser Stunde an“ (V. 5). In diesem Sinn ist der Marsch von Kirtland nach Missouri kein verlorener Kriegszug, sondern ein gelebtes Gleichnis: Gott bildet ein Volk, das in der Drangsal reift, damit es Licht, Salz und „Erretter“ für andere wird (V. 9–10). Das bleibt eine herausfordernde, tröstliche Lektion – damals wie heute. 

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Größere Schwierigkeiten bereinigen

15. September 2025, 05:22am

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Veröffentlicht von Manfred Lobstein

Mitgliedschaftsräte der Kirche
(Bild: Quelle)

“Der Hoherat wurde durch Offenbarung zu dem Zweck bestellt, größere Schwierigkeiten zu bereinigen, zu denen es in der Kirche kommen kann, die aber weder von der Gemeinde noch vom Bischofsrat zur Zufriedenheit der Beteiligten bereinigt werden können.” (Lehre und Bündnisse 102:2). 

Lehre und Bündnisse 102 – Die Entwicklung der Kirchengerichte: Von frühen Disziplinarräten zu heutigen Umkehr- und Mitgliedschaftsräten 

Die Geschichte der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist eng verbunden mit der Entwicklung von Strukturen, die nicht nur Lehre und Organisation betreffen, sondern auch das Miteinander und die Disziplin innerhalb der Gemeinschaft. Ein zentraler Bestandteil dieser Entwicklung war die Einrichtung von Kirchengerichten, die früher als „Disziplinarräte“ bezeichnet wurden und heute in der offiziellen Terminologie „Umkehr- und Mitgliedschaftsräte“ heißen. Ihr Zweck war nie primär strafend, sondern stets darauf ausgerichtet, dem einzelnen Mitglied, der Gemeinschaft und dem Evangelium Christi zu dienen. Diese Entwicklung lässt sich gut anhand der frühen Offenbarungen, insbesondere Lehre und Bündnisse 102, sowie der fortschreitenden Erfahrungen der Heiligen nachvollziehen. 

Erste Formen kirchlicher Disziplin und die Rolle der Lehrer und Ältesten 

In den Anfängen der Kirche, direkt nach der Organisation am 6. April 1830, war die Struktur noch sehr einfach. Joseph Smith berichtete, dass anfänglich Unstimmigkeiten oder Vergehen auf lokaler Ebene behandelt wurden, oft durch die Lehrer oder Ältesten. In Lehre und Bündnisse 20:53–55 wird beschrieben, dass Lehrer „darauf achten sollen, dass die Kirche nicht in Übertretung gerät“. Das bedeutete, dass sie eine erste Linie der Disziplin waren, indem sie ermahnten, korrigierten und versuchten, Streitigkeiten beizulegen. 

Mit zunehmendem Wachstum der Kirche wurde jedoch deutlich, dass eine klarere und verbindlichere Form der Schlichtung und Disziplin notwendig war. Kleinere Konflikte konnten weiterhin durch Lehrer und Älteste behandelt werden, doch schwerwiegendere Fragen – insbesondere solche, die die Mitgliedschaft betrafen – verlangten nach geordneten Verfahren. 

Die Einführung von Bischofsgerichten 

Mit der Einsetzung von Edward Partridge als erstem Bischof 1831 kam eine neue Ebene kirchlicher Verantwortung hinzu. In Lehre und Bündnisse 41:9–10 wurde ihm die Aufgabe gegeben, „ein Richter in Israel“ zu sein. Dies bedeutete, dass er nicht nur über die materiellen Belange der Kirche wachte, sondern auch über moralische und geistliche Angelegenheiten. 

Die Bischofsgerichte stellten bald die primäre Instanz für örtliche Disziplin dar. Sie kümmerten sich um Mitglieder, die der Umkehr bedurften, oder um jene, deren Handlungen dem Evangelium widersprachen. Wichtig war dabei, dass diese Gerichte nicht als weltliche Strafgerichte verstanden wurden. Vielmehr ging es darum, geistliche Konsequenzen zu ziehen, etwa durch Einschränkungen der Mitgliedschaftsrechte oder durch die Einladung zu erneuter Umkehr. 

Die Einrichtung des Hohen Rates (Lehre und Bündnisse 102) 

Die entscheidende Weiterentwicklung erfolgte im Februar 1834 in Kirtland, Ohio. Hier wurde der Hohe Rat der Kirche gebildet, dessen Organisation und Aufgaben in Lehre und Bündnisse 102 festgehalten sind. Dieses Kapitel gilt als eine Art „Kirchensatzung“ für Disziplinarangelegenheiten. 

Der Hohe Rat bestand aus zwölf Männern unter der Leitung der Ersten Präsidentschaft. Er diente als oberste kirchliche Instanz für Berufungen und schwerwiegende Fälle, die über die örtliche Ebene hinausgingen. Joseph Smith erklärte in diesem Zusammenhang: „Jerusalem war in alter Zeit der Sitz des Kirchenrates.“ Damit stellte er die Parallele her zwischen den frühen christlichen Strukturen und der wiederhergestellten Kirche. 

In L&B 102:15–17 wird beschrieben, dass bei einem Streit der Angeklagte und der Ankläger je sechs Ratgeber wählen durften, damit eine ausgewogene und faire Beurteilung gewährleistet war. Dieses Verfahren zeigt, dass Fairness und das Streben nach Gerechtigkeit von Beginn an tragende Prinzipien waren. 

Historische Einordnung und Praxis 

Steven C. Harper weist darauf hin, dass der Hohe Rat nicht nur eine rechtliche, sondern vor allem eine seelsorgerliche Funktion hatte. Die Urteile waren auf Versöhnung ausgerichtet, nicht auf Verdammung. Auch die Formulierung „nach der Stimme des Geistes“ (L&B 102:23) verdeutlicht, dass diese Räte nicht wie weltliche Gerichte handelten, sondern im Gebet und durch Offenbarung nach göttlicher Führung suchten. 

Quellen wie gospeldoctrine.com betonen, dass die Disziplinarräte stets einen dreifachen Zweck verfolgten: 

  1. Schutz der Reinheit der Kirche 
  1. Hilfe für das einzelne Mitglied auf dem Weg zur Umkehr 
  1. Wahrung des Namens Christi vor der Welt 

Diese Ausrichtung macht deutlich, dass die Kirche schon früh eine Balance zwischen individueller Seelsorge und gemeinschaftlichem Schutz suchte. 

Von Disziplinarräten zu Mitgliedschaftsräten 

Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Begriff „Disziplinarrat“ gebräuchlich. Doch dieser Begriff wurde zunehmend als missverständlich empfunden, da er juristisch und strafend klang. In der Praxis stand jedoch die Einladung zur Umkehr im Mittelpunkt. 

Deshalb hat die Kirche im Jahr 2019 offiziell die Bezeichnung geändert: Aus „Kirchendisziplinarräten“ wurden „Umkehr- und Mitgliedschaftsräte“. Diese sprachliche Anpassung verdeutlicht, dass der eigentliche Zweck die Umkehr ist – eine Rückkehr zu Christus, Heilung und Erneuerung. 

Im Allgemeinen Handbuch (32.1) heißt es: „Ein Mitgliedschaftsrat ist keine Strafe. Er ist eine Möglichkeit, die Liebe des Erretters spürbar zu machen, die Umkehr zu fördern und sowohl das Mitglied als auch die Kirche zu schützen.“ 

Aussagen heutiger Kirchenautoritäten 

Präsident Russell M. Nelson hat betont, dass es im Evangelium nie darum gehe, Menschen auszuschließen, sondern sie zu Christus zurückzuführen. Ein Mitgliedschaftsrat könne in manchen Fällen notwendig sein, „damit ein Mensch den Ernst seiner Situation erkennt und die heilende Macht der Umkehr erfahren kann“. 

Elder D. Todd Christofferson erklärte: „Die kirchliche Disziplin ist ein wesentlicher Teil des Plans Jesu Christi. Sie soll den Menschen helfen, zu ihm zurückzukehren, wenn sie sich verirrt haben, und die Gemeinschaft der Kirche stärken.“ 

Auch Präsident Gordon B. Hinckley wies schon früher darauf hin, dass Disziplinarräte nicht als „Ende“, sondern als „Anfang einer neuen Chance“ gesehen werden sollten. 

Verbindung zu Lehre und Bündnisse 102 

Die Prinzipien aus Lehre und Bündnisse 102 sind auch heute noch erkennbar: 

  • Entscheidungen sollen im Rat und nicht im Alleingang getroffen werden. 
  • Fairness und die Möglichkeit für beide Seiten, gehört zu werden, sind grundlegend. 
  • Alles geschieht „nach der Stimme des Geistes“ – also in Demut und mit dem Ziel, den Willen des Herrn zu erkennen. 

Damit zeigt sich eine bemerkenswerte Kontinuität: Vom Hohen Rat in Kirtland bis zu heutigen Mitgliedschaftsräten bleibt das Ziel gleich – die Umkehr des Einzelnen und der Schutz der Kirche. 

Geistliche Anwendung für heute 

Für die Mitglieder der Kirche bedeutet diese Entwicklung, dass das Reich Gottes auf Erden nicht nur durch Predigt und Mission, sondern auch durch heilige Ordnung und Gerechtigkeit gestützt wird. Jeder weiß, dass Fehler und Sünden möglich sind, doch das Evangelium bietet immer einen Weg zurück. 

Die Mitgliedschaftsräte sind sichtbare Zeichen, dass die Kirche den Weg der Umkehr ernst nimmt, dass sie aber zugleich barmherzig und voller Liebe handelt. Wie im Neuen Testament beschrieben, geht es um die „Heimholung des Verlorenen“ (vgl. Lukas 15). 

Damit wird auch die Verantwortung der einzelnen Mitglieder verdeutlicht: Wir alle sollen einander helfen, in Rechtschaffenheit zu leben, und bereit sein, den Weg der Umkehr selbst zu gehen. 

Schlussgedanken 

Die Entwicklung der Kirchengerichte von den einfachen Diensten der Lehrer über die Verantwortung der Bischöfe bis hin zur Einrichtung des Hohen Rates und den heutigen Mitgliedschaftsräten zeigt den organischen Aufbau der Kirche Jesu Christi. Von Beginn an war es das Ziel, nicht zu bestrafen, sondern zu heilen, nicht auszuschließen, sondern zurückzuführen. 

Lehre und Bündnisse 102 legt das Fundament: Rat, Offenbarung, Fairness und das Wirken des Geistes. Heutige Kirchenführer führen diese Linie fort, indem sie den Schwerpunkt auf Umkehr und die Liebe Christi legen. 

So bleibt der Auftrag unverändert: Die Kirche Jesu Christi ist eine Gemeinschaft von Heiligen, die einander helfen sollen, auf dem Weg des Bundes zu bleiben – und wenn nötig, auch durch Mitgliedschaftsräte die heilende Kraft des Erretters zu erfahren. 

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Alles Fleisch ist in meiner Hand

13. September 2025, 05:51am

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Veröffentlicht von Manfred Lobstein

(Bild: Quelle)

“Darum sei euer Herz in Bezug auf Zion getrost, denn alles Fleisch ist in meiner Hand; seid ruhig und wisst, dass ich Gott bin.” (Lehre und Bündnisse 101:16). 

Lehre und Bündnisse 101 – Lehren für unser Handeln 

Verse 1–8 
Die Offenbarung beginnt mit der ernsten Erkenntnis, dass Prüfungen oft auch der Läuterung dienen. Die Leiden der Heiligen in Missouri werden hier als Teil göttlicher Zucht verstanden, um das Volk zu reinigen und für größere Segnungen vorzubereiten. Für unser Handeln bedeutet das: Wir sollen schwierige Erfahrungen nicht nur als Ungerechtigkeit sehen, sondern als Möglichkeit, Glauben, Demut und Gehorsam zu vertiefen. Hebräer 12:6–11 spricht in ähnlicher Weise davon, dass der Herr die liebt, die er züchtigt, und dass diese Zucht „Friede der Gerechtigkeit“ hervorbringt. 

Verse 9–21 
Trotz der aktuellen Notlage versichert der Herr, dass Zion bestehen wird und dass er sein Volk nicht verlässt. Die Sammlung wird zu gegebener Zeit erneut stattfinden. Das erinnert an Alma 36, wo Alma nach tiefer Not eine vollständige Wende erfährt. Für uns heißt das: Auch wenn ein Ziel verschoben oder blockiert scheint, sollen wir die göttliche Perspektive wahren und darauf vertrauen, dass Gottes Pläne zur rechten Zeit erfüllt werden. 

Verse 22–34 
Hier wird das künftige Friedensreich geschildert, in dem Christus regiert, die Erde erneuert ist und Harmonie herrscht. Diese Vision dient nicht nur der Hoffnung, sondern ist Maßstab für gegenwärtiges Handeln. Wer heute schon Gerechtigkeit übt, Frieden stiftet und Barmherzigkeit zeigt, lebt im Geist des kommenden Reiches. Matthäus 5 (die Seligpreisungen) und Jesaja 2:4 (Schwerter zu Pflugscharen) zeigen, dass dieses Ideal in der Gegenwart vorbereitet wird. 

Verse 35–42 
Das Gleichnis vom Edlen und seinen Dienern lehrt, dass Vernachlässigung geistiger Pflichten schwerwiegende Folgen hat. Die Diener hätten den Turm bauen und Wache halten sollen, doch Untätigkeit machte den Weinberg angreifbar. Für unser Leben heißt das: Wir müssen nicht nur beginnen, gute Dinge zu tun, sondern sie auch treu und mit Weitblick vollenden. Jesu Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Matthäus 25:1–13) und von den bösen Weingärtnern (Matthäus 21:33–41) zeigen die gleiche Lektion: Wachsamkeit und Ausdauer sind entscheidend. 

Verse 43–51 
Die Aufforderung, den Weinberg wiederherzustellen, zeigt, dass Rückschläge nicht das Ende bedeuten. Wer einen Auftrag Gottes hat, soll nach einem Verlust neu beginnen und das Werk fortsetzen. Das lehrt uns, bei Fehlschlägen nicht aufzugeben, sondern gestärkt wieder anzufangen. Galater 6:9 ermutigt uns: „Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir ernten, wenn wir nicht ermatten.“ 

Verse 52–58 
Die Sammlung wird erneut betont – nicht nur als physische Bewegung, sondern auch als geistige Vereinigung der Gläubigen. Jesaja 11:12 spricht von der Sammlung Israels aus allen Himmelsrichtungen. Heute bedeutet das, aktiv Einheit zu fördern, Differenzen zu überwinden und sich fest in die Gemeinschaft einzubringen, damit Zion stark werden kann. 

Verse 59–67 
Die Heiligen werden ermahnt, auf das Kommen des Herrn vorbereitet zu sein. Die Wiederkunft wird sicher eintreten, und wer wachsam ist, wird mit Freude empfangen. 1. Thessalonicher 5:2–6 erinnert daran, dass der Tag des Herrn wie ein Dieb in der Nacht kommt und dass die Gläubigen wach und nüchtern bleiben sollen. Für uns heißt das: Vorbereitung ist nicht passiv, sondern aktives, tägliches Leben im Glauben. 

Verse 68–75 
Diese Verse würdigen die Verfassung der Vereinigten Staaten als ein von Gott inspiriertes Dokument, das Freiheit schützt und Unterdrückung verhindern soll. Die Gläubigen werden angewiesen, legale und friedliche Mittel zu nutzen, um ihre Rechte zu verteidigen. Römer 13:1–7 und 1. Petrus 2:13–17 unterstreichen diesen Grundsatz: Recht und Ordnung sind zu achten, solange sie nicht im Widerspruch zu Gottes Geboten stehen. Für uns heute heißt das: Wir nutzen rechtsstaatliche Möglichkeiten, um für Gerechtigkeit einzutreten, und handeln dabei in Integrität. 

Verse 76–80 
Hier wird betont, dass niemand versklavt werden soll, da alle Menschen nach dem Bild Gottes geschaffen sind. Dies bezieht sich sowohl auf politische als auch auf geistige Freiheit. Galater 5:1 mahnt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit; so steht nun fest.“ Das gilt für den Schutz grundlegender Menschenrechte ebenso wie für die geistliche Freiheit durch Christus. 

Verse 81–95 
Das Gleichnis von der hartnäckigen Witwe (vgl. Lukas 18:1–8) wird als Vorbild gegeben, um zu zeigen, dass Ausdauer im Eintreten für das Recht notwendig ist. Die Heiligen sollen wie sie unermüdlich und auf rechtmäßige Weise um Gerechtigkeit ringen. Für unser Handeln heißt das: Wir lassen uns weder von Ablehnung noch von zeitlicher Verzögerung entmutigen, wenn wir für ein gerechtes Ziel eintreten. 

Verse 96–101 
Der Abschnitt endet mit einer umfassenden Aufforderung, in Hoffnung, Gehorsam und aktiver Erwartung zu leben. Das Reich Gottes wird kommen, und wer treu ist, wird Teil davon sein. Römer 8:24–25 erinnert daran, dass Hoffnung auf das Kommende Geduld erfordert. Für uns heißt das: Wir leben so, dass wir jederzeit bereit sind, vor den Herrn zu treten – und wir gestalten unser Umfeld nach den Prinzipien des Reiches, das wir erwarten. 

So ergibt sich aus Lehre und Bündnisse 101:1–101 ein klarer Handlungsrahmen: Prüfungen als Läuterung annehmen, an Verheißungen festhalten, aktiv Heiligkeit leben, geistige Aufgaben treu erfüllen, nach Rückschlägen neu beginnen, Einheit fördern, vorbereitet bleiben, Recht und Freiheit achten, Ausdauer im Ringen um Gerechtigkeit zeigen und in Hoffnung auf das Reich Gottes leben. 

Nach der Offenbarung von Dezember 1833 setzten die Heiligen die Lehren aus L&B 101 praktisch um, auch wenn die Rückkehr nach Jackson County zunächst nicht möglich war. In Missouri suchten sie rechtliche Wege, um Entschädigung und Wiederansiedlung zu erreichen, ganz im Sinne der Aufforderung, für Gerechtigkeit einzutreten. Petitionen wurden an den Gouverneur von Missouri und sogar an den Präsidenten der Vereinigten Staaten gerichtet, wenn auch ohne unmittelbaren Erfolg. 

Gleichzeitig stärkten sie ihre Gemeinschaft, indem sie sich in Clay County und anderen Gebieten neu organisierten. Diese „geistige Sammlung“ hielt das Ziel Zion lebendig, auch wenn der Ort vorerst verändert war. 1834 entsandte Joseph Smith das sogenannten Zionslager – über 200 Männer aus Ohio und anderen Bundesstaaten –, um den verbannten Heiligen beizustehen und die Bereitschaft zu zeigen, notfalls zu handeln. Obwohl dieser Zug nicht zur Rückkehr führte, brachte er geistlichen Zusammenhalt und bereitete mehrere spätere Führer der Kirche vor. 

So zeigte sich, dass die Umsetzung der Offenbarungslehren Geduld, Rechtschaffenheit, gemeinschaftlichen Einsatz und Beharrlichkeit erforderte – Eigenschaften, die die Kirche langfristig stärkten und das Werk Zions über die unmittelbare Krise hinaus trugen. 

findechristus.org

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Infolge ihrer Übertretungen

12. September 2025, 05:57am

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Veröffentlicht von Manfred Lobstein

Menschheit droht "unsägliches Leid"
(Bild: Quelle)

“Ich, der Herr, habe zugelassen, dass die Bedrängnis, womit sie bedrängt worden sind, infolge ihrer Übertretungen über sie gekommen ist;” (Lehre und Bündnisse 101:2). 

Lehre und Bündniusse 101 – Historischer Hintergrund und theologische Bedeutung 

Die Offenbarung, die heute als Abschnitt überliefert ist, wurde am 16. Dezember 1833 in Kirtland, Ohio, empfangen. Der unmittelbare Anlass war die Nachricht, dass die Heiligen in Jackson County, Missouri, wenige Wochen zuvor gewaltsam aus dem Land vertrieben worden waren, das sie als Erbteil Zions betrachteten. Seit 1831 hatten die Gläubigen unter Joseph Smith die Gegend westlich von Independence, Missouri, als den „Ort der Sammlung“ und als den zukünftigen Mittelpunkt des Reiches Gottes angesehen. Dort hatten sie Land erworben, Häuser gebaut und versucht, eine Gesellschaft aufzubauen, die nach den Gesetzen Gottes lebte. 

Die Krise von 1833 

Die Spannungen mit den älteren Siedlern in Jackson County hatten sich schon früh aufgebaut. Gründe dafür waren kulturelle und religiöse Unterschiede, wirtschaftliche Konkurrenz und das schnelle Wachstum der Heiligen. Zeitgenössische Quellen berichten, dass die Heiligen für ihre religiöse Mission, ihre Organisation und ihre Einheit bewundert, aber auch misstrauisch betrachtet wurden. Antimormonische Publikationen und Versammlungen schürten Ängste, die sich im Sommer und Herbst 1833 zu offener Gewalt steigerten. 

Im Juli 1833 zerstörte ein Mob die Druckerei in Independence, in der die Evening and Morning Star herausgegeben wurde, und zwang mehrere Führer der Kirche zu einer Vereinbarung, die Hälfte der Mitglieder bis Anfang 1834 aus der Grafschaft zu entfernen. Doch als es im November tatsächlich zu gewaltsamen Übergriffen kam, wurde die Vereinbarung von den Angreifern ignoriert. Häuser wurden niedergebrannt, Vieh getötet oder gestohlen, und Männer, Frauen und Kinder wurden unter Waffengewalt vertrieben. Die meisten flohen in benachbarte Grafschaften, vor allem nach Clay County. 

Die Nachricht erreicht Kirtland 

Joseph Smith befand sich zu dieser Zeit in Kirtland, wo der Bau des Tempels in Planung war und die Führung der Kirche organisatorisch weiter ausgebaut wurde. Die erschütternden Berichte aus Missouri trafen im Dezember ein und lösten tiefe Sorge aus. Joseph Smith schrieb in Briefen, dass er Tag und Nacht für die Heiligen betete. Neben dem geistlichen Kummer stand die praktische Frage im Raum: Was sollte man nun tun, nachdem Zion gewaltsam verloren schien? 

Inhaltliche Hauptlinien der Offenbarung 

Die Offenbarung in Abschnitt 101 ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, weil sie die Katastrophe weder nur als menschliche Tragödie noch ausschließlich als ungerechtes Leid behandelt. Sie beginnt mit der Feststellung, dass das Volk des Herrn in gewissem Maß auch eigene Verantwortung für das Geschehene trägt. Fehlende Treue, Ungehorsam und mangelnde Heiligkeit hätten dazu beigetragen, dass sie „unter das Gesetz der Zucht“ gestellt wurden. Das Leid wird so nicht als sinnlos dargestellt, sondern als ein reinigender Prozess, der das Volk befähigen soll, die Segnungen Zions würdig zu empfangen. 

Gleichzeitig wird deutlich gemacht, dass der Herr die Leiden seines Volkes sieht und dass er sie nicht verlassen hat. Die Vertreibung ist nicht das Ende von Zion. Vielmehr verheißt die Offenbarung, dass Zion in der Zukunft wieder aufgebaut werden wird und dass die Heiligen dorthin zurückkehren dürfen, wenn die Zeit reif ist. Diese Perspektive – Leiden jetzt, aber herrliche Verwirklichung später – war für die Glaubensgemeinschaft tröstlich und mobilisierend. 

Vision vom Millennium 

Ein Abschnitt der Offenbarung beschreibt in poetischen Bildern die Zeit des tausendjährigen Friedens, wenn Christus persönlich auf der Erde regiert. Es wird ein Zustand geschildert, in dem alle Tränen abgewischt werden, in dem die Schöpfung erneuert wird und die Menschen in Sicherheit und Freude leben. Diese Darstellung steht im Kontrast zur gegenwärtigen Notlage und bietet den Gläubigen eine eschatologische Hoffnungsperspektive: Das Ziel ist nicht nur die Wiederherstellung der Siedlungen in Missouri, sondern die Errichtung eines Reiches, das über diese Zeit hinaus Bestand hat. 

Das Gleichnis vom Edlen und seinen Dienern 

Ein zentrales Bild der Offenbarung ist das Gleichnis vom Edlen, der seinen Dienern befiehlt, einen Weinberg zu pflanzen, einen Turm zu bauen und ihn zu bewachen. Die Diener pflanzen zwar die Bäume, unterlassen es aber, den Turm zu errichten. Als Feinde kommen und den Weinberg verwüsten, wird deutlich, dass es an Wachsamkeit und Gehorsam gefehlt hat. Der Edle befiehlt daraufhin, den Turm wieder aufzubauen und den Weinberg zu schützen. 

Historisch verstanden bezieht sich dieses Gleichnis auf den Aufbau Zions und den Schutz seiner geistlichen und materiellen Grundlagen. Die „Diener“ können sowohl einzelne Mitglieder als auch Führer der Kirche darstellen, die ihrer Aufgabe nicht vollständig nachgekommen sind. Zugleich ist es eine Aufforderung an alle Gläubigen, künftig wachsamer und gehorsamer zu sein, damit die Arbeit des Herrn nicht durch Vernachlässigung gefährdet wird. 

Sammlung und heilige Orte 

Die Offenbarung betont mehrfach die Notwendigkeit, dass die Heiligen sich weiterhin sammeln und ihre Gemeinschaft in geordneten, vom Herrn bestimmten Orten festigen. Auch wenn die Rückkehr nach Jackson County vorerst verschoben ist, bleibt das Prinzip der Sammlung in Kraft. Heilige Orte – sei es in Kirtland, Far West oder anderswo – sollen als Zentren geistlichen Lebens dienen. 

Politische Dimension: Die Verfassung und das Recht auf Freiheit 

Ein besonders bemerkenswerter Teil des Abschnitts würdigt die Verfassung der Vereinigten Staaten als von Gott inspiriert. Sie habe den Zweck, jedem Menschen das Recht auf Freiheit und Eigentum zu sichern und vor Unterdrückung zu schützen. Die Heiligen werden ermahnt, ihre Rechte auf legale Weise zu verteidigen, notfalls bis vor die höchsten Gerichte. Hier wird eine deutliche Verbindung zwischen göttlichem Auftrag und bürgerlicher Ordnung gezogen: Der Aufbau Zions geschieht nicht im rechtsfreien Raum, sondern in Achtung und Nutzung der rechtlichen Möglichkeiten, die Gott durch menschliche Institutionen bereitgestellt hat. 

Diese Perspektive war praktisch relevant, weil die Führer der Kirche tatsächlich planten, eine formale Petition an die Regierung Missouris und, falls nötig, an den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu richten. Dieser Teil der Offenbarung wurde als direkte Aufforderung verstanden, juristische und politische Mittel zu ergreifen, um Gerechtigkeit zu erlangen. 

Durchhalten und Beharrlichkeit 

Die letzten Verse des Abschnitts greifen das biblische Gleichnis von der hartnäckigen Witwe (Lukas 18) auf, die immer wieder zum Richter ging, bis dieser ihr Recht verschaffte. Die Heiligen sollten nicht in Resignation verfallen, sondern in beständigem, gesetzmäßigem Handeln für ihre Rechte eintreten, und dabei auf die Unterstützung Gottes vertrauen. 

Diese Ermahnung verband geistliche und praktische Ebenen: Das Ringen um Zion war sowohl ein Glaubensakt als auch ein gesellschaftlicher Prozess. Die Mitglieder mussten bereit sein, für ihre Rechte einzustehen, und gleichzeitig im Glauben fest zu bleiben, auch wenn die Erfüllung der Verheißungen noch ausstand. 

Wirkungsgeschichte 

Die Offenbarung von Dezember 1833 prägte die Haltung der Kirche in den folgenden Monaten und Jahren. Sie motivierte zur Organisation des sogenannten „Zionslagers“ im Jahr 1834, einer Expedition von über 200 Männern aus Ohio und anderen Staaten nach Missouri, um den vertriebenen Heiligen zu helfen und die Rückkehr nach Jackson County zu ermöglichen. Zwar führte das Zionslager nicht zu einer unmittelbaren Rückkehr, doch festigte es das Gemeinschaftsgefühl und bereitete die Führerschaft künftiger Apostel vor. 

Die theologische Deutung von Leid als Läuterung, die Verbindung von geistlicher und bürgerlicher Ordnung sowie die Betonung von Sammlung und heiligen Orten sind bis heute prägende Themen in der Auslegung von Abschnitt 101. Für die damaligen Mitglieder bot die Offenbarung Trost, Orientierung und konkrete Handlungsanweisungen in einer Zeit tiefer Unsicherheit. 

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